Verletzungen bei Hobbysportlern: Tipps vom DFB-Arzt

Carolin Banser Medizinredakteurin
Dehnen und Aufwärmen
Dehnung ist durchaus etwas, das zum Aufwärmen gehört – aber nicht ans Ende des Aufwärmens © istock

Arzt der Nationalmannschaft und Vorsitzender der Medizinischen Kommission Prof. Dr. Tim Meyer spricht über Verletzungen bei Hobbysportlern, wie man sich am besten davor schützen kann und wie sich Sportler am besten erholen.

Ob Fußball, Radfahren oder Skaten: Mit den sommerlichen Temperaturen steigt die Zahl der Kopfverletzungen sprunghaft an. Was ist die häufigste Kopfverletzung und wie lässt sie sich von anderen unterscheiden?

Die häufigste Kopfverletzung ist die Gehirnerschütterung. Zu den bekannten spürbaren Nebenwirkungen einer Gehirnerschütterung zählen Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Benommenheit, Erinnerungslücken und Konzentrationsstörungen. Wenn nach einem Unfall Kopfschmerzen auftreten, kann auch eine Schädelprellung die Ursache sein. Von der Gehirnerschütterung ist sie oft nicht leicht zu unterscheiden. Auf jeden Fall sollte es keinerlei Anzeichen für eine Nervenstörung geben, etwa Übelkeit, Schwindel oder Erinnerungslücken.

Prof. Dr. Tim Meyer
Prof. Dr. Tim Meyer: "Dehnen kann, vor allem wenn man es zu langsam ausführt, ähnlich wie eine Massage, einen detonisierenden – also einen muskelentspannenden – Effekt haben, sodass die volle Leistung der Muskulatur zunächst ein paar Minuten beeinträchtigt ist."© privat

Was kann ich selbst tun, wenn ich von einer Kopfverletzung betroffen bin? Wie reagiert mein Partner richtig?

Stellen Sie dem Betroffenen einfache Fragen, wie z.B. „Was war gestern für ein Tag? Wo befinden wir uns? Wie spät ist es?“. Damit können Sie schnell in Erfahrung bringen, ob der Verletzte orientiert ist. Darüber hinaus können einfache Prüfungen des Sehvermögens helfen. Sieht er scharf oder Doppelbilder? Außerdem können Sie Balance und Koordination testen. Lassen Sie den Verletzten aufstehen und schauen Sie, wie er sich bewegt. Auch koordinative Aufgaben, z.B. zwei Finger aneinander zu führen, lässt Sie erahnen, wie schlimm die Person beeinträchtigt ist.

Sie müssen sich immer bewusst machen, dass Kopfverletzungen prinzipiell als schwerwiegend zu betrachten sind, bis das Gegenteil bewiesen ist. Bei einer – wenn auch sehr kurzen – Bewusstlosigkeit, bei Kopfschmerzen, starker Übelkeit mit Brechreiz, Lähmungserscheinungen oder ungewöhnlicher Schläfrigkeit sollten Betroffene sich sofort in die Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses fahren lassen oder den Notarzt rufen, um den Schweregrad und das Ausmaß der Verletzung abzuklären.

Eine Zerrung an den hinteren Oberschenkelmuskeln – den sogenannten Hamstrings – ist eine sehr häufige Sportverletzung. Was ist die Ursache?

In den meisten Fällen wird diese Verletzung durch eine verkürzte oder zu schwache, in jedem Fall nicht optimal trainierte hintere Oberschenkelmuskulatur in Kombination mit sehr schnellkräftigen Bewegungen verursacht. Muskulatur reißt am ehesten, wenn man explosive Beschleunigungen oder starke Bremsbewegungen ausführt.

Junge mit Kopfverletzung
Die häufigste Kopfverletzung ist die Gehirnerschütterung. Zu den bekannten spürbaren Nebenwirkungen einer Gehirnerschütterung zählen Kopfschmerzen, Übelkeit, Benommenheit, Erinnerungslücken und Konzentrationsstörungen© istock

Kann mir als Jogger das auch passieren?

Natürlich ist es möglich, dass auch Jogger sich eine Zerrung zuziehen. Hierbei reißen einzelne Muskelfasern, was sich durch einen plötzlichen stechenden Schmerz äußert. Wichtig: sofort mit der sportlichen Aktivität aufhören. Wenn die Schmerzen nachlassen, empfiehlt es sich, die betroffene Stelle zu kühlen und – je nach Lokalisation – einen Druckverband anzulegen, um eine eventuelle Einblutung zu begrenzen.

