Versteckte Nebenwirkungen

Redaktion PraxisVITA

Es gibt Medikamente, die sollten Sie niemals miteinander kombinieren. Der Experte Professor Thomas Hohlfeld erklärt, worauf Sie achten müssen. PLUS: Große Infografik!

 

Herr Professor Hohlfeld, welches ist eigentlich die gefährlichste Medikamentenkombination?

Säurebinder gegen Sodbrennen zusammen mit Antibiotika. Denn dadurch wirkt unter Umständen als Nebenwirkung das Antibiotikum nicht mehr. Das kann bei drohender Blutvergiftung lebensgefährlich sein. Psychopharmaka (z. B. Antidepressiva) können zusammen mit Schlafmitteln und vielleicht obendrein noch mit Alkohol die Reaktionsgeschwindigkeit im Straßenverkehr katastrophal beeinträchtigen oder insbesondere bei älteren Menschen schlimme Stürze auslösen.

 

Gibt es solche gefährlichen Nebenwirkungen auch bei rezeptfreien Tabletten?

Es kann schon reichen, nach einem Alkoholrausch die Kopfschmerzen mit ASS, Ibuprofen oder ähnlichen Mitteln zu bekämpfen – wer das macht, riskiert schwere Magenblutungen.

Nebenwirkungen
Wer frei verkäufliche Schmerzmittel wie Ibuprofen gegen Katerbeschwerden einnimmt, riskiert unter anderem Magenblutungen© iStock / olesiabilkei
 

Viele Ärzte weisen darauf hin, dass ASS und Paracetamol heute gar nicht mehr rezeptfrei zugelassen werden sollten.

Ganz so sehe ich das nicht. Ich warne aber davor, rezeptfreie Mittel als harmlos anzusehen. Ein Beispiel: Paracetamol kann über der zugelassenen Dosis von vier Gramm pro Tag, das sind acht Tabletten zu 0,5 Gramm, zu lebensbedrohlichen Leberschäden führen. Beim Säugling genügt schon eine einzige Erwachsenendosis.

 

Welche Wechselwirkungen treten im Zusammenhang mit Lebensmitteln auf?

Dass Grapefruits bei etwa jedem dritten Medikament zu unerwünschten Wechsel- und Nebenwirkungen führen, ist relativ bekannt. Was viele nicht wissen: Der dafür verantwortliche Inhaltsstoff Furanocumarin ist auch in Limonen, Limetten, Zitronen und Pomelos enthalten. Er kann die Ausscheidung und den Abbau vieler Medikamente in Darm und Leber hemmen, sodass deren Wirkung verstärkt wird. Auch Schwindel, Kopfschmerzen und Hautausschlag können als Nebenwirkungen auftreten.

 

Sollte ich deshalb nach der Medikamenteneinnahme mindestens eine Stunde mit dem essen von Zitrusfrüchten warten?

Nein. Der Effekt von Zitrusfrüchten ist relativ nachhaltig. Selbst wenn mehrere Stunden zwischen dem Verzehr und der Einnahme des Medikaments liegen, kann es noch zu Nebenwirkungen kommen. Verzichten Sie deshalb während der Behandlung am besten ganz auf Produkte, die Furanocumarin enthalten.

 

Gibt es weitere Auslöser, die die Wirkung verändern?

Auch Milchprodukte, Alkohol, Käse, Lakritze und Koffein können mit Medikamenten in Konflikt geraten.

 

Gibt es auch Lebensmittel, die der Medikamenteneinnahme sogar förderlich sind?

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Blutdrucksenker können zu Kaliummangel führen. Dagegen helfen kaliumeiche Lebensmittel wie Spinat© iStock / Lecic

Ja, manche Blutdrucksenker (z. B. HCT, Xipamid, Torasemid) sind harntreibende Medikamente, sogenannte Diuretika, die langfristig einen Kaliumverlust bewirken können. Solch ein Mangel kann langfristig zu Nebenwirkungen wie Fehlfunktionen von Muskeln, Nerven und Herz führen. Deshalb sollten Sie kaliumreiche Kost wie Spinat, Erbsen, Bananen und Aprikosen dazu essen.

 

Das gilt nicht für alle Blutdrucksenker?

Ganz im Gegenteil: Wenn Sie Blutdruck senker, z. B. mit den Wirkstoffen Triamteren, Ramipril, Candesartan einnehmen, kann Kalium im Körper angereichert werden. Besonders dann, wenn Nierenerkrankungen die Kalium-Ausscheidung herabsetzen. Auch dieses kann Fehlfunktionen mancher Organe verursachen.

 

Welche Medikamente können außerdem problematisch sein?

Eine große Gefahr für Nebenwirkungen lauert tatsächlich bei Antidepressiva - allerdings nicht nur wegen möglicher Wechselwirkungen mit Nahrungsmitteln. Antidepressiva brauchen mehrere Wochen, um ihre Wirksamkeit im Körper voll zu entfalten. Aber bis es so weit ist, nehmen viele Patienten trotzdem weiterhin Schlafmittel oder Angstlöser ein, und die können die Wirkung des neuen Medikaments abschwächen. Außerdem können unangenehme Wechselwirkungen auftreten, und der Organismus wird unnötig belastet. Grundsätzlich gilt: Achten Sie darauf, ob und wie ein neues Medikament wirkt. Selbst wenn Sie bei der Einnahme alles richtig machen – manche Medikamente schlagen bei einigen Patienten weniger gut an oder die Wirksamkeit wird durch andere Mittel beeinträchtigt. In diesem Fall sollten Sie sofort Ihren Arzt aufsuchen.

 

Müsste der Arzt - gerade wenn der Patient mehrere Mittel einnimmt - ihm nicht eine Art Speisekarte mitgeben?

Bei einigen Medikamenten wird er das auch tun. Das Asthmamittel Theophyllin sollte zum Beispiel wegen Nebenwirkungen nicht mit Kaffee kombiniert werden. Oder: Wer Paracetamol einnimmt, sollte kein Müsli dazu essen - das hebt die Wirkung auf!

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