Verbergen sich versteckte Botschaften in unseren Genen?

Gene beeinflussen die Persönlichkeit
Neue Forschungen haben bewiesen, dass im menschlichen Genom nicht nur der individuelle Bauplan des Menschen gespeichert ist, sondern auch Informationen über die menschliche Persönlichkeit © Fotolia

Wissenschaftler entschlüsseln immer mehr Geheimnisse unserer Erbgutsubstanz – und sind jetzt einer neuen versteckten Botschaft auf die Spur gekommen: dem Code der Schizophrenie. Praxisvita nimmt Sie mit auf eine Wissensreise ins Innere unserer DNA.

Wo befindet sich die größte Müllhalde unseres Körpers? Die Antwort hat selbst Wissenschaftler überrascht: in unseren Genen. Jede Körperzelle verfügt bekanntlich über einen kompletten Satz aller Erbgutinformationen, kodiert in ca. 25 000 Genen, chemisch festgeschrieben auf dem DNA-Strang – der Desoxyribonukleinsäure – in der Zelle. In diesem sogenannten Genom befindet sich zum Beispiel der Bauplan unseres Körpers und der ist bei jedem Menschen individuell. So weit, so bekannt. Zurück zur Müll-Frage. Bei der Entschlüsselung unseres Gen-Codes stellten Wissenschaftler etwas höchst Merkwürdiges fest: 97 Prozent unserer Gene haben keine Funktion. Sie sind "Müll-DNA". Relikte aus der Entstehungsgeschichte der Menschheit – überflüssig. Dachte man jedenfalls lange Zeit.

 

Die geheime Grammatik der Gene

Das Wunder der Gene beginnt mit einer logistischen Meisterleistung. Obwohl eine Zelle im Schnitt nur 0,01 Millimeter klein ist, birgt sie einen DNA-Strang, der aus einer insgesamt zwei Meter langen Doppelhelix besteht. Diese kunstvolle Form der Ineinanderschlingung und Faltung ermöglicht es, das komplette Erbgut eines Menschen auf winzigem Raum unterzubringen. Der nächste Geniestreich: Obwohl die DNA aus nur vier Grundbausteinen (den Basen Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin) besteht, können daraus unendlich viele verschiedene Informationen entstehen: Eine Zusammensetzung von drei Basen bildet eine Aminosäure, ein "genetisches" Wort. Diese Gen-Wörter fügen sich zusammen und bilden ganze Sätze – ein Satz entspricht einem Gen. Tatsächlich funktionieren sie wie eine menschliche Sprache. Diese Entdeckung machten Forscher der Boston University in den USA, als sie die von der Humangenetik vernachlässigte "Müll-DNA" untersuchten. Nicht nur, dass die dort verschlüsselten Informationen quasi aus Wörtern bestehen, die sich zu Sätzen formen. Die Regeln, nach denen dieser Prozess abläuft, ähneln verblüffend der Grammatik einer Sprache. Doch das ist nur Teil eins der Wissenschaftssensation: Das Sprachmuster funktioniert nicht bei den drei Prozent der Genen, die in unserem Körper aktiv sind, sondern nur bei den 97 Prozent der "Müll-DNA". Das macht das ohnehin geheimnisvolle Molekül DNA nun noch mysteriöser. Wenn also die "Müll-DNA" einer Sprache gleicht – sind in ihr dann verschlüsselte, geheime Botschaften enthalten? Der renommierte Physiker Paul Davies, der die Gen-Grammatik untersuchte, ist davon überzeugt: "Was uns fehlt, ist der Schlüssel, um die Sprache verstehen zu können. Dann werden wir auch die Botschaften unserer Gene an uns lesen können", sagt er.

 

Ist in unseren Genen der Bauplan für einen Supermenschen versteckt?

Davies' Forschungen schlugen in der Fachwelt wie eine Bombe ein. Dass die "Müll-DNA" große Geheimnisse birgt, bezweifelt kaum noch jemand. Doch welchem Zweck dient sie wirklich? Erst kürzlich wurde bei Mäusen entdeckt, dass aus der "Müll-DNA" tatsächlich neue, aktive Gene entstehen können. Sie wäre also eine Art Reservoir für evolutionäre Veränderungen. Davies ist sich sicher, dass hier bereits die Möglichkeiten der evolutionären Entwicklung auch beim Menschen festgeschrieben seien. "Wenn es uns gelingt, die Sequenzen zu entziffern, könnten wir unsere eigene Evolution beschleunigen und uns selbst zu genetisch verbesserten Supermenschen verändern", sagt der Physiker. Andere Wissenschaftler vertreten die These, dass die "Müll-DNA" gar nicht von uns stamme, sondern von Viren, die unsere Vorfahren in Jahrmillionen befallen haben. In der "Müll-DNA" könnten sich also geheime Botschaften über die biologische Vergangenheit und die Zukunft der Menschheit verstecken.

Sicher ist, dass bislang nur ein Bruchteil der Informationen, die in unsere Gene eingeschrieben sind, entschlüsselt wurde. Das meiste, das entdeckt wurde, bezieht sich auf den Bauplan unseres Körpers. Neue Erkenntnisse weisen aber erstmals darauf hin, dass auch andere Informationen genetisch festgeschrieben sind. Und die betreffen unsere Persönlichkeit.

