Verborgene Ursache von Schlafstörungen entdeckt

Ist ADHS in Wirklichkeit eine Schlafstörung? Eine aktuelle Studie liefert Hinweise darauf
Ist ADHS in Wirklichkeit eine Schlafstörung? Eine aktuelle Studie liefert Hinweise darauf © iStock

Schlafstörungen und ADHS hängen enger zusammen als bisher vermutet – darauf weist eine aktuelle Studie hin. Was bedeutet das für Betroffene?

Menschen mit ADHS klagen häufig über Schlafstörungen. Bisher wurden die beiden Leiden unabhängig voneinander behandelt – das war womöglich ein Fehler, wie eine große Metastudie jetzt zeigt. Professor Sandra Kooji von der Vrije Universität in Amsterdam verglich zahlreiche Studien zum Thema ADHS und Schlafstörungen und fand Hinweise auf einen starken Zusammenhang.

Erste Ergebnisse ihrer Studie präsentierten die Wissenschaftler auf dem jährlich stattfindenden Kongress des European College of Neuropsychopharmacology (ECPN). Bei der Präsentation sagte Professor Kooji: „Alle Studien zusammengenommen (...) sieht es sehr danach aus, dass ADHS und zirkadiane (tagesrhythmische) Probleme bei der Mehrzahl der Patienten miteinander verflochten sind. Wir glauben das, weil der Tag-Nacht-Rhythmus gestört ist, nicht nur der des Schlafes, sondern auch der der Körpertemperatur, von Bewegungsmustern, Essenszeiten und so weiter. Wenn man die Beweislage betrachtet, sieht es mehr und mehr danach aus, dass ADHS und Schlaflosigkeit zwei Seiten derselben physiologischen Medaille sind.“

 

Diese Beobachtungen führten zu Koojis These

  • Bei 75 Prozent der ADHS-Patienten tritt der „messbare“ Schlaf (z.B. das Level des Schlafhormons Melanin und die Körpertemperatur verändern sich) im Schnitt 1,5 Stunden später ein als bei Personen ohne ADHS.
  • Bei ADHS-Patienten treten gehäuft Schlafstörungen wie Restless-Leg-Syndrom, Schlafapnoe und Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus auf.
  • Anders als die Mehrheit der Bevölkerung sind ADHS-Betroffene häufig abends am aufmerksamsten.
  • Rund 70 Prozent der erwachsenen ADHS-Patienten leiden an einer starken Lichtempfindlichkeit und tragen über große Teile des Tages Sonnenbrillen – das könnte die Verschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus verstärken.
 

Was war zuerst da – ADHS oder Schlafstörungen?

Das Team will die erlangten Ergebnisse durch weitere Untersuchungen überprüfen, so Kooji: „Wir arbeiten daran, diesen physisch-mentalen Zusammenhang zu bestätigen, indem wir Biomarker wie Vitamin-D-Level, Blutzuckerspiegel, Cortisollevel, 24-Stunden-Blutdruck, Schwankungen in der Herzfrequenz und so weiter untersuchen." Ist das Ergebnis bestätigt, stellt sich die alles entscheidende Frage: Führt ADHS zu Schlafstörungen oder fördern Schlafstörungen die Entstehung von ADHS? Sollte Letzteres der Fall sein, könnte es einfache und nicht-medikamentöse Wege geben, einer ADHS-Erkrankung vorzubeugen, beispielsweise durch eine bessere Schlafhygiene, so die Forscher.

Doch auch der umgekehrte Schluss kann hilfreich sein, vor allem für Menschen mit Ein- oder Durchschlafproblemen: Hinter einer Schlafstörung kann ADHS stecken. Betroffene, die seit langem erfolglos versuchen, ihre Schlafprobleme in den Griff zu bekommen, sollten ihren Arzt auf diese Möglichkeit ansprechen.

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