Vergewaltigt und traumatisiert

Traumatisierte Frau
Eine Vergewaltigung ist ein traumatisierendes Ereignis – viele Frauen bringen die Tat aber nicht zur Anzeige, weil sie fürchten, unglaubwürdig zu sein © Fotolia

Vergewaltigt vom eigenen Ex – und schwer traumatisiert. Kerstin P. bewältigte ihre posttraumatische Belastungsstörung mit einer Trauma-Therapie und zeigte ihren Nötiger an. Warum viele Frauen sich nicht zu diesem Schritt durchringen können, lesen Sie hier.

Einer Studie zufolge werden 15 bis 25 Prozent aller Frauen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer einer sexuellen Nötigung. Danach sind sie meist schwer traumatisiert – viele leiden unter einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Die Täter sind zumeist „ganz normale“ Männer aus dem näheren Umfeld – der Nachbar, ein Bekannter, Lebenspartner oder auch der Ex. So wie bei Kerstin P.

 

Trauma: Von einer Vertrauensperson missbraucht

Ihr Partner vergewaltigt sie bei einer „letzten Aussprache“, als sie sich nach fünf Jahren von ihm trennt. „In dem Moment, als es passierte, schlug ich erst auf ihn ein, dann war ich wie gelähmt, dass der Mann, den ich geliebt habe und dem ich vertraute, mir das antat... Es war, als läge nicht ich dort auf dem Boden, sondern eine andere.“ Als es vorbei ist, sitzt Kerstin stundenlang unter der Dusche. „Meine Haut war rot vom Schrubben, trotzdem hatte ich das Gefühl, nicht sauber zu werden. Ich ekelte mich vor meinem Körper und hätte mich am liebsten aus ihm gelöst.“ Danach ruft sie ihre beste Freundin an. Erzählt stockend, was geschehen ist. Die Freundin rät Kerstin, zur Polizei zu gehen und den Ex anzuzeigen: „Das darfst du nicht hinnehmen.“ Sie folgt dem Rat der Freundin.

 

Viele missbrauchte Frauen scheuen vor einer Anzeige zurück

Vergewaltigungen sind eine Demonstration der Macht. Männer wollen die Frauen bewusst brutal erniedrigen. Für die Opfer hat das verheerende Folgen – viele leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und haben immer wieder Albträume und Panikattacken. Oft glauben die Opfer, selbst schuld zu sein oder versuchen, sich selbst zu beschwichtigen, indem sie die Tat herunterspielen. Zu einer Anzeige können sich nur die wenigsten durchringen. „Auch aus Sorge, sie könnten ein langwieriges und peinigendes Verfahren nicht durchstehen, weil ihnen sowieso niemand glaubt“, sagt die Hamburger Trauma-Therapeutin Susanne Brandenburg.

 

Die Rettung: eine Trauma-Therapie

Nach fünf schlaflosen Wochen, in denen die Bilder der Tat immer wieder wie ein Horrorfilm vor ihrem inneren Auge ablaufen und sie sich nicht mehr aus dem Haus traut, entschließt Kerstin sich zu einer Trauma-Therapie. Nach einigen Wochen gewinnt sie langsam wieder Kontrolle über ihr Leben, lernt das Schreckliche zu verarbeiten – trotz erneuter Befragungen, die den Albtraum immer wieder auferstehen lassen. Nach zwei Monaten kann sie sogar wieder arbeiten.

Vor Gericht muss sie erneut aussagen. Das ist der Tag, von dem Kerstin sagt, er sei fast genauso schlimm gewesen wie die Vergewaltigung selbst. Sie schildert die Tat mit emotionaler Distanz. So wie sie es in der Therapie gelernt hat.

 

Quälende Gerichtsverhandlung

Sie wirke so gefasst, da könne das Ereignis doch so schlimm wohl nicht gewesen sein, sagt der Verteidiger. „Frauen, die die Tat angezeigt haben, sollten darauf vorbereitet sein, was sie in dem anstehenden Prozess erwartet“, mahnt Opferanwältin Sabine Schräer. Auch dass Verteidiger versuchen werden, ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen. „Juristisch gesehen gelten die Frauen als Beweismittel. Und zu einem rechtsstaatlichen Verfahren gehören kritische Fragen“, sagt Anwältin Schräer. Wichtig aber sei, den traumatisierten Opfern zu zeigen, dass sie diesen Weg nicht allein gehen müssen, sondern ihr Anwalt fest an ihrer Seite steht.

Kerstin ist am Ende erleichtert, ihren Vergewaltiger angezeigt zu haben. Das Urteil: zwei Jahre Freiheitsstrafe. „Er wurde für das bestraft, was er mir angetan hat. Ich konnte ihm zeigen, dass er keine Macht über mich hat.“ Und die Bilder, die Kerstins Seele zuweilen noch fluten, werden mit der Zeit verblassen.

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