Vergrößerte Prostata: Welche OP und was passiert mit meiner Potenz?

Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Prof. Markus Graefen von der Martini-Klinik am UKE macht Männern Mut zur Prostata-Vorsorgeuntersuchung und klärt umfassend über die besten Behandlungsmethoden im Fall von Prostatakrebs auf. Im Experteninterview erläutert der erfahrene Fach-Urologe die besten Therapiemethoden bei vergrößerter Prostata inklusive Vor- und Nachteile der Roboter-assistierten Prostatektomie.

Urologe Prof. Markus Graefen im Praxisvita-Interview zu Prostata-OP-Methoden
Experte Prof. Graefen: „Der Patient mit vergrößerter Prostata sollte vor einer Operation explizit nachfragen, wie viel Erfahrung der Operateur mit der radikalen Prostatektomie hat.“© privat

Wie wirkt sich eine vergrößerte Prostata auf die Potenz aus?

Eine vergrößerte Prostata hat an sich keine Auswirkung auf die Potenz. Sie kann aber neben anderen Ursachen mal dazu führen, dass das Wasserlassen erschwert ist. Dies äußert sich zum Beispiel darin, dass man nachts häufiger zum Wasserlassen aufstehen muss oder der Harnstrahl abgeschwächt ist. Es wurde allerdings auch gesehen, dass Männer mit Problemen beim Wasserlassen auch häufiger Einschränkungen der Potenz haben.

Gibt es Verhaltensweisen, die eine vergrößerte Prostata begünstigen können, etwa Kraftsport, Fleisch essen, Alkohol trinken, zu viel oder zu wenig Sex?

Es gibt keine eindeutigen Gründe, warum es manche Männer im Laufe des Lebens eine vergrößerte Prostata bekommen. Eine Veränderung des Hormonhaushaltes gilt hier als wahrscheinlichste Ursache. Spezielle Verhaltensweisen und Nahrungsmittel, welche eine vergrößerte Prostata beeinflussen, sind nicht bekannt.

Ob gut- oder bösartige vergrößerte Prostata: Wieso vergrößert sich die Prostata bei Männern überhaupt – wodurch wird die Veränderung ausgelöst, was passiert im Körper?

Hauptrisikofaktor für eine vergrößerte Prostata oder auch die Entwicklung eines Prostatakrebses ist das Lebensalter. Natürlich wird nicht jede Prostata automatisch irgendwann krank, allerdings wird bei jungen Männern nur selten eine Erkrankung der Prostata festgestellt. Häufig geht es im 50. bis 70. Lebensjahr mit Beschwerden beim Wasserlassen los, das Durchschnittsalter bei der Entdeckung von Prostatakrebs liegt bei 69 Jahren.

Woran merkt man, dass etwas mit der Prostata nicht stimmt und wann sollte man einen Urologen konsultieren?

Veränderungen der Prostata gehen oft schleichend einher. Grundsätzliche Veränderungen des Wasserlassens, wie nächtliches Wasserlassen, ein abgeschwächter Harnstrahl oder die Notwendigkeit „kräftig nachpressen“ zu müssen, um überhaupt Wasser lassen zu können, sind in der Regel Zeichen für eine vergrößerte Prostata oder eine andere Ursache, welche das Wasserlassen erschwert. Bemerkt man solche Symptome, sollte unbedingt ein Urologe aufgesucht werden.

Da man die Entstehung eines Prostatakrebses nicht spürt, macht hier eine Vorsorgeuntersuchung Sinn. Von der urologischen Fachgesellschaft wird diese Vorsorgeuntersuchung ab dem 45. Lebensjahr, bei familiärer Prostatakrebs-Vorbelastung ab dem 40. Lebensjahr empfohlen. Hier wird üblicherweise eine Tastuntersuchung durch den Fachurologen und eine PSA-Messung durchgeführt.

Was empfehlen Sie Männern, denen Probleme mit der Prostata peinlich sind, die sich schämen, zum Arzt zu gehen und die Angst vor einer urologischen Untersuchung haben?

Leider bleibt die Prostatavorsorge in Deutschland weiterhin ein ‚Tabuthema’. Frauen nehmen viel häufiger Vorsorgeuntersuchungen wahr als Männer. Häufig wird befürchtet, dass die Tastuntersuchung der Prostata schmerzhaft sei, was nicht der Fall ist. Natürlich ist dies keine angenehme Untersuchung, aber sie gibt dem Arzt wichtige Hinweise, die häufigste Krebserkrankung und zweithäufigste Todesursache – das Prostatakarzinom –frühzeitig in einem heilbaren Stadium zu erkennen. Auch die Messung des PSA-Wertes, welche frühzeitig ein Tumorgeschehen anzeigt, ist hier wichtig. Da dies zu den Routineuntersuchungen in einer urologischen Praxis gehört, gibt es für den Patienten keinerlei Grund zur Scham.

Wie wird die Diagnose „Prostatakarzinom“ gestellt und wie sehen die Behandlungsstufen danach aus – muss sofort operiert werden?

