Vorzeitigen Samenerguss in den Griff kriegen – ein Männerarzt gibt Rat

Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Viele Männer ziehen gar nicht in Erwägung, vorzeitige Ejakulationen medizinisch überprüfen zu lassen oder haben sogar Angst davor, ihr Problem mit einem Arzt zu besprechen. Unser Experte für Männergesundheit, Androloge, Urologe und Sportmediziner Prof. Frank Sommer, gibt Anworten auf die häufigsten Fragen. Erfahren Sie außerdem, wie Sie das Hinauszögern des Orgasmus trainieren können.

 

Wie häufig ist Ejaculatio praecox und sollten alle Betroffenen damit zum Arzt?

Ejakulationsstörungen sind sehr häufig. In Deutschland sind 20 bis 30 Prozent aller Männer betroffen. Interessanterweise verspürt nur circa ein Zehntel der Betroffenen einen so hohen Leidensdruck, dass sie einen Arzt konsultieren. Daher gehen entsprechend wenige Männer mit Ejakulationsstörungen zum Arzt. Insbesondere, wenn sie unter vorzeitigem Samenerguss leiden.

 

Welche Folgen hat der vorzeitige Samenerguss für die Lebensqualität und Psyche der Betroffenen?

Die Männer, die einen erhöhten Leidensdruck verspüren, fühlen sich häufig in ihrer Männlichkeit beschnitten und insbesondere beim Geschlechtsverkehr sehr unwohl. Sie wünschen sich eine schnelle Lösung für ihr Problem. Für die meisten Männer hat der vorzeitige Samenerguss jedoch keinen negativen Einfluss auf die Lebensqualität oder auf die Psyche.

 

Welcher Facharzt wäre denn der richtige Ansprechpartner, wenn ich unter der Ejakulationsstörung leide?

Wenn es um die Diagnose und Behandlung von Ejakulationsproblemen geht, sind vor allem Ärzte, die sich auf Männergesundheit spezialisiert haben, die richtigen Ansprechpartner. Nicht alle Urologen setzen sich mit dieser Thematik auseinander und können die erforderlichen Untersuchungen durchführen. Allgemeinmediziner sind verständlicherweise ebenfalls keine Experten auf diesem Gebiet.

 

Sollte meine Partnerin zum Arzttermin beim Andrologen oder Urologen mitkommen?

Jeder Mann sollte für sich entscheiden, ob er die Begleitung seiner Partnerin zum Arzttermin als hilfreich empfindet. Wenn sich der Mann unwohl fühlt, in Anwesenheit seiner Partnerin über dieses Thema zu sprechen, sollte er besser allein zum Arzt gehen. Auch wenn die Sexualität natürlich beide Partner betrifft.

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Experte Prof. Sommer: "Kombinationstherapien sind langfristig am erfolgversprechendsten. Sie führen oftmals sogar dazu, dass Männer, bei denen es vor der Therapie nach wenigen Sekunden teils noch vor dem Penetrieren zur Ejakulation kam, im Anschluss mehrere Minuten in der Lage sind, Sexualität zu erleben und ihre Partnerin zum Höhepunkt zu bringen."© privat
 

Sind beschnittene Männer weniger oft von vorzeitigem Samenerguss betroffen?  Wenn ja, kommt dann eine Beschneidung als Ejaculatio praecox-Behandlung in Frage?

Es wurde lange darüber diskutiert, ob eine Vorhautentfernung als Therapie für vorzeitigen Samenerguss in Frage kommt. Der Grund ist, dass die Eichel des Mannes nach der Beschneidung freiliegt und es zu einer leichten Verhornung kommt. Einige Ärzte vermuten, dass hierdurch eine Desensibilisierung entsteht. Die Studienlage ist hierzu allerdings sehr durchwachsen und ich empfehle es meinen Patienten auf keinen Fall.

 

Was halten Sie von Ablenkungs-Tricks, z. B. Kopfrechnen oder an etwas Unerotisches denken, um die Ejakulation hinauszuzögern?

Natürlich führt eine gewisse Ablenkung dazu, dass der Samenerguss hierdurch verzögert werden kann. Die Frage ist allerdings, ob dies ein Lustgewinn für den betroffenen Mann und seine Partnerin ist. Sexualität soll Spaß machen und vermutlich macht es den wenigsten Männern Spaß, zum Beispiel dreistellige Zahlen zu multiplizieren, während sie sexuell aktiv sind.

 

Welche Techniken oder Methoden haben Ihren Patienten geholfen, den Samenerguss hinauszuzögern?

Wenn Männer zu uns in die Sprechstunde kommen, geht es darum, dass sie ihre Sexualität wieder in vollen Zügen genießen wollen. Ich empfehle daher therapeutische Maßnahmen. Wichtig ist, herauszufinden, welche organischen Probleme vorliegen oder ob es sich um ein psychisches Problem handelt. Hierzu werden verschiedene Untersuchungen vorgenommen, wie zum Beispiel die Messungen der Nerven (Biothesiometrien) oder ein EMG des Beckenbodens. Zudem werden verschiedene Laborparameter ermittelt. Das Therapiekonzept hängt dann von der individuellen Ursache ab.

