Die Vollmachten zur Vorsorge

Redaktion PraxisVITA
Vorsorgevollmacht
Mit einer Vorsorgevollmacht kann man bei einer schweren Krankheit eines Familienangehörigen im Sinne des Patienten handeln und über die weitere medizinische Versorgung entscheiden © iStock/KatarzynaBialasiewicz

Wer nicht will, dass im Krankheitsfall fremde Menschen über das eigene Leben entscheiden, muss bereits heute Maßnahmen ergreifen. PraxisVita erklärt Ihnen alle wichtigen Fakten zur Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Betreuungsverfügung.

Wer zeitlebens eigene Entscheidungen getroffen hat, von niemandem abhängig war und stolz auf das Erreichte ist, dem fällt es schwer, im Alter von anderen Hilfe anzunehmen. Doch im Falle eines Unfalls oder einer schweren Krankheit kann man schnell auf die Unterstützung von Angehörigen angewiesen sein. Um ihnen wichtige Entscheidungen in dieser Situation zu erleichtern, ist es ratsam, schon frühzeitig seine Wünsche für den Ernstfall in einer Vorsorgevollmacht deutlich zu machen.

Diese Überlegungen sollten nicht unnötig aufgeschoben werden. Denn: Ist man nicht mehr ansprechbar oder fähig, seine Wünsche zu artikulieren, dürfen Notärzte, Chirurgen oder Richter im Akutfall entscheiden, ob Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden sollen oder ob eine Zwangsernährung infrage kommt.

Dann könnte jemand wochenlang künstlich am Leben erhalten werden, der sich immer vor genau so einem Szenario gefürchtet hatte – und die Angehörigen stehen schlimmstenfalls hilflos daneben.

Intensivstation
Eine Patientenverfügung vermittelt Ärzten und Angehörigen im Endstadium einer unheilbaren Krankheit die Einstellung des Patienten zu lebenserhaltenden Maßnahmen © iStock/ugurhan
 

Vorsorgevollmacht

Vor solchen Situationen kann man sich mit bis zu drei Vollmachten schützen: der Vorsorgevollmacht, einer Patientenverfügung und der Betreuungsverfügung. „Von diesen Erklärungen ist die Vorsorgevollmacht mit Abstand die wichtigste“, sagt Nicole Stark, Pflegeberaterin im Pflegestützpunkt Berlin Lichtenberg. „Mit ihr bestimmt man einen Vertrauten, der im Notfall im eigenen Sinne handelt und sich auch durchsetzt.“

In der Vorsorgevollmacht kann man durch Ankreuzen im Detail aufschlüsseln, bei welchen Aufgaben man von einem Bevollmächtigten vertreten werden möchte (z. B. Gesundheitsfürsorge/Pflegebedürftigkeit, Finanzen, Aufenthalts- und Wohnungsfürsorge). Dabei ist es auch denkbar, verschiedene Personen mit den einzelnen Lebensbereichen zu betrauen. In der Praxis ist das aber meist schwierig, weil schlimmstenfalls erst alle Bevollmächtigten zusammengerufen werden müssen. Einfacher ist es, nur einer Vertrauensperson eine Generalvollmacht für alle Lebensbereiche zu erteilen. Tipp: Banken verlangen zusätzlich eine Kontovollmacht. Die meisten Menschen erteilen ihrem Partner oder einem ihrer Kinder die Generalvollmacht. Nicole Stark: „Die wichtigste Frage dabei: Kann mein Vertreter wirklich im Ernstfall sagen, dass die Maschinen abgestellt werden sollen?“ Darum sollte man die Tragweite der Vorsorgevollmacht besprechen. Das Originaldokument wird vom Bevollmächtigten verwahrt. Die Vorsorgevollmacht gilt ab sofort.

Demenz
Bei demenzkranken Angehörigen, die ihre Wünsche nicht mehr klar ausdrücken können, ist eine Vorsorgevollmacht hilfreich© iStock/Obencem
 

