Wahrheiten über das Impfen

Verena Elson
Ein Kleinkind wird geimpft
Mit einer Impfung schützen Eltern nicht nur das eigene Kind, sondern auch Babys, die noch nicht geimpft werden können © iStock/FatCamera

In Italien gilt ab sofort eine Impfpflicht für Kinder. Deutsche Kinder- und Jugendärzte fordern den hiesigen Gesetzgeber auf, dem italienischen Beispiel zu folgen. Ist eine Impfpflicht eine gute Idee? Welche Impfungen sind für Kinder wirklich notwendig? Und welche Risiken bergen sie?

Alle Kinder in Italien bekommen ab sofort zehn Impfungen – darunter die gegen Masern, Tetanus und Diphtherie. Kommen Eltern der Impfpflicht nicht nach, drohen ihnen Geldstrafen zwischen 100 und 500 Euro. Außerdem dürfen ungeimpfte Kinder bis zu sechs Jahren nicht in Krippen, Kindergärten oder Vorschulen aufgenommen werden.

Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte begrüßt das Urteil des italienischen Verfassungsgerichts, das die von der italienischen Regierung erlassene Impfpflicht gebilligt hat.

„Menschen sterben an Krankheiten, die längst ausgerottet wären, wenn sich alle Eltern gleichermaßen verantwortungsbewusst verhalten würden“, sagte BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach in einer Pressemitteilung. „Aus diesem Grund sind wir Kinder- und Jugendärzte inzwischen Verfechter der Impfpflicht vor Aufnahme in Gemeinschaftseinrichtungen.“

 

Was passiert eigentlich bei einer Impfung?

Wer einmal an einem bestimmten Virus erkrankt ist, ist künftig immun dagegen. Der Grund dafür sind die sogenannten „Gedächtniszellen“ des Immunsystems, die sich an den Erreger erinnern können. Dringt er erneut in den Körper ein, lösen sie sofort eine Immunreaktion dagegen aus und es kommt nicht zum Ausbruch der Krankheit.

Diesen Trick des Immunsystems macht sich die Impfung zunutze. Dabei werden dem Körper tote oder abgeschwächte Erreger verabreicht. Diese machen den Geimpften nicht krank, aber sein Immunsystem setzt sich dennoch mit dem „Eindringling“ auseinander. Kommt der Mensch später noch einmal mit dem Erreger in Kontakt, erinnern sich seine Gedächtniszellen und er wird nicht krank.

 

Welche Impfungen brauchen Kinder?

Ab der siebten Lebenswoche empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Schluckimpfung gegen Rotaviren und die erste Sechsfachimpfung (Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Polio, das Bakterium Haemophilus influenzae Typ b und Hepatitis B) sowie eine Mehrfachimpfung gegen Pneumokokken. Bis zum ersten Geburtstag folgen zwei weitere Kombi-Impfungen zur Auffrischung.

Rotaviren
Ab der siebten Lebenswoche empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Schluckimpfung gegen Rotaviren© istock

Mit etwa einem Jahr sollten Kleinkinder laut STIKO-Empfehlung gegen Masern, Mumps, Röteln und Meningokokken geimpft werden. Diese Impfung muss in den ersten Schuljahren noch einmal aufgefrischt werden. Mädchen sollten sich außerdem gegen Humane Papilloviren (HPV) impfen lassen, da diese Viren später Gebärmutterhalskrebs auslösen können.

 

Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?

Nach der Impfung können bei dem Kind Symptome auftreten, die zeigen, dass sich sein Immunsystem mit dem Erreger auseinandersetzt. Zu solchen Reaktionen zählen Rötungen und Schwellungen der Einstichstelle (meist nach ein bis drei Tagen verklungen), Schwellungen der Lymphknoten nahe der Einstichstelle, Fieber, allgemeines Unwohlsein und Unruhe.

Bei Lebendimpfstoffen können ein bis drei Wochen nach der Impfung abgeschwächte Symptome der Erkrankung auftreten, beispielsweise Bauchschmerzen nach der Rotaviren-Impfung oder ein Hautausschlag nach der Masernimpfung.

Nach der Rotaviren-Impfung kommt es bei etwa ein bis zwei von 100.000 Kindern zu einer sogenannten Invagination, bei der sich ein Darmabschnitt in einen anderen stülpt. Wird diese Komplikation zu spät erkannt, kann es schlimmstenfalls zu einem Darmverschluss kommen, der sofort operiert werden muss. Nach dieser Impfung sollten Eltern darum auf Anzeichen einer Darmeinstülpung achten. Dazu zählen Bauchschmerzen und schrilles Schreien mit angezogenen Beinen, Erbrechen und blutiger Stuhl. Bei diesen Symptomen sollte ein Krankenhaus aufgesucht werden.

An dem Gerücht, dass Impfungen das Risiko für den Plötzlichen Kindstod (SIDS für Sudden Infant Death Syndrom) erhöhen, ist dagegen nichts dran. Das zeigte eine 2015 durchgeführte Studie. Demnach ist sogar das Gegenteil der Fall: Je höher die Impfquote ist, desto niedriger ist die Zahl der SIDS-Fälle. Auch das Risiko für Autismus wird durch Impfungen nicht erhöht – das ist ebenfalls wissenschaftlich belegt.

Mädchen wird geimpft
Mädchen sollten sich gegen Humane Papilloviren (HPV) impfen lassen, da diese Viren Gebärmutterhalskrebs auslösen können© istock
 

Müssen kleine Babys wirklich schon geimpft werden?

Gerade bei den ersten Impfungen haben viele Eltern Bedenken – sie wollen lieber ein halbes Jahr damit warten, als ihren Kleinen schon mit sieben Wochen eine Impfung zuzumuten. Doch gerade diese ersten Impfungen sind besonders wichtig für Babys. Beispielsweise Keuchhusten kann im Säuglingsalter tödlich enden – und für diese Erkrankung gibt es keinen sogenannten Nestschutz, das heißt es werden keine Antikörper von der Mutter auf das Kind übertragen.

Selbst Frühgeborene, die bereits in der 25. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen (also 15 Wochen zu früh) werden mit den gleichen Impfstoffen geimpft wie reifgeborene Kinder – denn die Impfstoffe werden auch von ihnen gut vertragen und Krankheiten wie Masern können für sie lebensbedrohlich werden.

 

Impfen oder nicht – sollte die Entscheidung nicht den Eltern überlassen werden?

Bisher wird sie das – wer sein Kind nicht impfen lässt, muss keine rechtlichen Konsequenzen fürchten. Und doch ist es eine Entscheidung, die nicht nur das eigene Kind betrifft – weil im Krankheitsfall auch andere Kinder gefährdet sind. Beispiel Masern: Babys können erst mit elf Monaten gegen das Virus geimpft werden. Stecken sie sich bei anderen, ungeimpften Kindern an, kann das für sie lebensbedrohlich werden.

Langfristiges Ziel von Impfkampagnen ist es außerdem, Krankheiten wie die Masern ganz auszurotten – nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das allerdings nur dort möglich, wo die Impfquote über mehrere Jahre mindestens 95 Prozent beträgt. Mediziner sehen in der Entscheidungsfreiheit für oder gegen die Impfung darum nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung.

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