Vollnarkose: Was wirklich passiert, wenn wir nichts mehr mitbekommen

Arzt mit Atemmaske
Bei einer Vollnarkose dauert es meist nur eine Minute, bis dass die verabreichten Medikamente ihre Wirkung entfalten © Fotolia

Wenn es um das Thema Narkose geht, ist meist Angst das vorherrschende Gefühl. Angst, die Kontrolle zu verlieren. Angst, bleibende Schäden davonzutragen. Angst, mitten im OP wach zu werden. Angst, überhaupt nicht mehr aufzuwachen.

Und Experten wissen: Kaum etwas kann diese Ängste besser lindern, als ganz genau zu wissen, was während einer Narkose passiert. Mediziner sagen, dass Vollnarkosen noch nie so sicher waren wie heutzutage. Das liegt vor allem an neuen Medikamenten und modernen Geräten, mit denen eine exakte Dosierung möglich ist. Aber was genau geschieht in unserem Körper, wenn wir das Bewusstsein verlieren? Und was sind die wahren Risiken und Nebenwirkungen?

Die detaillierte Chronik einer Bewusstlosigkeit:

 

Schritt 1: Wie der Patient auf die Operation vorbereitet wird

Etwa 20 Minuten vor der Operation erhält der Patient eine Beruhigungstablette, meist ein Benzodiazepin, die er mit zwei Schluck Wasser einnimmt. Der Inhaltsstoff hemmt die sogenannten GABA-Rezeptoren, eine der wichtigsten Rezeptor-Gruppen im zentralen Nervensystem. Das wirkt angstlösend und entspannend. Vitalfunktionen wie Puls und Atmung beruhigen sich. Der Patient fühlt sich leicht schläfrig, etwas benommen, manchmal setzt Schwindel ein. Weil er in diesem Zustand nicht mehr selbst gehen soll, wird er in seinem Bett in den Vorbereitungsraum des Operationssaals gefahren. Hier schließt eine Anästhesie-Schwester als erstes alle Geräte an, die der Narkosearzt später zur Überwachung der Körperfunktionen benötigt. Anhand von Herzrhythmus, Blutdruck, Sauerstoffsättigung im Blut, Körpertemperatur und der Konzentration von Sauerstoff und Kohlendioxid beim Ein- und Ausatmen überwacht der Anästhesist die Narkosetiefe – „Monitoring“ nennt sich das.

 

Schritt 2: Wie Gehirn und Körper ausgeschaltet werden

Eine Mischung aus drei Wirkstoffgruppen macht den künstlichen Schlaf möglich. Der Anästhesist spritzt die verschiedenen Narkosemittel nacheinander in die Vene auf dem Handrücken. Manchmal spürt man dabei einen leichten, aber nicht unangenehmen Druck im Injektionsarm.

Arzt mit Atemmaske
Bei einer Vollnarkose dauert es meist nur eine Minute, bis dass die verabreichten Medikamente ihre Wirkung entfalten© Fotolia

Zuerst werden Hypnotika gegeben. Es dauert 30 Sekunden bis maximal eine Minute, bis diese Schlafmittel die Blutbahnen geflutet haben. Bis der Patient das Bewusstsein verliert, empfindet er diesen Vorgang als angenehm schwere Müdigkeit. Die Schlafmittel, z. B. Propofol, Thiopental oder Etomidate, wirken dann im sogenannten „Default Mode Network“ im Gehirn. So werden die Hirnregionen bezeichnet, die für die Verarbeitung von Reizen zuständig sind. Die Hypnotika legen die Kommunikation zwischen Thalamus, Cortex und Hirnstamm lahm. Die Nerven übertragen zwar Reize an das Gehirn, aber die aufgenommenen Informationen werden dort nicht mehr verarbeitet – somit kann kein Schmerz empfunden werden. Eine Vollnarkose schaltet das Gehirn also nicht einfach ab, sondern lässt Informationen versickern.

 

Schritt 3: Warum immer künstlich beatmet werden muss

Als zweites Narkose-Medikament werden hochwirksame Schmerzmittel gegeben, in der Regel Opioide. In hoher Dosierung wirken auch sie bewusstseinsdämpfend. Zusammen mit den Hypnotika unterdrücken sie sowohl die Merkfähigkeit als auch die vegetativen Funktionen. Wenn der Patient bereits tief schläft, erhält er außerdem ein Medikament zur Muskelerschlaffung. Diese Relaxanzien lähmen auch die Abwehrreflexe des Körpers. Das erleichtert dem Operateur die Arbeit während des Eingriffs. Weil von dieser Muskelerschlaffung jedoch auch die Atemwege betroffen sind, wird ein weiches Rohr („Tubus“) in die Luftröhre eingeführt, das der Beatmung dient.

 

Schritt 4: Wie eine Vollnarkose wieder beendet wird

Während der gesamten Narkosedauer überwacht der Anästhesist permanent alle Körperfunktionen. Anhand des Monitorings und an vegetativen, also unbewussten Reaktionen des Körpers (z. B. Blutdruck-/Pulsanstieg oder Pupillengröße) erkennt er, wie tief die Vollnarkose ist und ob er die Dosis der Schlafmittel erhöhen muss. Am Ende der Operation wird die Zufuhr der Narkosemittel erst nach und nach verringert und schließlich vollständig ausgesetzt. „Ausleitung“ nennen Fachleute das. Daraufhin klingt die Wirkung innerhalb von fünf bis zehn Minuten ab. Sobald der Patient wieder Schutz-und Atemreflexe zeigt, wird der Beatmungsschlauch entfernt.

 

Schritt 5: Warum das Aufwachen der riskanteste Teil der Vollnarkose ist

Doch damit ist die Arbeit des Anästhesisten noch lange nicht getan. Im Aufwachraum wird das vollständige Erwachen weiter von ihm und speziell geschultem Pflegepersonal überwacht. Schmerzmittel werden verabreicht und Organfuntionen, zum Beispiel Kreislauf und Atmung, überprüft. Diese Beobachtung im Aufwachraum ist lebenswichtig. „Viele Menschen, die an den Folgen der Anästhesie sterben, sind einer schlechten Nachsorge zum Opfer gefallen“, erklärt Prof. Dr. Hugo Van Aken, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. „Entweder gibt es keinen richtigen Aufwachraum, die Geräte sind defekt oder das Personal fehlt, und Patienten werden allein gelassen.“ In seltenen Fällen kann es zu einem Postoperativen Delir kommen, bei dem Verwirrtheit oder Halluzinationen tagelang anhalten. Meist sind davon Patienten, die regelmäßig Schlafmittel einnehmen oder auf der Intensivstation vom Tag-Nacht-Rhythmus abgekommen sind, und Über-65-Jährige betroffen. In der Regel erholen sie sich jedoch nach zwei bis sechs Tagen wieder.

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