Wann führen Tabletten zur Abhängigkeit?

Tabletten koennen abhängig machen
Der sorglose Umgang mit Tabletten kann unbemerkt in die Abhängigkeit führen: In Deutschland gibt es rund 1,6 Millionen Medikamentenabhängige © Fotolia

Medikamente sollen heilen. Aber es kann auch eine Sucht entstehen, wenn zu viel davon genommen wird. Deshalb ist es wichtig, auf erste Warnzeichen zu achten.

Bei Kopfschmerzen z. B. schlucken wir einfach eine Tablette, um wieder fit zu sein. Warum auch nicht? Hauptsache, es geht uns besser. Das ist richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Die wenigsten denken daran, dass der sorglose Umgang mit Tabletten unbemerkt in die Abhängigkeit führen und süchtig machen kann . Sie brauchen immer höhere Dosen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Nach Schätzungen von Suchtexperten gibt es rund 1,6 Millionen Medikamentenabhängige in Deutschland. Aber welche Mittel besitzen ein Suchtpotenzial, und wie kann man gegensteuern? Wir geben einen Überblick.

 

Schmerzmittel
: Was führt zur Sucht und Abhängigkeit?

Kopfschmerzen sind der häufigste Grund für den Griff zur Tablette. Nach Vorschrift eingenommen ist das okay. Wer aber über drei Monate oder länger an mehr als 10 bis 15 Tagen im Monat schmerzstillende Mittel schluckt, riskiert Kopfschmerzen durch Kopfschmerzmittel. Die Ursache sind Veränderungen in Teilen des Nervensystems. Werden die Tabletten abgesetzt, treten Kopfschmerzen auf. Also wieder eine Tablette. Die wirkt immer schlechter, weil sich die körpereigenen Schmerzregler daran gewöhnt haben und mehr verlangen. Ein Teufelskreis beginnt – Sucht entsteht.

Was soll man tun?

Hier muss das auslösende Schmerzmittel ganz abgesetzt werden. Der Entzug kann ambulant oder in der Klinik durchgeführt werden. In den ersten Tagen verstärken sich die Schmerzen durch das Absetzen. Dagegen kann der Arzt kontrolliert andere Mittel verabreichen. Ist man „clean“, darf man auch in Zukunft wieder Schmerzmittel nehmen, aber nach Vorschrift!

 

Schlafmittel: 
Was führt zur Sucht und Abhängigkeit?

Schlafstörungen und das Gefühl, dem Alltag nicht mehr gewachsen zu sein, sind die häufigsten Gründe, sich Schlaf- oder Beruhigungsmittel verschreiben zu lassen. Meist handelt es sich um niedrig dosierte Benzodiazepine. Sie wirken schnell, den Betroffenen geht es besser. Das weckt den Wunsch, diesen Zustand beizubehalten, also die Tabletten weiter zu nehmen. Aber: Benzodiazepine sollten nicht länger als drei Wochen genommen werden, weil sie süchtig und abhängig machen.

Was soll man tun?

Die Tabletten auf keinen Fall abrupt nicht mehr nehmen. Das führt zu einem Rückfall, weil die Beschwerden schnell wieder da sind. Richtig: Tabletten unter ärztlicher Kontrolle langsam absetzen.

 

Hustenstiller
: Was führt zur Sucht und Abhängigkeit?

Die Rede hier ist von rezeptpflichtigen Hustenmitteln, die Codein enthalten. Codein ist ein Opioid, das stimmungserhellend wirken kann. Darin liegt die Gefahr, dass diese Mittel auch weiter eingenommen werden, wenn der Husten längst weg ist.

Was soll man tun?

Hustenmittel mit Codein sollte man nicht länger als 14 Tage einnehmen – dann abrupt absetzen. Alternative: pflanzliche Hustenmittel mit Extrakten aus Primelwurzel und Thymian.

 

Abführmittel: Was führt zur Sucht und Abhängigkeit?

Bei Verstopfung sollen Abführmittel das Problem lösen. „Man kann davon abhängig werden“, warnt Prof. Peter Malfertheiner, Internist aus Magdeburg. „Die Wirkstoffe darin werden von Keimen im Darm abgebaut. Das stimuliert die Darmnerven, die den Muskel anregen. Die Nerven gewöhnen sich jedoch an diese Stimulierung und reagieren ohne die Abführmittel nicht mehr. Und irgendwann lassen sie sich nicht mehr stimulieren.“

Was soll man tun?

Abführmittel nur gelegentlich einsetzen. Frauen, bei denen gar nichts mehr wirkt, können sich ein neues Mittel mit dem Wirkstoff Prucaloprid verschreiben lassen. Das soll nicht abhängig machen. Über die Langzeitfolgen ist aber noch nichts bekannt. Ansonsten hilft eine ballaststoffreiche Kost der Verdauung.

 

Nasentropfen
: Was führt zur Sucht und Abhängigkeit?

Bei Schnupfen ist die Nase dicht, weil die Schleimhäute anschwellen. Hier helfen abschwellende Nasentropfen. Allerdings sollte man sie nicht länger als zwei Wochen nehmen, weil sich die Nase daran gewöhnt. Folge: Die Dosis muss erhöht werden. Gleichzeitig schwillt die Schleimhaut noch stärker an, sobald die Wirkung der Tropfen nachlässt.

Was soll man tun?

Setzen Sie das Mittel schleichend ab, in dem Sie auf ein Spray für Kinder umsteigen. Es enthält eine geringere Menge des Wirkstoffs, erleichtert aber den Ausstieg.

 

Warnsignale für Sucht und Abhängigkeit für Angehörige

1. Arztwechsel: Der Betroffene sucht plötzlich verschiedene Ärzte auf. So fällt nicht auf, dass er sich bestimmte Medikamente in größeren Mengen verschreiben lässt.

2. Persönlichkeitsveränderungen: Interessenverlust, Stimmungsschwankungen, aber auch ständige Müdigkeit und Gewichtsverlust.

3. Entzugserscheinungen:  Oft machen sich Abhängigkeiten erst so richtig bemerkbar, wenn das Mittel abrupt abgesetzt wurde, z. B. weil es im Urlaub vergessen wurde.

Quelle: Fernsehwoche, 4/2012

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