Wachstumsstörungen: Kleine Frau ganz groß

Kleinwuchs
Der Alltag mit Wachstumsstörungen kann eine Herausforderung sein: Möbel und Kleidung für Kleinwüchsige müssen angefertigt, Türklinken in erreichbare Höhe versetzt werden © Fotolia

Seit ihrer Geburt leidet Anna Steigmeier unter Wachstumsstörungen. Wie die 18-Jährige mit ihren 97 Zentimetern ihren Alltag meistert? Hier lesen Sie ihre Geschichte.

Auf belebten Kreuzungen in der Stadt wird sie oft von besorgten Menschen an die Hand genommen. Es kam auch schon vor, dass Passanten sie hilfreich über die Straße tragen wollten. „Wenn ich im Schwimmbad ohne Schwimmflügel ins tiefe Wasser springe, hechten Badegäste mir nach, um mich notfalls retten zu können”, berichtet Anna Steigmeier lächelnd. „Und wenn ich am Samstagabend mit meiner gleichaltrigen Freundin ausgehe, wird sie immer wieder mit der Frage angequatscht: ,Wieso darf eine Mutter ihr Kind nachts in eine Disko mitnehmen...?`”

 

Kleinwuchs im Alltag

An solche Sprüche hat die blonde Frau sich inzwischen ebenso gewöhnt wie an die wohlgemeinte Hilfsbereitschaft fremder Leute. Sie ist zwar klein von Gestalt und mit 14 Kilo ein Leichtgewicht. Aber als Persönlichkeit ist sie ganz groß. Mit ihren 97 Zentimetern meistert Anna Steigmeier den Alltag geradezu bewundernswert. Die 18-Jährige ist bereits stolze Besitzerin eines Führerscheins und fährt ihr eigenes Auto. Missverständnisse aufgrund ihrer Wachstumsstörung quittiert sie mit einem sanften Lächeln. In ihrem Heimatort, wo jeder sie kennt, gibt es ohnehin keine Probleme. Da heißt es nur: „Servus Anna, wie geht's?” Man zeigt Respekt vor ihr, denn trotz der „Winzigkeit” hat sie ihr Leben fest im Griff, hat Freundinnen und Freunde wie andere junge Leute auch.

Seit ihrer Geburt leidet Anna an Wachstumsstörungen, doch sie empfindet keinerlei Bitterkeit. „Schon im Kindergarten musste ich damit leben, dass alle anderen Mädchen und Jungen viel größer waren als ich. Trotzdem habe ich stets alles mitgemacht und versucht, genauso gut zu sein wie die anderen oder sogar noch etwas besser.” Das können Vater Herbert Steigmeier (52) und Ehefrau Luise (49) nur bestätigen: „Unsere Tochter versuchte immer, ihren Willen kämpferisch durchzusetzen.”

 

Diagnose Wachstumsstörung

Als sie zur Welt kam, wog Anna bei einer Länge von 40 Zentimetern immerhin 2.500 Gramm. Doch schon eine Woche später eröffneten die Ärzte der Mutter: „Das Baby ist zu klein!” Zu erfahren, dass ihr Kind an einer Wachstumsstörung litt, war für die Eltern ein echter Schock. Anfangs hofften sie zwar noch auf Hilfe, doch ihre jahrelange Odyssee von Arzt zu Arzt, von einem Krankenhaus zum nächsten war vergebens. Alle Mediziner mussten letztendlich kapitulieren. „Es wurde ein nicht einzuordnender Zwergwuchs festgestellt. Ein vermutlich genetisch bedingter, irreparabler Defekt im Knorpelwachstum”, berichtet die Mutter, Luise Steigmeier. „Wenn die Knochenfugen, die für das Wachstum verantwortlich sind, eine Störung aufweisen, stoppt dies das Wachstum des Körpers.”

 

Hormontherapie soll Wachstum anregen

Mit dieser Erklärung der Mediziner mussten die Eltern sich abfinden. Aber sie wollten ihrer kleinen Tochter das Leben zu Hause wenigstens so einfach wie möglich machen. Sie richteten das Mädchenzimmer mit Mini-Möbeln passend für ihre Größe ein. Anna, deren sechs Jahre jüngerer Bruder Philipp ganz normal heranwuchs, bekam auch ein eigenes Bad, das ihren Maßen entspricht. Die Eingangstür des Elternhauses wurde mit einem zweiten Griff in einer für die Schülerin leicht erreichbaren Höhe versehen.

Als Anna 15 Jahre alt war, begannen die Ärzte mit einer drei Jahre dauernden Hormontherapie, um ihr Wachstum anzuregen. Tatsächlich misst das Mädchen seither auch stolze zehn Zentimeter mehr. Doch die Behandlung hat letztlich nur das „normale” Wachstum beschleunigt, das sonst erst später abgeschlossen wäre.

So muss Anna nun mit ihren 97 Zentimetern weiterleben. Die fehlende Körperlänge hindert sie aber keineswegs daran, tanzen zu gehen und wie ihre Freundinnen Sport zu treiben: Schwimmen, Eislaufen, Radfahren – alles macht sie begeistert mit. Nach dem Abschluss der Fachschule möchte sie einen Beruf ergreifen, bei dem sie mit vielen Menschen zusammenkommt – „vielleicht im Tourismus”, meint sie.

 

Auto für Kleinwüchsige umgebaut

Um ihrer Tochter den Traum vom eigenen Auto zu erfüllen, brachten die Eltern große finanzielle Opfer. „Die Umrüstung auf ihre Bedürfnisse kostete genauso viel wie der Kleinwagen selbst”, sagt Herbert Steigmeier. Aber Annas Vorfreude auf die mit dem Auto verbundene Unabhängigkeit wurde zunächst getrübt. Die Landesbehörde ließ sie mit Hinweis auf ihre Größe nicht zur Fahrprüfung zu. Der Behindertensprecher eines Autofahrer-Klubs erreichte schließlich, dass das Mädchen einen Spezialkurs machen und zur Prüfung antreten durfte. Diese schaffte Anna auf Anhieb und nahm glücklich den ersehnten Führerschein in Empfang. „Damit wollte ich auch anderen Behinderten ein Beispiel geben, die Schwierigkeiten des täglichen Lebens zu meistern und sich nicht unterkriegen zu lassen”, sagt Anna. „Ich bin zwar klein – aber oho!”

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