Wann sollte Diabetes operiert werden?

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin

Kann man Diabetes wegoperieren? Internationale Experten sagen: Ja! Eine Magen-Bypass-Operation soll das Übergewicht von Betroffenen drastisch senken und so eine der Hauptursachen für Diabetes beseitigen.

Diabetes gehört zu den größten Volkskrankheiten unserer Zeit. In Deutschland leben rund sieben Millionen Betroffene. Die meisten davon leiden unter Diabetes Typ 2. Durch die verminderte Produktion von Insulin können sie keinen Zucker abbauen und leiden unter einem erhöhten Blutzuckerspiegel. Bei fortgeschrittenem unbehandelten Krankheitsverlauf werden die Gefäße massiv geschädigt und das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle steigt an. Nicht nur die Betroffenen leiden unter den Symptomen der Krankheit. Auch das Gesundheitssystem wird durch Kosten in Millionenhöhe belastet.

In Deutschland wird Diabetes Typ 2 hauptsächlich mit Medikamenten, die der Bauchspeicheldrüse helfen, mehr Insulin zu produzieren behandelt. In den USA, vielen skandinavischen Ländern und Südeuropa ist es üblicher, diese Diabetesform durch eine Magen-Bypass-Operation zu behandeln. Denn die Stoffwechselerkrankung ist meistens eng mit starkem Übergewicht verbunden. 

Ein Magen-Bypass führt zu einer Gewichtsreduktion und soll so die Insulinresistenz absenken. „Diabetes ist eng mit Adipositas verknüpft, erklärt Professor Andreas Pfeiffer, Leiter der Abteilung Klinische Ernährung am Deutschen Institut für Ernährungsforschung. Die übergewichtssenkende Chirurgie in Form eines Magen-Bypasses führe bei den meisten Patienten mit einem Body Mass Index (BMI) von über 35 zu einer Gewichtsreduktion um 20 bis 50 kg und damit in den meisten Fällen zu einer Rückbildung des Diabetes. Deutschland sei bei dieser Art der Therapie allerdings immer noch eine Art „Entwicklungsland“.

 

Operation als Standard-Therapie bei Diabetes?

In einem gemeinsamen Statement haben jetzt mehrere internationale Diabetes-Organisationen die Operationen zur Gewichtsreduktion wie Magen-Bypass oder Magenband erstmals als Standard-Therapieoption für bestimmte Patienten mit Diabetes Typ 2 empfohlen. Das Statement wurde im Fachmagazin Diabetes Care veröffentlicht. Die in Deutschland übliche medikamentöse Therapie hat den Nachteil, dass die Medikamente häufig gefäßschädigende Nebenwirkungen haben, welche insgesamt die Lebenserwartung der Diabetiker senken können. Deshalb empfiehlt auch Professor Arne Dietrich, Leiter des Bereichs Bariatrische Chirurgie (Adipositaschirurgie) am Universitätsklinikum Leipzig: „Da viele Diabetiker schlecht eingestellt sind, hat dies regelhaft mikro- bzw. makrovaskuläre Komplikationen zur Folge, die die Lebenserwartung Betroffener limitieren. Nach einem erfolgreichen metabolischen Eingriff verbessert sich die Stoffwechsellage dramatisch, meist innerhalb weniger Tage, was zu einer Verlängerung der Lebenserwartung führt“.

 

Nur wenige bariatrische Operationen in Deutschland

Dass in Deutschland diese Art der Therapie noch nicht so verbreitet ist, hat seiner Ansicht nach mehrere Ursachen: „In Deutschland ist die Versorgungslage bezüglich bariatrischer Operationen eher schlecht. Im Vergleich zu einigen westlichen Nachbarländern werden pro Kopf der Bevölkerung fünf- bis zehnmal weniger Eingriffe vorgenommen. Dies hängt mit der Stigmatisierung der Betroffenen, Unkenntnis über diese Therapieoption und der häufigen Weigerung der Krankenkassen zusammen, die Kosten für die Operation zu übernehmen“.

Da in Deutschland Adipositas keine von den Kassen anerkannte Erkrankung ist, muss jede Prozedur getrennt genehmigt werden. Auch muss berücksichtigt werden, dass die Operation eine Komplikationsrate von etwa zehn Prozent hat. Professor Matthias Tschöp, Direktor des Instituts für Diabetes und Adipositas am Helmholtz-Zentrum in München, gibt außerdem zu bedenken, dass eine Magen-Bypass-Operation oder eine Magenverkleinerung massive chirurgische Eingriffe sind, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Solche Maßnahmen sollten seiner Meinung nach eher als ultima ratio angewendet werden: „Bei lebensbedrohlichen Stoffwechselproblemen bieten solche Operationen zwar einen möglichen Ausweg, aber unsere Aufgabe in der Diabetesforschung bleibt es, effektive und sichere Wirkstoffe zu entwickeln, mit denen solch verzweifelte Situationen durch individualisierte Prävention vermieden werden können“.

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Hamburg, 25. Mai 2016

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