Vorderwandplazenta: Wenn der Mutterkuchen vorne liegt

Michelle Kröger

Die Diagnose Vorderwandplazenta versetzt viele Frauen zunächst in Unruhe. Sie muss jedoch nicht zwingend zu Komplikationen während einer Schwangerschaft führen. Zu welchen Schutzmaßnahmen Mediziner raten, wenn die Plazenta im Mutterleib zu weit vorne liegen sollte, erklärt unser Experte Prof. Dr. med. Kai J. Bühling.

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Inhalt
  1. Die Lage der Plazenta in der Gebärmutter
  2. Was ist eine Vorderwandplazenta?
  3. Welche Komplikationen können bei einer Vorderwandplazenta auftreten?
  4. Vorderwandplazenta, Hinterwandplazenta & Plazenta praevia: Risiken für Schwangerschaft und Geburt?
  5. Schutzmaßnahmen für Mutter und Kind
 

Die Lage der Plazenta in der Gebärmutter

Um zu verstehen was eine Vorderwandplazenta ist, müssen wir erst einen Blick auf die Plazenta – häufig auch Mutterkuchen genannt – werfen: Sie versorgt und schützt das ungeborene Kind im Mutterleib. Über die Nabelschnur ist die Plazenta mit dem Embryo verbunden. Ihre wichtigste Funktion ist die Nährstoffversorgung des Kindes.

In der Plazenta treffen der mütterliche und der kindliche Blutkreislauf aufeinander. Lebensnotwendige Stoffe und Substanzen wie zum Beispiel Sauerstoff oder Glukose gehen vom mütterlichen in den kindlichen Blutkreislauf über.

Mit dem Embryo wächst auch die Plazenta. Bis zum Ende der Schwangerschaft kann sie ein Gewicht von ca. 500 Gramm und einen Durchmesser von etwa 15 bis 20 Zentimetern erreichen. Gewöhnlich liegt die Plazenta im oberen Bereich der Gebärmutter. Allerdings kann die Lage auch variieren. Sitzt die Plazenta zu weit vorne, wird von einer Vorderwandplazenta gesprochen. Im Falle der Hinterwandplazenta ist die Position in Richtung Wirbelsäule zu verorten.

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Was ist eine Vorderwandplazenta?

Eine Vorderwandplazenta wird in der Regel während der zweiten (19. bis 22. Schwangerschaftswoche) oder dritten Ultraschalluntersuchung (29. bis 32. Schwangerschaftswoche) festgestellt. 

Der Mutterkuchen kann sich überall in der Gebärmutter einnisten“, erklärt Prof. Dr. med. Kai J. Bühling, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Hamburg. „Das kann auch unten am Ausgang sein, dem Gebärmutterhals. Dann spricht man von einer Plazenta praevia, die eine normale Geburt unmöglich macht.

In den meisten Fällen kommt es allerdings zur Einnistung im oberen Teil der Gebärmutter – und unter Umständen eben auch an der Vorderwand. Dann ist von einer Vorderwandplazenta die Rede.“ Die Vorderwandplazenta tritt also auf, wenn sich ein befruchtetes Ei an der vorderen Wand der Gebärmutter eingenistet hat. Dementsprechend sitzt die Plazenta dann vorne in Richtung Bauchnabel.

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Welche Komplikationen können bei einer Vorderwandplazenta auftreten?

„Prinzipiell hat eine Vorderwandplazenta keine Auswirkungen auf die Schwangerschaft“, sagt Prof. Dr. med. Bühling. Auch nicht auf die Nährstoffversorgung des Babys. Das Ungeborene wird genauso gut versorgt und geschützt wie bei anderen Lagen des Organs. Dennoch können sich leichte Auswirkungen auf die Schwangerschaft ergeben, wenn der Mutterkuchen näher in Richtung Bauchnabel rückt.

„Was man merkt, ist, dass Schwangere mit einer Vorderwandplazenta Kindsbewegungen erst etwas später als andere Frauen spüren. Weil das Kind vorne an der Wand abgedämmt wird“, sagt der Experte. Die Plazenta agiert hier wie eine Art Kissen. Zum anderen können Herztöne schwerer zu hören sein. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass der Befund im Mutterpass angegeben wird.