 

Das SETD1A Gen – Der Code der Schizophrenie

Dass gewisse Gendefekte zu erblichen Krankheiten führen können, ist in der Medizin lange bekannt. Nun entdeckten Forscher des Columbia University Medical Centers aber, dass unsere Gene auch darüber entscheiden, wie psychisch gesund ein Mensch ist. Die kürzlich in der Fachzeitschrift Neuron veröffentlichten Studien zeigen, dass eine vererbte Gen-Mutation als wichtiger Faktor für den Ausbruch von Schizophrenie verantwortlich ist. Konkret konnte das sogenannte SETD1A Gen als potenzieller Auslöser für schizophrene Störungen identifiziert werden. Mithilfe eines neuen Sequenzierungsverfahrens wurden die Gene schizophrener Patienten und die ihrer Eltern entschlüsselt und verglichen. Dabei fiel auf, dass Personen mit schizophrenen Dysfunktionen im Gegensatz zu ihren Eltern über eine mutierte Variante des sogenannten „loss-of-function-Proteins“ innerhalb des SETD1A Gens verfügten. Diese selten auftretende Form des „loss-of-function-Proteins“, das keine nachweisbare Funktion besitzt, war bereits Teil des elterlichen Genpools – ohne, dass das gesundheitliche Konsequenzen für die Eltern hatte. Nach Aussagen der Wissenschaftler mutierte diese spezielle Gen-Variation aber im Zuge der Vererbung an den Nachwuchs und löste – im Sinne eines einfachen Gendefekts – die Schizophrenie aus. Die Mediziner aus Harvard konnten damit erstmals beweisen, was schon lange vermutet wurde: Auslöser für gewisse psychische Störungen verbergen sich in unseren Genen und können auf diese Weise – ebenso wie die Haarfarbe oder die Körpergröße – durch die Struktur der DNA bestimmt werden.

Gene entscheiden über gut und böse
Forscher ließen freiwillige Probanden an einem Versuch teilnehmen, bei dem moralische Verhaltensnormen untersucht wurden. Dabei identifizierten sie ein bestimmtes Gen, das offensichtlich maßgeblich dafür verantwortlich ist, ob ein Mensch großzügig ist oder nicht© Fotolia
 

Da COMT-Gen – die geheimen Botschaften von gut und böse

Die Teilnehmer einer Verhaltens-Studie der Universität Bonn glaubten, an einem einfachen Gedächtnistest teilzunehmen, der mit fünf Euro belohnt wurde. Im Anschluss konnten sie sich entscheiden, das Geld zu spenden oder zu behalten – das war der eigentliche Test. Die Forscher um Martin Reuter  versuchten herauszufinden, ob die Entscheidung von einer genetischen Botschaft beeinflusst wurde. Und sie wurden fündig. Eine bestimmte Variante des COMT-Gens, das jeder in sich trägt, tauften sie "Robin-Hood-Gen". Träger dieser Variante spenden völlig freigiebig etwa Geld, Essen und Kleidung. Die Forscher erklären das so: Ein bestimmter Botenstoff im Gehirn wird schneller abgebaut, daher müssen die modernen Robin Hoods ihr Gehirn immer wieder mit guten Taten stimulieren. Liegt eine andere Gen-Variante vor, bleibt der Botenstoff nach einem Reiz noch lange im Gehirn. Der Träger fühlt sich länger gut, auch wenn er nichts für seine Mitmenschen tut. Darunter leidet sein Sozialverhalten. In unseren Genen liegt also die Botschaft versteckt, ob wir zu guten Taten neigen oder nicht.

 

Das DRD4-Gen – Die Ankündigung des Seitensprungs

Die Entscheidung zu einem Seitensprung habe zwar jeder selbst zu treffen , aber das Gen schicke eindeutige Botschaften, erklärt Justin Garcia von der Binghamton University. Er fand heraus, dass eine bestimmte Variante des DRD4-Gens die Chemie des Gehirns verändert. Träger dieser Gen-Variante – dazu zählten 26 Prozent der männlichen und 23 Prozent der weiblichen Probanden – neigen zum Fremdgehen, haben viele und häufig wechselnde Partner und gehen auch sonst gern Risiken ein. Damit sie treu sind, muss es in ihrem Leben viele positive Erlebnisse geben: "Solche Menschen benötigen nämlich größere Mengen des Hormons Dopamin, um zufriedengestellt zu sein, daher bringen sie sich immer wieder in extreme, stimulierende Situationen", sagt Justin Garcia. Aber das Gen verrät uns nicht nur etwas darüber, wer wir sind und warum wir so sind, wie wir sind. Es erzählt uns auch ein Stück unserer eigenen Geschichte. Denn die bestimmte Variation des Gens entwickelte sich erst vor 50 000 bis 30 000 Jahren, als die Menschheit Afrika verließ. Die Besiedelung unbekannter Gebiete und neuer Klimazonen war riskant, sogenannte Thrill-Seeker waren dabei evolutionär im Vorteil.

Hamburg, 30. Mai 2014

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