Wenn die Diagnose Prostatakarzinom gestellt wird, gibt es nicht eine einzelne „ideale“ Therapie. Es ist hierbei wichtig zu schauen, in welchem Stadium die Erkrankung diagnostiziert wird und auch andere Dinge, wie zum Beispiel das Alter und mögliche Begleiterkrankungen des Mannes.

Liegen etwas aggressivere Kriterien vor, sollte die Prostata behandelt werden. Hier kommt die operative Entfernung des Organs oder eine Bestrahlung in Frage. Es gibt jeweils verschiedene Techniken, zu operieren oder zu bestrahlen. Wichtig ist hierbei, dass man einen erfahrenen Therapeuten aufsucht, damit zum einen die Behandlung unkompliziert verläuft und zum anderen auch die möglichen Nebenwirkungen einer Behandlung gering gehalten werden. Beispielsweise ist in erfahrenen operativen Zentren die Wahrscheinlichkeit einer Harninkontinenz nach einer Prostataoperation minimal.

Der Zeitpunkt der Erkennung eines Prostatakarzinoms spielt auch hier eine große Rolle. Je früher ein Prostatakrebs entdeckt wird, desto schonender kann die Therapie gewählt werden. Ist beispielsweise ein Prostatakrebs auf das Organ begrenzt, können beidseits die Erektionsnerven geschont werden und so neben der Kontinenz auch die Potenz erhalten bleiben. Laserbehandlungen bei einem Prostatakrebs gibt es zurzeit nicht. Diese werden genutzt, um die gutartige, vergrößerte Prostata (im inneren Bereich und in der Harnröhre) teilweise zu entfernen, um das Wasserlassen zu erleichtern. Dies ist allerdings keine adäquate Therapie des Prostatakrebses.

Wie hoch ist die Überlebenschance, wenn Prostatakrebs gar nicht behandelt wird?

Die Chancen, ein Prostatakarzinom zu überleben, wenn es adäquat behandelt und früh entdeckt wird, sind sehr hoch. Manche Prostatakarzinome werden so früh entdeckt, dass Sie aufgrund ihres langen Verlaufes und der Tatsache, dass der betroffene Mann auch an anderen Ursachen versterben kann, tendenziell nie zu einer Bedrohung wird. Dies einzuschätzen und entsprechend die Therapie zu planen, ist eine wichtige Aufgabe des Urologen, die er gemeinsam mit dem Patienten durchführt. Hierbei geht es darum, die therapiebedürftigen Prostatakrebse zu identifizieren sowie entsprechend zu behandeln und die langsam wachsenden Tumore zunächst einmal zu beobachten.

Was ist der Unterschied zwischen nicht radikalen und radikalen Operationen?

Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen einer Operation, deren Auslöser eine gutartige vergrößerte Prostata ist, bei der es lediglich darum geht, dass die Situation des Wasserlassens wieder verbessert wird und einer kompletten Entfernung der Prostata, welche dann durchgeführt wird, wenn ein Prostatakrebs vorliegt.

Welche Methode ist am Nerven-schonendsten, also mit dem geringsten Risiko für die Erektionsfähigkeit und Harnkontinenz des Patienten verbunden?

Die gutartige vergrößerte Prostata lässt sich mit Laserverfahren behandeln, welche im Vergleich zur traditionellen Ausschabung der Prostata mit Elektroschlinge einen geringeren Blutverlust und eine kürzere Verweildauer im Krankenhaus mit sich bringt. Wichtig ist aber auch hier, dass der Operateur viel Erfahrung mit dem System hat, um auch hier Nebenwirkungen zu vermeiden.

Bei der operativen Therapie eines Prostatakrebses geht es darum, das Organ zu entfernen und die sensiblen Strukturen außerhalb der Prostata, wie die Erektionsnerven und den Schließmuskel, möglichst zu schonen. Auch hier gibt es keine ‚ideale’ Operationsmethode.

Das Entscheidende ist, dass der Operateur mit dem Verfahren, welches er für eine vergrößerte Prostata anbietet, viel Erfahrung hat und auch ständige Qualitätskontrollen durchführen lässt. Am häufigsten angewendet wird in Deutschland die sogenannte offene retropubische Operation, bei der über einen acht bis zehn Zentimeter langen Schnitt im Unterbauch die Prostata entfernt wird. Die zweithäufigste Operationsmethode ist die roboterassistierte radikale Prostatektomie. Hier wird schlüssellochchirurgisch von einer Konsole aus operiert. In erfahrenen Zentren hat sich bislang aber gezeigt, dass es keine wirklichen Vorteile für ein bestimmtes Operationsverfahren gibt, sondern die Erfahrung des Operateurs mit dem jeweiligen Verfahren das Entscheidende ist.

Wie stehen Sie zur roboterassistierten radikalen Prostatektomie?

Die roboterassistierte radikale Prostatektomie ist eine Neuentwicklung, die sich im letzten Jahr zunehmend in Deutschland etabliert hat. Es geht allerdings nicht darum, dass mit dem Roboter automatisch besser operiert wird, sondern, dass man mit diesem System viel Erfahrung hat. Die Vorteile des sogenannten minimalinvasiven Operierens äußern sich in einem geringen Blutverlust und einer guten Übersicht für den Operateur im Operationsgebiet. Allerdings gibt es kein taktiles Empfinden und auch die Zusatzkosten für diese Operation werden in der Regel nicht von den Krankenkassen übernommen. Durch das hohe Entwicklungspotential dieser Form der Operation wird sie jedoch in den kommenden Jahren sicherlich mehr und mehr die ‚Operationstechnik der Wahl’ werden.

