Vorsorgeuntersuchungen: Wonach schaut der Kinderarzt?

Kinderärztin Dr. Nadine Hess informiert über Vorsorgeuntersuchungen
Expertin Dr. Hess: „Es kommt auf das Gesamtbild an, nur sehr selten ist es wirklich von Bedeutung, wenn ihr Kind bei den Vorsorgeuntersuchungen eine einzelne Sache nicht kann, dafür aber alles andere.“ © privat

Dass der Kinderarzt bei den Vorsorgeuntersuchungen Herz und Lunge abhört, in die Ohren schaut und den Bauch untersucht, ist den meisten Eltern klar. Was ist für einen Kinderarzt außerdem wichtig, was sollte abgefragt werden? Sollte ich mein Kind vielleicht auf die Untersuchungen vorbereiten und bestimmte Dinge vorher üben?

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Das Wichtigste zuerst: Üben Sie nicht mit Ihrem Kind. Uns ist egal, ob es Zickzacklinien zeichnen kann, wenn es dafür alle anderen von ihm geforderten Dinge gut und sicher malt. Und wenn es auf dem einen Bein sicher stehen und hüpfen kann und alle anderen Gleichgewichtsuntersuchungen unauffällig ausfallen, ist es nicht so schlimm, wenn der Finger-Nase-Versuch noch ein bisschen unsicherer ist. Es kommt auf das Gesamtbild an, nur sehr selten ist es wirklich von Bedeutung, wenn ihr Kind bei den Vorsorgeuntersuchungen eine einzelne Sache nicht kann, dafür aber alles andere.

 

Vorsorgeuntersuchungen am Kopf des Kindes

Schielen ist bei Babys bis 6 Monate normal
Schielen ist bis zum Alter von sechs Monaten unbedenklich. Die Augen werden bei Vorsorgeuntersuchungen durch den Kinderarzt überprüft, um eventuelle Sehstörungen frühzeitig korrigieren zu können© Fotolia

Der Kinderarzt wird immer schauen, ob das Kind schielt – bis zum Alter von sechs Monaten ist das noch ok, die Augenmuskeln müssen ihre Aufgabe sozusagen noch lernen. Je nach Alter führen wir weitere Sehtests durch. Manches geht erst, wenn die Kinder aktiv mitmachen können – zum Beispiel ein Test, ob das Farbsehen funktioniert. Reagieren die Pupillen symmetrisch und direkt auf Licht? Gibt es einen roten Widerschein, wenn man in die Augen leuchtet? Das muss so sein, denn nur dann weiß der Kinderarzt, dass die Linse klar und mit der Netzhaut primär alles okay ist.

Wir untersuchen das Gehör. Auch hier richtet sich die Technik nach dem Alter des Kindes. Wir schauen, ob mit zwei Jahren die Fontanelle geschlossen ist – meistens ist das so. Wenn nicht, sollte zumindest einmal geschaut werden, ob mit der Schilddrüse alles in Ordnung ist. 

 

Überprüfung des Bewegungsapparates

Wir untersuchen den Rücken: Sind beide Schultern gleich hoch oder steht eine Seite tiefer? Ist der Rücken beim Vornüberbeugen gerade und sind keine (auch noch so kleinen) Seitenasymmetrien erkennbar, wenn sich das Kind langsam wieder aufrichtet? Steht das Becken gleichmäßig oder sieht man einen Schiefstand, was auf eine Beinlängendifferenz schließen lässt und unbehandelt zu Rücken-, Becken- und Beinschmerzen führen kann. Dauerhaft.

Vorsorgeuntersuchungen Kinderfüße auf Knick-Senkfuß überprüfen
Bei den Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt werden unter anderem die Füße auf einen sogenannten Knick-Senkfuß hin untersucht© Fotolia

Kann das Kind gut hüpfen, auf einem Bein stehen, rennen und gehen, auf einem Strich balancieren? Es wird untersucht, ob die Reflexe symmetrisch und prompt auszulösen sind, die Beine gerade stehen und ob die Füße ein schönes Mittelgewölbe haben. Insbesondere bei Kindern im Vorschulalter sind O-Beine bis zu einem gewissen Grad noch normal, ebenso ein leichter Knick-Senkfuß. Richtet sich dieser beim Zehenspitzengang auf? Dann ist Zehenspitzengangtraining angesagt – und eine Kontrolle. Oft reguliert sich diese Auffälligkeit mit der Zeit ohne Einlagen. Richtet sich der Knick-Senkfuss dann nicht auf oder ist er sehr ausgeprägt, sollte eine Vorstellung beim Orthopäden erfolgen.

