Vier Jahre trank Christin bis zur Bewusstlosigkeit

Floristik als Suchttherapie
Christin kämpft sich zurück ins Leben: Während ihrer Therapie macht die alkoholkranke junge Frau ein Praktikum beim Floristen © Fotolia

Die Zahl ist alarmierend: Schon 500 000 Jugendliche in Deutschland sind alkoholkrank. Immer mehr Mädchen sind dabei. Wie Christin, der jetzt eine Therapie helfen muss.

Sie sieht aus wie ein ganz normaler, hübscher Teenager: Lange dunkle Haare, große braune Augen mit sorgfältig getuschten Wimpern. Enge Jeans, gute Figur. Ihr Lächeln ist etwas schüchtern, der Blick ein wenig härter als bei anderen Mädchen ihres Alters. Aber normal ist in ihrem Leben sowieso wenig: Christin* ist Patientin auf „Teen Spirit Island", einer Therapiestation in Hannover mit 12 Plätzen für drogenabhängige Kinder und Jugendliche unter 18.

Es ist nicht irgendeine Einrichtung. Wer hierher kommt, ist schwerstalkoholabhängig, kann keinen normalen Alltag mehr leben. Die Therapie ist für Patienten aus ganz Deutschland die letzte Chance. Auch für Christin.

Als sie vor elf Monaten ankommt, wiegt sie nur 45 Kilo bei 1,65 m: „Ich aß fast nichts." Christin trinkt. Ihre Tagesdosis: Eine Kiste Bier plus eine Flasche Wodka, dazu „Stroh 80", einen 80-prozentigen Rum-Schnaps! Außerdem nimmt sie Ecstasy-Pillen, raucht Cannabis.

Zum ersten Mal probiert sie Alkohol mit elf Jahren: „Meine Mutter ist Italienerin, zum Mittagessen gab es oft Wein. Auch für mich, vermischt mit Wasser. Ich trank das fast wie Limonade." Christin trank bis zur Bewusstlosigkeit. Eine natürliche Abneigung gegen Alkoholgeschmack hat sie nie.

 

„Ich wollte dazugehören, darum fing ich auch an“

Die Pubertät beginnt bei ihr mit den typischen Sorgen: „Ich fand mich hässlich." Besonders quält sie: „An der Schule wetteiferten die Mädchen ständig, wer die Schönste ist." Sie will raus aus dem Konkurrenzkampf, schließt sich der anderen Clique an. Dort sind Klamotten egal – aber dafür trinken alle. „Ich wollte dazugehören, cool sein wie die. Darum fing ich auch an."

Und das in Mengen, die sie extrem schnell steigert. Mit 12 leert sie die erste halbe Flasche Wodka: „Auf dem Rathausplatz, mit zwei Kumpels. Dort trafen wir uns täglich nach der Schule." Aber wie kommen die Schulkinder an so viel harten Alkohol – tagtäglich? „Den kauften die Älteren. Oder sie klauten."

Dass sie vom Trinken abhängig werden kann, interessiert Christin nicht. Woher soll eine Zwölfjährige denn auch wissen, was Sucht bedeutet? Da ist niemand, der erklärt, sie warnt. Keiner merkt, wie tief sie drinsteckt. Mit 13 hat sie typische Alkoholiker-Symptome, ist schon morgens zittrig, hypernervös. Hilfe suchen? Wo denn! In der Clique geht es doch allen so. Christin entwickelt Trinker-Tricks: „Vor der Schule füllte ich "Jack-Daniel's"-Whiskey in ein Tetra-Pack, stellte es auf den Schreibtisch, trank im Unterricht. Der Lehrer dachte, es wäre Saft ..."

 

Die Eltern wollen angeblich nichts von der Sucht bemerkt haben

Auch ihre Eltern lassen sich täuschen. Oder wollen sie es gar nicht so genau wissen? Man riecht doch den Alkohol, sieht doch die glasigen Augen. Christin: "Sie hatten selten Zeit für mich." Der Vater, ein Fabrikarbeiter, trinkt selbst regelmäßig. Die Mutter stirbt Anfang 2005 an einem Gehirntumor. Christin: „Ich trank, um meinen Schmerz zu betäuben."