Wir empfehlen unseren Patienten abhängig von der Diagnose sowohl Entspannungs- als auch Desensibilisierungsübungen. Es gibt verschiedene Übungen, wie die Start-Stop-Methode oder die sogenannte Squeeze-Technik. Der Sinn ist, den eigenen sexuellen Reaktionszyklus näher zu verstehen und zu steuern.

 

Wie funktioniert die Start-Stop-Methode?

Bei der Start-Stop-Methode nach Seemanns sollen die Männer erlernen, auf ihr Erregungsniveau zu achten. Durch die Unterbrechung der Selbststimulation kurz vor dem Samenerguss und die anschließende Fokussierung wird die Fähigkeit verbessert, den Punkt, an dem die Ejakulation nicht mehr aufgehalten werden kann (point of no return), als kritische Schwelle rechtzeitig zu erkennen und immer wieder hinauszuschieben.

 

Und die Squeeze-Technik?

Die Squeeze-Technik sollte zusätzlich zur Start-Stop-Methode durchgeführt werden. Statt die Stimulation kurz vor dem Samenerguss vollständig zu unterbrechen, fasst die Partnerin an die Eichel und übt circa drei bis vier Sekunden lang einen festen Druck aus. Hierzu legt sie ihren Daumen an der Unterseite und ihren Zeigefinger und Mittelfinger auf der gegenüberliegenden Seite ober- bzw. unterhalb der Kranzfurche der Eichel. Dies führt zu einem Nachlassen des Ejakulationsdrangs. Wir empfehlen, zu Beginn die Hand der Partnerin zu führen, um eine adäquate Druckstärke zu vermitteln und um Schmerzen zu vermeiden. Dass es Anfangs dennoch zu einer Ejakulation kommen kann, ist ganz normal und legt sich mit der Zeit.

Mann im Bett
Legen Sie ganz entspannt Hand an. Der Ejakulationsreflex ist trainierbar – als Paar oder allein. Der Penis wird stimuliert, bis der ,,tipping point" kurz bevor steht. So nennt man jenen Punkt, an dem der Samenerguss unumkehrbar ist© Fotolia
 

Also sollte man diese Methoden erstmal bei der Selbstbefriedigung üben?

Ja. Beim Masturbationstraining gibt es folgende Regeln: Entspannung, Abkehr vom Leistungsprinzip, rechtzeitige Unterbrechung der Stimulation, entsprechend lange Pausen und Ejakulationserlaubnis am Ende der Übung (nach circa 15 Minuten beziehungsweise nach drei- bis viermaligem Stopp). Die zentrale Bedeutung liegt auf dem intensiven Spüren des Körpers. Entscheidend ist, dass sich die Männer nicht unter Druck setzen. Der Prozess ist lang und viele Männer haben hierdurch schon gelernt, ihre Ejakulation deutlich besser unter Kontrolle zu haben.

Nachdem sich der Mann selbst mit der Technik vertraut gemacht hat, werden die masturbatorischen Übungen von der Partnerin durchgeführt. Danach sollten die Betroffenen auf ein Level gehen, wo sie stärkere Reize empfinden und sich langsam an die sexuelle Aktivität wagen, wo sie den stärksten Stimulus erfahren.

 

Wieviel Zeit „gewinnt“ man durch die Einnahme von Medikamenten, die die Ejakulation hinauszögern sollen?

Die meisten Medikamente erhöhen die Zeit bis zur Ejakulation um das Drei- bis Vierfache. Wir entwicklen für unsere Patienten ein individuelles Konzept, das in Abhängigkeit von den Diagnoseergebnissen verschiedene Therapieformen (auch medikamentöse Therapien) kombiniert. Diese Kombinationstherapien sind langfristig am erfolgversprechendsten. Sie führen oftmals sogar dazu, dass Männer, bei denen es vor der Therapie nach wenigen Sekunden, teils noch vor dem Penetrieren, zur Ejakulation kam, im Anschluss mehrere Minuten in der Lage sind, Sexualität zu erleben und ihre Partnerin zum Höhepunkt zu bringen.

 

Kann mein/e Partner/in helfen, einem vorzeitigem Samenerguss vorzubeugen? Wenn ja, wie?

Die Partnerin kann auf jeden Fall aktiv unterstützen, in dem sie zum Beispiel wie oben erwähnt in das Sexualitätstraining eingebunden wird. Generell hilft es betroffenen Männern sehr, wenn die Partnerin verständnisvoll mit diesem Thema umgeht, ihren Mann nicht unter Druck setzt und ihn in der Therapie unterstützt.

Im Interview: Prof. Dr. med. Frank Sommer

Universitätsprofessor für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V
Urologe, Androloge und Sportmediziner
Webseite: www.maennergesundheit.info

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