Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern

Redaktion PraxisVITA

Wenn das eigene Kind andere Kinder schlägt oder beißt - woran liegt es und was können Eltern dagegen tun? Kinderärztin Dr. Nadine Hess erklärt, wie Sie am besten mit Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern umgehen.

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

In der Familie wird kein aggressives Verhalten vorgelebt, im Gegenteil – man versucht, die Kinder zu empathischen, hilfsbereiten und freundlichen Menschen zu erziehen. Wie kommt es also, wenn ein Kind aus heiterem Himmel aggressives Verhalten an den Tag legt? Zunächst ist wichtig zu wissen, dass Kinder erst mit der Zeit verstehen, welche Konsequenzen ihr Verhalten für andere hat. Empathie im eigentlichen Sinne beginnt sich beispielsweise erst im Alter von 18 Monaten zu entwickeln. Ab diesem Zeitpunkt kann das Kind zwischen „Selbst“ und „Anderen“ unterscheiden. Bis dahin wird es beispielsweise zu weinen beginnen, weil ein anderes Kind weint. Dies aber nicht, weil es empathisch reagiert, sondern weil es nicht zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung unterschieden kann.

Kinderärztin Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Meist sind die Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern kein Ausdruck von echter Aggression gegen andere, sondern eher der eigenen Unzulänglichkeit“© Privat
 

Ab wann empfindet ein Kind Mitgefühl?

Das „Mitweinen“ ist also eine unbewusste Übertragung von Gefühlen. Auf diese Phase folgt die sogenannte egozentrische Empathie[1]. Hier wird das Kind erstmals empathisches Verhalten zeigen, allerdings noch sehr ichbezogen. Es tröstet  beispielsweise einen weinenden Freund in der Kita und reicht ihm sein eigenes Lieblingskuscheltier – nach dem Motto: „Was für mich gut ist, ist auch gut für andere“. Dass der Freund möglicherweise ein anderes Bedürfnis hat, versteht ein Kind unter drei Jahren noch nicht. Erst um das Alter von 36 Monaten kann ein Kind sich ansatzweise in ein anderes hineinversetzen.

Aggression bei Kindern: Häufig, weil sie ihre Wünsche nocht nicht verbal ausdrücken können
Bis zum Alter von 18 Monaten können Kinder Fremd- und Eigenwahrnehmung nicht unterscheiden © Shutterstock

Warum ich das alles im Zusammenhang mit Verhaltensauffälligkeiten erzähle? Weil es wichtig ist, zu verstehen, dass ein Kind unter 36 Monaten und erst recht unter 24 Monaten noch keine kognitive Möglichkeit hat, sich in ein anderes Kind hineinzuversetzen und die Auswirkungen seiner (aggressiven) Aktionen vorauszusehen und zu verstehen.

Meist sind die aggressiven Handlungen kein Ausdruck von echter Aggression gegen andere, sondern eher der eigenen Unzulänglichkeit: Das Kind ist wütend, weil es etwas noch nicht so gut hinbekommt wie ein anderes Kind, ist vielleicht müde und deshalb gereizt; es kann – je nach Alter – zudem seine Emotionen noch nicht kontrollieren. Es hat eine niedrige Frustrationsschwelle.

Hinzu kommt, dass das Kind sich außer nonverbal vielleicht noch nicht gut ausdrücken kann. In einer Situation, in der es sich in die Ecke gedrängt fühlt, bleibt dem Kind nicht viel anderes übrig, als mit„draufhauen“ zu reagieren.  Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Natürlich ist das kein adäquates Verhalten und Kinder müssen lernen, was stattdessen angemessen ist. Aber aus der Sicht des Kindes ist die Handlungsweise zumindest verständlich, wenn man sich in seine Lage und seine intellektuellen Möglichkeiten versetzt.

 

Was also tun bei Verhaltensauffälligkeiten des Kindes?

Je jünger das Kind, umso wichtiger ist es, mit dem Kind unmittelbar in der Situation zu besprechen, was es falsch gemacht hat und was eine solche Aktion für das Gegenüber bedeutet. Wenn Sie mit einem Zweijährigen abends am Tisch besprechen wollen, warum es seinen Kindergartenfreund nicht beißen soll, wird das wenig Erfolg haben – es kann sich nämlich an die Situation gar nicht mehr erinnern.

Aggressives Verhalten beim Kind am besten sofort thematisieren
Aggressives Verhalten sollten Sie mit Ihrem Kind direkt in der Situation besprechen, in der es passiert – sonst kann es nicht lernen, wie es sich stattdessen verhalten soll © imago

Besprechen Sie mit Ihrem Kind in der Situation, was das Kind stattdessen hätte tun können: „Wenn Du das Förmchen haben möchtest, musst Du fragen und vielleicht solange mit einem anderen spielen, wenn Dein Freund es nicht abgeben möchte. Wenn Du ihn haust, tut ihm das weh. Ich möchte nicht, dass Du anderen weh tust. Genauso, wie ich nicht möchte, dass andere Dir weh tun.“

Es bringt gar nichts, dem Kind durch Zufügen der gleichen Aktion (etwa beißen oder schlagen) zu zeigen, was es da angerichtet hat. Es wird es nicht in einen Zusammenhang bringen können. Am meisten lernt Ihr Kind, indem Sie angemessene Verhaltensweisen vorleben. Ein Kind, das in einer wohlwollenden, liebevollen und empathischen Umgebung aufwächst, wird dieses Verhalten viel eher auch selbst zeigen. Sie sind also das stärkste Role-Model für Ihr Kind. Seien Sie sich dessen bewusst. Und wenn das Kind doch mal aus der Reihe tanzt? Ein Hinweis auf ein wirkliches Aggressionsproblem ist das nur sehr selten. Versetzen Sie sich in die Lage Ihres Kindes, besprechen Sie mit ihm die Situation und wie es stattdessen reagieren sollte. 


[1] Hoffmann ML, Prosocial development: Implications for caring and justice. Cambridge University Press, New York 2000

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