Und die Schule? „Da ging ich nicht mehr hin." Ein Freund besorgt ihr Krankheitsbescheinigungen vom Arzt. „Wie er da rankam, weiß ich nicht." Nach einem Jahr schickt die Behörde eine Verwarnung nach Hause: „Ihre Tochter geht nicht zur Schule." Der Vater soll 200 Euro Bußgeld zahlen. Er hat zwar gemerkt, dass Christin trinkt. Aber er ist sichtlich überfordert: „Musst du denn immer schwarze Sachen tragen?" fragt er hilflos. „Das finde ich nicht schön. Auch nicht, dass du so viel trinkst." Mal schimpft er, mal bittet er sie, weniger zu trinken. Er dringt nicht durch zu ihr. Christin blockt ab: „Ich hängte einen Zettel an meine Zimmertür. ,Hab keinen Bock auf Schule, du brauchst mich nicht zu wecken." „ Sie schläft, bis der Vater zur Schichtarbeit geht. Dann geht sie los zum Trinken. „Ich kriegte Taschengeld von Tante, Oma, mein Vater steckte mir öfter mal 50 Euro zu, davon konnte ich mir den Alkohol leisten." Bis zu 500 Euro hat sie pro Monat zur Verfügung! Aber manchmal reicht selbst das nicht: Dann klaut sie ihrem Vater Geld, verkauft sogar den Schmuck der Mutter. Und beruhigt sich damit, dass manche in der Clique viel Schlimmeres machen: „Andere gehen auf den Strich."

Komasaufen bei Jugendlichen
Binge-drinking, Alkoholismus, Komasaufen bis zur Bewusstlosigkeit– Immer mehr Jugendliche rutschen ab in eine Alkoholsucht© Fotolia
 

Trotz Alkoholvergiftung und Ohnmacht trinkt Christin weiter

Ihr Alltag: „Abhängen mit der Clique. Wir dröhnten uns zu, hörten Musik." November 2005: Christin bricht bewusstlos auf dem Rathausmarkt zusammen. Alkoholvergiftung! Im Krankenhaus kommen Drogenberater an ihr Bett. Aber nach der Entlassung trinkt sie weiter. Das Jugendamt bleibt dran. Dreimal pro Woche kommt eine Betreuerin. Sie überredet Christin zu einem Beratungsgespräch bei PRISMA (Drogenberatungsstelle).

Ein Glück. Denn dort gerät sie endlich an einen Menschen, der ihr die klare Linie gibt, die sie so dringend braucht: Den Jugendpsychiater Dr. Christoph Möller. Er leitet „Teen Spirit Island" und sagt: „Ich will, dass du eine Therapie machst. Wenn es so weitergeht, stirbst du." Christin: „Ich schrie ihn an, ,Ist mir doch egal!" Aber instinktiv wusste ich, dass es meine einzige Chance ist."

Sie geht in die Klinik. Macht einen Entzug: „Ich hatte, dank Medikamenten, keine großen Entzugserscheinungen, war nur müde." Ihr Tagesablauf ist, ganz anders als zu Hause, streng organisiert: Aufstehen um sieben Uhr, auch wenn sie müde ist, dann Gruppen- und Einzeltherapie. Vier Mädchen und neun Jungen sind mit ihr in Behandlung. Nach zwei Monaten Entzug darf sie rausgehen, unter Aufsicht. Und immer hat sie dabei ein Ziel. „Ich ging schwimmen, Volleyball spielen, klettern." Es macht ihr Spaß, sich zu bewegen statt rumzuhängen, Neues auszuprobieren statt sich zu betäuben.

Was für Gesunde selbstverständlich ist, wird für Christin ein enorm harter, täglicher Kampf: Einfache Aufgaben übernehmen, um damit Zuverlässigkeit zu beweisen! Sie weckt ihre Mitpatienten, putzt Badezimmer, Küche, Gemeinschaftsräume, geht einkaufen, kocht in der Gruppe. Es ist das erste Mal nach Jahren, dass sie regelmäßige Mahlzeiten kennen lernt: „Es macht superviel Spaß, hier zu kochen. Zu Hause aß ich kaum, nur mal ein Stück Brot."

 

Die Diagnose Alkoholiker gilt ein Leben lang

Wichtig: Sie muss sich Gedanken über ihre Zukunft machen. Die Therapie-Gespräche helfen ihr, eine Perspektive zu finden. Zuerst macht sie ein Praktikum bei einem Tierarzt, dann bei einem Floristen. Zum ersten Mal in ihrem Leben tut Sie etwas Sinnvolles, ist den ganzen Tag von 8 bis 17 Uhr beschäftigt: „Ich hätte nie gedacht, dass das Spaß macht! Früher war mein Leben langweilig, jetzt ist es voll mit Terminen!" Ein Termin ist ihr besonders wichtig: Jeden Montag kommt ihr Vater zu Besuch. „Darüber freue ich mich, ich will unbedingt zurück nach Hause!" Dann will sie ihren Schulabschluss machen und eine Ausbildung zur Pferdepflegerin.

Rund 50 Prozent der Patienten von „Teen Spirit Island" schaffen es, clean zu bleiben. Aber die Diagnose „Alkoholiker" gilt ein Leben lang – die Betroffenen müssen jeden Tag kämpfen. Christin fühlt sich jetzt stark genug.

*Name von der Redaktion geändert

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