Vergrößerter Lymphknoten durch einen Harnwegsinfekt?

Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Ein Leistenbruch, als auch eine mögliche Veränderung im Urogenitalbereich, ist nicht immer einfach zu sehen.“ © privat

Plötzlich kleine Knubbel in der Leistengegend, Schmerzen beim Wasserlassen und allgemeines Unwohlsein. Was kann das nur sein? Unsere Expertin und Kinderärztin Dr. Nadine Hess berichtet von einem spannenden Fall aus ihrer Praxis.

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Es stellte sich eines Morgens eine Mutter mit einem siebenjährigen Jungen in meiner Praxis vor. Er ist eine Sportskanone, spielt leidenschaftlich und viel Fussball, eigentlich kann ihn nichts davon abhalten. Nun saß er aber ganz blass und traurig vor mir. „Ich habe einen riesen Knubbel in der Leiste, es tut beim Pipi-machen weh und irgendwie geht es mir nicht gut.“ Fieber hatte er nicht, aber da er so Schmerzen hatte, konnte er nicht mehr rennen, also auch kein Fußballspielen. Spätestens da war mir klar, dass es was ernsteres sein musste – wer freiwillig auf der Bank sitzen bleibt, muss krank sein.

 

Große Beule in der Leiste

Ich schaute mir also alles genau an und muss sagen, selbst ich war überrascht, was für eine große Beule sich da in der Leiste zeigte. Es waren mehrere Knubbel, teils Pflaumen-groß. Eine Rötung war nicht zu sehen, jedoch empfand mein kleiner Patient das Betasten als sehr unangenehm. Die Beulen fühlten sich hart und glatt an. Ich fragte, wann die Schwellung aufgetreten sei und die Mutter erklärte, dass beim Fussballspiel am Wochenende, also vor etwa fünf Tagen, noch alles ok gewesen war. Es handelte sich also um etwas ganz akutes. Diese Tatsache beruhigte mich zwar etwas, denn Lymphdrüsenkrebs, an den ich leider auch denken musste, wächst zwar kontinuierlich, aber so schnell wäre doch sehr ungewöhnlich. Dennoch konnte ich mir in diesem Moment nicht erklären, was es dann sein konnte.

 

Das Abtasten brachte kein Ergebnis

Ich untersuchte die Hoden – alles normal. Auch der Bauch war in der Abtastung unauffällig. Keine Schmerzen, keine vergrößerten Organe, keine auffälligen Geräusche. Eine sogenannte Leistenhernie (=ein Leistenbruch) war es auch nicht, zumindest vom Abtasten her nicht. Wie konnte ich meinem Patienten nur helfen? Zum einen hatte der kleine Junge gesagt, es täte beim Pipi-machen weh – also bat ich ihn, auf die Toilette zu gehen und eine Urinprobe abzugeben. Zum anderen war es unbedingt sinnvoll, einen Ultraschall zu machen. Da ein Leistenbruch, als auch eine mögliche Veränderung im Urogenitalbereich, nicht ganz so einfach zu sehen ist, schickte ich den Patienten zu einer Kinderradiologin, die ihn auch noch am gleichen Tag in Empfang nahm. Vorab nahmen wir ihm aber noch Blut ab.

Junge liegt mit Schmerzen im Bett
Eine Entzündung der Harnwege kann eine schmerzhafte Vergrößerung der Lymphknoten im Leistenbereich nach sich ziehen© Fotolia
 

Urinbefund deutete auf eine Entzündung hin

Der Urinbefund zeigte eine erhöhte Anzahl der sogenannten Leukozyten, also schon mal ein Hinweis auf eine mögliche Infektion. Ich verordnete ein Antibiotikum und schickte den Urin zusammen mit dem Blut zur weiteren Untersuchung ins Labor.

Nachmittags rief die Kollegin aus der Radiologie an und sagte, dass sie sich zu 99% sicher sei, dass es stark vergrößerte Lymphknoten seien, sie sähen jedoch nicht bösartig verändert aus. Die Hoden waren in Ordnung, die Nieren ebenfalls, auch ein Leistenbruch war es nicht. Jedoch sei die Blasenwand verdickt, was wiederrum die These einer Infektion im Bereich der Harnwege stützte.

 

Bakterien lösten Harnwegsentzündung aus

Zwei Tage später sah ich den kleinen Patienten wieder. Die Blutwerte hatten eine minimale Erhöhung der weißen Blutkörperchen ergeben, sonst war alles ok. Es ging ihm besser, die Lymphknoten waren zwar immer noch nicht kleiner geworden, aber das Wasserlassen tat nicht mehr weh und er fühlte sich weniger schlapp. Das Ergebnis der Urinkultur kam am nächsten Tag – es waren ziemlich viele Bakterien in dieser Kultur gewachsen, die jedoch gut mit dem verordneten Antibiotikum behandelt werden konnten.

Es handelte sich also um eine sehr ungewöhnliche Entzündung der ableitenden Harnwege mit einhergehender starker Vergrößerung der Lymphknoten. Sicherheitshalber empfahl ich, das Antibiotikum für zehn Tage statt nur fünf zu nehmen. Die Lymphknoten waren nach einer Woche schon fast nicht mehr sichtbar, trotzdem kontrollierte sie die Radiologin nochmals per Ultraschall – auch da war alles ok.

Auch ich lerne jeden Tag etwas Neues – eine solche Vergrößerung der Lymphknoten, nur durch einen Harnwegsinfekt, hatte ich auch noch nicht gesehen, war aber froh, dass es sich schlussendlich um etwas „harmloses“ handelte, das ich leicht therapieren konnte.

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