Patientenverfügung

Die Patientenverfügung richtet sich direkt an die Ärzte und das Pflegepersonal. Mit ihr legt man fest, ob man im Endstadium einer unheilbaren Krankheit, im unmittelbaren Sterbeprozess, nach einem Hirnschaden oder im Falle einer Demenz alles medizinisch Mögliche und Sinnvolle wünscht, um am Leben erhalten zu werden. Oder ob alle lebenserhaltenden Maßnahmen unterlassen werden sollen. „Jeder will leben, davon gehen die Ärzte immer aus, solange der Betroffene nichts anderes angeordnet hat“, sagt die Expertin. Das Leben zu retten und zu erhalten steht bei Unfällen, schweren Erkrankungen und auch am natürlichen Lebensende immer an erster Stelle. Viele Menschen finden das beruhigend und wünschen sich das auch, weil sie an ihrem Leben hängen und jede noch so kleine Chance nutzen möchten. Doch für manch einen widersprechen künstliche Beatmung und Ernährung über eine Magensonde ihren ethischen und religiösen Überzeugungen. Und vor allem dem 1. Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Denn unter würdevoller Versorgung verstehen sie, gefüttert zu werden und Zuwendung statt Versorgung durch Schläuche. Liegt eine Patientenverfügung vor und ist der Wille des Betroffenen für eine konkrete Behandlungssituation klar erkennbar, sind Betreuer, Pfleger, Ärzte und Gerichte auch daran gebunden. „Der beste Zeitpunkt, um die Vollmacht und eine Patientenverfügung zu machen, ist jetzt sofort“, sagt Nicole Stark. Fällt es dem Pflegebedürftigen selbst schwer, sich auf ein solches Gespräch mit der Familie einzulassen, kann man den Hausarzt oder einen Pflegeberater als neutralen Experten dazubitten.

 

Betreuungsverfügung

Eine Vorsorgevollmacht tritt sofort in Kraft (es sei denn, man hat dies ausdrücklich anders bestimmt). Die Betreuungsverfügung dagegen ist als Vorschlag für das Gericht zu verstehen. Für den Fall, dass ein Mensch z. B. aufgrund einer psychischen Erkrankung oder einer fortgeschrittenen Demenz seine Angelegenheiten (Verwaltung des Vermögens, Wohnangelegenheiten, Gesundheitsfürsorge, Aufenthaltsbestimmung) nicht mehr selbst regeln kann, wird das Amtsgericht prüfen, ob ein rechtlicher Betreuer einspringen soll. Der Betroffene selbst hält für diesen Fall vorab schriftlich fest, wen er sich als seinen Betreuer wünscht oder auch, wen er keinesfalls damit beauftragt wissen will. Die Richter prüfen die Vorschläge, können sich aber auch für einen unabhängigen Ehrenamtler oder Berufsbetreuer entscheiden. Der Betreuer wird in jedem Fall bei der Ausübung seiner Pflichten vom Gericht kontrolliert. Setzt man die Verfügung selbst auf, muss sie von einem Notar beglaubigt werden (Kosten: 20 bis 70 Euro).

Vorsorgevollmacht
Eine ausführliche Beratung durch einen Arzt und einen Anwalt ist vor dem Ausfüllen der Vollmachten zu empfehlen© iStock/HASLOO
 

Beratung

„Wissen ist Macht“, betont Nicole Stark. „Je ausführlicher man sich mit den Aspekten aller drei Vollmachten befasst, desto besser versteht man, wozu man sein Einverständnis gibt.“ Bei den Pflegestützpunkten sind Ratsuchende in den besten Händen. Auch Anwälte und Notare helfen gegen Gebühr beim Aufsetzen der Vollmachten. Alle Verfügungen können jederzeit vom Verfasser widerrufen oder aktualisiert werden. Wichtig: Auch die Bundesnotarkammern informieren.

 

Vermeidbare Fehler

Kreuze machen, ohne sich gründlich informiert zu haben: Eine Vorsorgevollmacht auszufüllen, dessen Inhalt man nicht verstanden hat, gibt trügerische Sicherheit. Die meisten Menschen können sich nicht wirklich vorstellen, was hinter den Standardformulierungen steckt. Wer ankreuzt, dass er nicht wiederbelebt werden möchte, nimmt sich damit im Ernstfall Überlebenschancen. Bevor man einen Vordruck ausfüllt, sollte man sich ausführlich informieren.

Ungenaue Formulierungen: Es kommt auf Feinheiten an. In welchen konkreten Fällen sollen keine lebensverlängernden Maßnahmen unternommen werden? Sollen Hunger und Durst gestillt werden? Wenn ja, wie? Aussagen wie „wenn das Leben nicht mehr lebenswert ist“ sind auslegbar und bereiten Angehörigen oft Probleme. Genaue Formulierungen und persönliche ethische oder religiöse Wertvorstellungen sind hilfreicher.

Vorsorgevollmachten nicht aktualisieren: Ansichten können sich ändern. Es ist ratsam, alle zwei Jahre die Dokumente zu prüfen und bei Bedarf zu ändern. Die Vorsorgevollmacht bekommt der Vertreter, die Patientenverfügung für die Ärzte sollte im Notfall schnell gefunden werden können.

 

Vollmachten hinterlegen

Beim Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer können alle Vorsorgevollmachten hinterlegt werden. Einmalige Gebühren pro Dokument: ab 15 Euro.

 

Hilfreiche Adressen

Ausführliche Beratung nach Maß bieten die Pflegestützpunkte. Die Pflegekasse nennt Adressen in der Nähe.

Broschüren und Vordrucke

Beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz findet man Broschüren zur Patientenverfügung, zum Betreuungsrecht und einen Vollmachtsvordruck vom Bundesjustizministerium.

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