Neigt ein Kind dazu, sehr viel und vor allem stark zu treten, kann diese besondere Position der Plazenta sich sogar als ein Vorteil für die werdende Mutter herausstellen. Allerdings kann die Nichtwahrnehmung von den ersten Bewegungen und Regungen des Kindes im Mutterleib auch negative Auswirkungen auf die frühkindliche Bindung haben, da die Mutter nicht entsprechend auf die Bewegungen und Tritte ihres Ungeborenen reagieren kann. Um dies zu umgehen, sollten fachliche Tipps eingeholt werden. Auch Hebammen können hierbei unterstützten.

Eine weitere Besonderheit: „Außerdem kann die Vorderwandplazenta eine Bedeutung beim Kaiserschnitt haben, weil man unter Umständen durch sie hindurch operieren muss. Das ist aber in den meisten Fällen problemlos möglich“, erklärt Dr. Bühling. 

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Vorderwandplazenta, Hinterwandplazenta & Plazenta praevia: Risiken für Schwangerschaft und Geburt?

Generell stellen eine Vorderwandplazenta und Hinterwandplazenta kein Hindernis für eine komplikationslose Schwangerschaft dar. Sitzt die Plazenta jedoch zusätzlich zu tief und verdeckt so den Muttermund, ändert sich die Situation. In diesem Fall wird von einer Plazenta praevia gesprochen, die zu Komplikationen bei der Geburt führen kann.

„Eine Plazenta praevia kann eine normale Geburt unmöglich machen“, sagt der Experte. Eine spontane Geburt mit einer tiefsitzenden Plazenta vor dem Muttermund kann für Mutter und Kind sehr gefährlich sein, da diese häufig mit starken Blutungen verbunden ist. Zudem wird das Risiko eingegangen, die Plazenta zu verletzen und somit das vollständige Ablösen aus der Gebärmutter zu behindern.

Aus diesem Grund wird bei einer Plazenta Praevia üblicherweise per Kaiserschnitt entbunden. Bei einer Vorderwandplazenta dagegen kann auch eine natürliche Geburt erfolgen, vorausgesetzt der Zustand von Mutter und Kind erlaubt dies.

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Schutzmaßnahmen für Mutter und Kind

Konkreter Handlungsbedarf besteht bei einer Vorderwandplazenta nicht. Allerdings wird Schwangeren mit diesem Befund dazu geraten, ganz besonders auf ihren Bauch zu achten. „Wenn eine Patientin mal ein Bauchtrauma hatte – zum Beispiel im Rahmen eines Verkehrsunfalls – dann besteht bei einer Vorderwandplazenta ein etwas höheres Risiko, dass es zu einer Plazentaablösung kommen kann. Zumindest zum Teil. Und das ist gefährlich. Dies kommt aber insgesamt eher selten vor, weil genügend Bauchorgane davor liegen“, erläutert Dr. Bühling. 

Um dies zu verhindern, sollten Schwangere mit einer Vorderwandplazenta selbst bei kleineren Unfällen einen Arzt aufsuchen. Vorsicht und regelmäßige Kontrolle sind dementsprechend die wichtigsten Schutzmaßnahmen für eine sichere Schwangerschaft mit Vorderwandplazenta.

 

Unser Experte: 

Prof. Dr. med. Kai J. Bühling, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Hamburg (prof-buehling.de).

 

Quellen:
Experteninterview Prof. Dr. med. Bühling 
Burger, Michael (2017): Ultraschalluntersuchungen in den drei Schwangerschaftsdritteln. Berlin: Springer-Verlag
Jawny, Johannes (2013): Praxis der operativen Geburtshilfe. Heidelberg: Springer-Verlag
Plazenta praevia (Plazentafehllage), in: Leading Medicine Guide.
Ultraschall-Untersuchungen in der Schwangerschaft, in: Familienplanung.de von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

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