 

Vorsorgeuntersuchung der Haut

Wie sieht die Haut aus, wie fühlt sie sich an? Gibt es irgendwo trockene, raue Stellen? Ist vielleicht schon eine Akne ausgebrochen und belastet sie das Kind? Gibt es viele blaue Flecken, mehr, als normal wären oder an ungewöhnlichen Stellen? Fühlt das Kind bei Berührung überall gleich oder ist die Sensibilität irgendwo gestört? Sind Kraft und Motorik ebenfalls seitengleich?

 

Wie unterscheiden sich Vorsorgeuntersuchungen für Jungen und Mädchen?

Bei kleinen Mädchen schaut man, ob die Schamlippen nicht miteinander verklebt sind, bei Jungs, ob die Hoden auf beiden Seiten im Hodensack liegen. Ab dem Kindergartenalter muss bei Jungs darauf geachtet werden, ob sich die Vorhaut vorsichtig zurückschieben lässt oder ob eine Phimose vorliegt. Bei größeren Jungs ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass sie den Hoden regelmäßig abtasten, damit ein möglicher Hodenkrebs rasch entdeckt wird. Das gleiche gilt für Mädchen in der Pubertät, auch sie sollen die Brüste regelmäßig auf Veränderungen abtasten. In beiden Fällen rät man dazu, dies einmal im Monat zu tun. Wenn man täglich tastet, bemerkt man eine Veränderung nicht gut. Ab der Pubertät kann es, insbesondere wenn es um die Geschlechtsorgane geht, sinnvoll sein, dass diese Untersuchung ein gleichgeschlechtlicher Arzt durchführt. Wir fragen die Kinder ab einem bestimmten  Alter, was ihnen lieber ist – von einem Mann oder einer Frau untersucht zu werden.

 

Fragen und Tests, die bei Vorsorgeuntersuchungen auf Ihr Kind zu kommen

Vorsorgeuntersuchungen Kinderärztin
Durch Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt sollen Auffälligkeiten frühzeitig entdeckt werden, um Erkrankungen möglichst vermeiden oder ideal behandeln zu können© Fotolia

Selbstverständlich gehört zu jeder Vorsorgeuntersuchung auch ein Gespräch: Was bewegt das Kind, ist es glücklich? Was macht ihm Freude, was macht Sorgen, hat es genug Ansprechpartner? Wie läuft es in der Schule? Wie viel Sport treibt es, wie viel Fernsehen konsumiert es, wie ist das Schlafverhalten?

Es wird geschaut, wie geschickt das Kind beim Klötzchen bauen ist, ob es den Pinzettengriff kann, versteht, dass ein Objekt nicht verschwunden ist, bloß weil es verdeckt ist, wie es einen Menschen malt und vieles mehr. Diese Tests unterscheiden sich je nach Alter des Kindes.

Die meisten Kinderärzte führen die Vorsorgeuntersuchungen gern und mit viel Bedacht durch. Viele Auffälligkeiten werden nicht zu einem großen Problem, wenn man sie nur früh genug entdeckt und entsprechend behandelt. Es mag sich jetzt danach anhören, als müssten Vorsorgeuntersuchungen jeweils eine zweistündige Angelegenheit sein, weil so vieles abgefragt und untersucht wird – so ist das aber nur selten. Erstens sieht man viele Kinder ohnehin regelmäßig, kennt ihre Probleme und weiß, dass sie unter Kopfweh leiden oder unter Verstopfung – darum müssen diese Problematiken nicht erst in der Vorsorge angesprochen werden.

Zweitens gehen die Untersuchungen oft fließend  ineinander über:  Man lässt das Kind auf die Liege klettern, weil man den Bauch untersuchen muss und beobachtet dabei, wie es klettert. Sind die Bewegungen flüssig, wie ist der Muskeltonus, ist das Kind eher schlapp oder kommt es leicht hoch? Strengt es sich an und müht sich freiwillig ab oder ist es sofort frustriert und gibt auf, wenn der erste „Hochkrabbelanlauf“ nicht klappt?

Gehen Sie mit Ihren Kindern zu Vorsorgeuntersuchungen, sie sind wichtige Pfeiler für einen guten Kinderarzt.

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.