Warum treten Verletzungen immer wieder auf?

Die einzigen sicher identifizierten Risikofaktoren für Verletzungen sind: das Alter und Vorverletzungen. Ist eine Struktur erst einmal verletzt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal verletzt wird, größer.

Wann sollte man mit dem Sport aufhören?

Meines Erachtens nach gibt es keinen Grund für einen Hobbysportler, mit Schmerz weiter zu trainieren. Schmerz ist immer ein Warnsignal und ein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Außerdem kann man als Laie schlecht unterscheiden, ob es sich bspw. nur um einen einfachen Muskelkater handelt oder ob dem Schmerz eine ernsthafte Erkrankung wie ein Bänderriss oder ein Meniskus-Schaden zugrunde liegen. Also bei Schmerzen nicht: Viel hilft viel. Sondern: Weniger ist mehr.

Zerrung an den Oberschenkeln
Eine Zerrung an den Oberschenkelmuskeln – den sogenannten Hamstrings – ist eine sehr häufige Sportverletzung© istock

Welche Präventionsmaßnahmen empfehlen Sie?

Übungen zur Beweglichkeit, Kräftigung und Koordination sind vor intensiven Trainingseinheiten unerlässlich. Entscheidend sind aber auch Erholungsphasen, ausreichend Schlaf, Alkohol nur in Maßen und eine sportgerechte Ernährung. Während eines Trainings verbraucht der Körper viele Kohlenhydrate. Dieser Verlust sollte schnell wieder ausgeglichen werden. Neben ausreichend Wasser und Kohlenhydrat-Elektrolyt-Getränken empfehle ich auch gut verträgliche komplexe Kohlenhydrate,  wie sie sich in Vollkornprodukten oder Obstsorten finden.

Was ist sinnvoller: Dehnen vor oder nach dem Training?

Aufwärmen ist wichtig zur Verletzungsvermeidung. Der Mechanismus funktioniert aber anders als angenommen. Es stimmt nicht, dass die Muskulatur durch das Aufwärmen härter wird und nicht so schnell reißt oder dass die Sehnen sich irgendwie verändern. Es ist vielmehr so, dass man den Körper in eine Vorstart-Stimmung bringt, sodass eine optimale Koordination und Durchblutung der Arbeistmuskulatur stattfindet. Klar, aufwärmen wirkt verletzungsvorbeugend. Dehnung ist durchaus etwas, das zum Aufwärmen gehört – aber nicht ans Ende des Aufwärmens. Denn nach dem Aufwärmen folgt der Wettkampf bzw. das Training. Dehnen kann, vor allem wenn man es zu langsam ausführt, ähnlich wie eine Massage, einen detonisierenden – also einen muskelentspannenden – Effekt haben, sodass die volle Leistung der Muskulatur zunächst ein paar Minuten beeinträchtigt ist.

Sportlerin schneidet Banane
Während eines Trainings verbraucht der Körper viele Kohlenhydrate. Dieser Verlust sollte schnell wieder ausgeglichen werden© istock

Welche Maßnahme eignet sich am besten für die Regeneration?

Viele Profifußballer steigen gern in ein Eisbad. Dazu wird eine Wanne oder Tonne mit zwölf bis fünfzehn Grad kaltem Wasser befüllt. Für maximal zehn Minuten sollten die Sportler dann mindestens mit den Beinen eintauchen. Durch den Kälteschock werden die Gefäße der Haut verengt und das Blut ins Körperinnere gedrängt. Das hemmt Entzündungsreaktionen auf Mikroverletzungen der Muskulatur, die bei jedem Training vorkommen können. Ein Muskelkater ist dann sehr unwahrscheinlich. Aber für Freizeit- und Breitensportler wirken auch weniger aufwändige Verfahren wie aktive Erholung (Auslaufen), Entspannungsverfahren und schnelles Wiederauffüllen der körpereigenen Kohlenhydratspeicher.

Würde alternativ auch ein Kühl-Akku reichen?

Nein, um die Gewebstemperatur großflächig zu senken, reicht ein Kühl-Akku z.B. auf dem Oberschenkel oder der Wade nicht aus.

 Im Interview: Prof. Dr. Tim Meyer

Der gebürtige Nienburger, Jahrgang 1967, betreut die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Teamarzt seit dem Jahr 2001. Als Ärztlicher Direktor des Instituts für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken beschäftigt sich Meyer v.a. mit medizinischen Aspekten des Fußballs, Infektionen, Verletzungen, Präventionsmaßnahmen und Regeneration.

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.