Also ist die Erfahrung des Operateurs am wichtigsten, ob nun mit dem Roboter oder mit den eigenen Händen – doch wie kann der Patient die Erfahrung des Operateurs ermessen?

Der Patient sollte vor einer Operation explizit nachfragen, wie viel Erfahrung der Operateur mit der radikalen Prostatektomie hat. Gute Kliniken stellen ihre Ergebnisse auch auf ihre Homepage, um Transparenz zu schaffen. Im Aufklärungsgespräch, das jeder Patient in Ruhe mit seinem möglichen Operateur im Vorfeld führt, sollte der Patient selbstbewusst fragen, wie viele Operationen der Operateur bislang durchgeführt hat und wie viele Operationen in der Klinik durchgeführt wurden. Wichtig ist, zu fragen, ob neben der bloßen Zahl der Operationen auch ein gewisses Qualitätsmanagement stattfindet, das dem Operateur erlaubt, die Langzeitergebnisse seiner Operationen festzustellen – auch, um hier mögliche Gebiete für Verbesserungen zu erkennen. Leider wird dies in Deutschland nur in sehr wenigen Kliniken durchgeführt, obwohl das Feedback von den Patienten für eine Weiterentwicklung enorm wichtig ist.

Wie verläuft die Heilung nach der OP – sind Komplikationen häufig?

Die Heilung nach der Operation verläuft in der Regel unkompliziert. In erfahrenen Zentren werden die Patienten nach wenigen Tagen bereits entlassen. Gelegentlich haben sie dann noch einen Katheter, welcher nach einer Woche entfernt werden kann.

Wie schnell ist der Patient nach der Prostata-Operation „wieder ganz hergestellt“?

Die Kontinenz stellt sich nach wenigen Tagen oder Wochen wieder ein. Die Erektionsfähigkeit braucht meist länger, bis sie sich wieder entwickelt. In den ersten Wochen gilt es, sich noch zu schonen. Ziel der Operation, welches zumeist auch erreicht wird, ist, dass der übliche Alltag des Patienten nach einigen Wochen wieder gemeistert werden kann. Eine dauerhafte Einschränkung der Lebensqualität ist selten. Allerding spielt auch hier die Vorsorgeuntersuchung eine wichtige Rolle. Wird ein Tumor in einem frühen Stadium entdeckt, kann beispielsweise nervschonend operiert werden und häufig die Impotenz auch vermieden werden. Wird ein Tumor später entdeckt, muss oft radikal operiert werden und entsprechend kann danach auch schwieriger die sogenannte Funktionalität erhalten bleiben.

Muss man nach der Entfernung des Prostatakarzinoms oder der ganzen Prostata damit rechnen, dass der Krebs irgendwann wiederkommt?

Die Früherkennung spielt die wichtigste Rolle. Wird ein Tumor in einem Stadium entdeckt, in dem er sich noch auf das Organ Prostata begrenzt, können 90 Prozent der Männer langfristig geheilt werden. Es bleibt allerdings immer ein gewisses Restrisiko, dass es zu einem Wiederauftreten des Tumors kommt, so dass hier eine regelhafte Nachsorge durchgeführt werden muss. Nach einer Operation ist dies sehr einfach, da der PSA-Wert, der häufig zur Diagnose geführt hat, nun ein eindeutiger Tumormarker ist, da er nach einer operativen Entfernung der Prostata nicht mehr im Blut vorhanden sein darf. Steigt der PSA-Wert wieder an, ist dies ein Hinweis darauf, dass wieder Tumoraktivität vorhanden ist. Aber auch hier gibt es keine akute Bedrohung für den Patienten, da weitere therapeutische Möglichkeiten bestehen. Es besteht übrigens kein Zusammenhang des Prostatakarzinoms mit einem erhöhten Risiko anderer Krebsarten, wie beispielsweise Darmkrebs oder Hodenkrebs.

Zusammenfassend kann ein Prostatakarzinom heutzutage sehr effektiv und schonen behandelt werden. Wichtigstes Kriterium hierbei ist eine frühe Entdeckung und eine sorgfältige Wahl der Therapie. Erster Ansprechpartner sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Therapieberatung ist hier der Fachurologe. Das Einholen von Zweitmeinungen, beispielsweise in spezialisierten Behandlungszentren, stellt eine zusätzliche wichtige Säule dar.

Im Interview

Prof. Markus Graefen

Urologe, Ärztlicher Leiter der Martini-Klinik am Universitäts Klinikum Hamburg Eppendorf (UKE)

Operativer Schwerpunkt: offene und roboterassistierte nerverhaltende radikale Prostatekatomie sowie Brachytherapie des Prostatakarzinoms im Afterloading- und Seed-Verfahren

Website: www.martini-klinik.de

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