Viren - wie gefährlich sind Bio-Hacker?

Rasmus Cloes

HIV, Grippe, Ebola – die Liste der Killer-Viren ist lang. Doch in Zukunft kann sie noch viel länger werden. Die Erschaffung synthetischer Viren ist längst Realität. Schon heute basteln Menschen in Kellerlabors an tödlichen Erregern. Ihr Ziel ist der Angriff auf unsere Körper, so wie Computer-Hacker unsere PCs angreifen.

Längst gibt es Menschen, die davon träumen, ihr eigenes Virus zu brauen. Und die Träume könnten sich bald erfüllen – dank rasanter Fortschritte in der Biologie. Wie lange wird es noch dauern, bis Bio-Hacker mit bösen Streichen oder bösem Willen Menschenleben aufs Spiel setzen? Nehmen wir an, unser Bio-Hacker heißt Karl Virus*, ist 28 Jahre alt und Biologie-Doktorand an einer deutschen Universität. Was muss er tun, um sein eigenes Virus zu kreieren?

 

Wie funktioniert ein Virus?

Bio-Hacker profitieren von der Tatsache, dass Viren extrem primitive Wesen sind. Sie bestehen eigentlich nur aus einem Stück Erbinformation, meist in Form eines DNA-Moleküls, umgeben von einer Hülle aus Eiweißen und Fetten. Viren brauchen keine Nahrung oder Energie, sie können sich nicht selbstständig bewegen, und sie können sich nicht einfach vermehren. Wie Piraten kapern die Viren Zellen, bringen ihre eigene DNA in den Zellkern und zwingen die Zelle, neue Viren zu produzieren, bis sie platzt.

Angesichts einer so primitiven Existenz streiten sich Experten, ob Viren überhaupt Lebewesen sind. „Ich würde eher sagen, dass es sich um selbstständig gewordenes genetisches Material handelt“, meint etwa der Virologe Hans-Dieter Klenk. Der entscheidende Stoff für das Virus ist also das DNA-Molekül, der Träger der Gene. Ähnlich wie auf einem Lochstreifen steckt in der DNA der Bauplan aller Lebewesen. Dabei ist das DNA-Alphabet verblüffend simpel, es enthält nur vier Buchstaben: A, C, G und T. Weil Viren so primitiv sind, ist ihre Erschaffung im Labor möglich geworden. Eckard Wimmer von der State University of New York in Stony Brook hat es 2002 als Erster geschafft: Ihm gelang es, in wenigen Schritten das Polio-Virus nachzubauen, den Erreger der Kinderlähmung. Und der Nachbau fiel ihm so leicht, dass Entsetzen bei Experten ausbrach. Denn Wimmers Arbeit könnte einem Bio-Hacker als Vorbild dienen.

 

Den Bauplan für jedes Virus findet sich im Internet

Um Polio-Erreger in die Welt zu setzen, braucht Karl Virus den Bauplan des Virus, den genauen Aufbau des Erbmoleküls. Und den bekommt Karl von der Website des National Center for Biotechnology Information. Aus dieser Datenbank darf sich jeder die Zusammensetzung jedes Gens herunterladen. Selbst die Erbinformation des ausgerotteten Pocken-Virus kann man sich zusammensuchen. Dieses Genom ist für den Bio-Hacker das, was für den Computer-Hacker die Software ist: die entscheidende Information, mit der ein Virus zusammengesetzt wird.

Karl Virus geht mit der Information über Polio in sein Labor. Vielleicht hat er einen vertrauensseligen Professor und kann die Einrichtungen seiner Universität nutzen. Wer aber in der eigenen Garage agieren will, muss etwas Geld investieren. Das entscheidende Gerät für jeden Bio-Hacker ist ein DNA-Synthesizer, eigentlich nichts anderes als ein Drucker für DNA. In diesen Drucker gibt man die im Internet gefundenen Infos ein, und das Gerät produziert Millionen echte DNA-Moleküle – egal, ob das Gen zu Polio, einem Menschen oder den Pocken gehörte. Jede DNA besteht aus sechs Bausteinen: den vier Molekül-Buchstaben A, C, G und T, dazu ein Zucker und Phosphorsäure.

Aus Kartuschen kann sich der Synthesizer die Bausteine herauspicken und wie Legos zusammensetzen. Bei eBay kostet ein geeigneter Synthesizer etwa 3000 Euro. Die Gesamtkosten für ein Hobby-Labor liegen bei etwa 30 000 Euro.

 

Biowaffen aus dem Keller-Labor

Wären Wimmer oder Karl Virus Al-Qaida-Mitglieder, könnten sie ihre Synthese-Viren nutzen, um Menschen mit Kinderlähmung zu infizieren. Das Pockenvirus, vor dem sich jeder Terrorexperte fürchtet, ist sehr viel größer und komplizierter. „Das muss man aber auch nicht von null bauen. In den nächsten Jahren wird die Synthese möglich sein“, sagt der Politiker und Biowaffenexperte Jan van Aken. Die Folgen wären schrecklich: Wenn Terroristen zehn Menschen mit Pocken infizieren, erkranken in den folgenden 180 Tagen 2,2 Millionen, mehr als 700 000 sterben.

Und ein Bio-Hacker mit Ambitionen Richtung Massenmord kann das Pocken-Virus noch verstärken. Die australischen Forscher Ron Jackson und Ian Ramshaw experimentierten 2001 mit Mäusepocken-Viren, sie setzen ihnen ein zusätzliches Gen ein. Wenn eine Maus infiziert wurde, produzierten ihre Zellen nicht nur Viren, sondern auch einen Stoff, der das Immunsystem abschaltete. Alle Tiere starben. Für einen Bio-Hacker wäre es leicht, diesen „Erfolg“ zu kopieren.

 

Wie groß ist die tatsächliche Gefahr?

„Im Moment gibt es etwa 5000 bis 10 000 Menschen auf der Welt, die synthetische Viren erschaffen können“, schätzt van Aken. Aber in wenigen Jahren könnte ein Kellerlabor für jeden Bio-Studenten bezahlbar sein. Und über verschiedene Webseiten tauschen die Amateur-Genetiker Tipps und Tricks aus. Die Bio-Hacker-Szene ist an dem Punkt, den die Computer-Szene Ende der 70er-Jahre erreicht hatte, als sich PCs verbreiteten.

Es müssen nicht einmal böse Absichten sein, die zu einem globalen Desaster führen könnten. Auch der Ehrgeiz, etwas Einzigartiges zu schaffen, könnte ein Motiv sein – und die Hoffnung auf Ruhm in der Szene. Mit fatalen Folgen. Wenn Hobby-Biologen mit Viren herumspielen, geht zwangsläufig irgendwann etwas schief. Schließlich machen sogar Experten Fehler: Jackson und Ramshaw wollten nie einen Super-Mäuse-Killer erschaffen, das Experiment war Zufall. Niemand kann ahnen, welche schrecklichen Erreger eines Tages aus einem Do-it-yourself-Labor ausbrechen.

*Name von der Redaktion erfunden

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