Vegane Ernährung: Fall fürs Jugendamt?

Verena Elson Medizinredakteurin

Eine vegane Ernährung ist nichts für Babys und Kleinkinder – sie können schwere gesundheitliche Schäden und Entwicklungsverzögerungen davontragen. In einer Stellungnahme fordert ein hochrangiges Forschungsinstitut in Belgien jetzt sogar eine Gefängnisstrafe für Eltern, die ihr Kind vegan ernähren, wenn dieses davon Schaden trägt.

Ein Kind isst eine Tomate
Obst und Gemüse sind wichtig für Kinder – ihre Ernährung sollte aber nicht rein vegan gestaltet werden, sagen Experten Foto:  gpointstudio/iStock

Als „unethisch“ bezeichnet die Royal Academy of Belgium in Brüssel die vegane Ernährung von Kindern. Die Begründung: Diese Form der Ernährung könne bei Kindern im Wachstum gesundheitliche Probleme und bleibende Gehirnschäden verursachen. 

Bernard Devos, Regierungsbeamter für Kinderrechte, hatte die Akademie um eine Stellungnahme gebeten. Das Ziel dabei: es dem Staat zu erleichtern, Eltern strafrechtlich zu verfolgen, wenn ihr Kind aufgrund von Mangelernährung unterentwickelt, krank oder behindert ist.

 

Stellungnahme belgischer Mediziner

Aus Sicht der belgischen Experten ist eine vegane Ernährung auch für Kinder tolerierbar, wenn sie dabei streng medizinisch überwacht werden (u.a. durch regelmäßige Blutanalysen) und Vitaminpräparate bekommen. Wer sich nicht an diese Auflagen hält, riskiert laut einem Bericht des belgischen „Le Soir“ zwei Jahre Gefängnis, Geldstrafen und die Entfernung des Kindes aus der Familie – wenn bei dem Kind gesundheitliche Probleme auftreten, die durch die vegane Ernährung verursacht wurden.

 

Ist vegane Ernährung „unterlassene Hilfeleistung?“

„Wenn wir Kinder sind, stellt der Körper immer neue Gehirnzellen her. Das geht mit einem höheren Bedarf an Proteinen und wichtigen Fettsäuren einher. Diese kann der Körper nicht selbst produzieren – sie müssen ihm über tierische Proteine zugeführt werden“, erklärt Georges Casimir. Der Kinderarzt leitete die Kommission, die den Bericht verfasste.

Mögliche Folgen einer solchen Fehlernährung sind laut Casimir ein gehemmtes Wachstum, psychomotorische Entwicklungsverzögerungen, Nährstoffmangel und Blutarmut. Diese Probleme könnten ein Leben lang anhalten und seien auch durch spätere Veränderungen in der Ernährung nicht mehr vollständig rückgängig zu machen.

Laut Casimir fällt das Aufzwingen einer solchen unzureichenden Ernährung durch die Eltern fortan unter den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung – dieser wird in Belgien mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet. Niemand könne für unterlassene Hilfeleistung belangt werden, wenn ihm nicht bewusst sei, dass die betroffene Person in Gefahr sei – doch die öffentliche Stellungnahme der Royal Academy of Belgium mache es nun zum Allgemeinwissen, dass eine vegane Ernährung im Extremfall töten könne.

 

Kinder als Opfer einer aufgezwungenen Mangelernährung

Grundlage für den Vorstoß von Bernard Devos waren Fälle wie der eines sieben Monate alten Babys, das 2017 in Belgien an den Folgen einer Mangelernährung gestorben war. Seine Eltern hatten ihm ausschließlich pflanzlichen Milchersatz zu trinken gegeben.

Vergangene Woche sorgte ein Fall aus Australien für Aufsehen, bei dem ein eineinhalb Jahre altes Kind nur so weit entwickelt war wie gesunde Kinder mit drei Monaten – auch hier war eine streng vegane Ernährung des Kindes die Ursache für die starke Entwicklungsverzögerung. Auch in Deutschland treten immer wieder Fälle durch Veganismus mangelernährter Kinder auf, die teilweise bleibende Schäden davontragen. Dabei handelt es sich um Einzelfälle – dennoch raten Mediziner auch hierzulande von einer rein veganen Ernährung von Kindern ab.

 

Das sagen deutsche Experten zur veganen Ernährung von Kindern

Eine Hauptsorge vieler Ernährungsexperten liegt in punkto Veganismus bei einem bestimmten Nährstoff – dem Vitamin B12. Dieses Vitamin ist für die Blutbildung notwendig. Der Körper kann nur ganz geringe Mengen davon selbst herstellen und ist darauf angewiesen, den Nährstoff über die Nahrung aufzunehmen – und das geht praktisch nur über tierische Produkte.

Erwachsene Menschen haben in der Regel einen „Vorrat“ an Vitamin B12 in der Leber angereichert, der drei bis fünf Jahre vorhält. Darum kann es passieren, dass Veganer erst einige Jahre nach ihrer Ernährungsumstellung Mangelerscheinungen zu spüren bekommen – nämlich dann, wenn ihr Vitamin-B12-Speicher aufgebraucht ist.

Im Rahmen einer 2017 veröffentlichten Studie kamen Wissenschaftler des Bundesinstituts für Risikobewertung zu dem Schluss, dass die vegane Ernährung für Erwachsene zwar sinnvoll ist – sie hat viele Vorteile für die Gesundheit, wie etwa ein im Schnitt niedrigerer Cholesterinspiegel und ein geringeres Diabetes-Risiko. Zudem haben erwachse Veganer laut der Studie meist ein hohes Risikobewusstsein und „Ernährungswissen“ – das heißt, sie sind sich der Gefahren eines Nährstoffmangels bewusst und nehmen gegebenenfalls Vitaminpräparate ein.

Bei Säuglingen und Kleinkindern sowie Schwangeren und stillenden Müttern raten die Experten jedoch von einer veganen Ernährung ab – denn Kinder haben noch keine Speicher für Vitamin B12 und andere Nährstoffe. Fehlen ihnen Vitamine und wichtige Fette wie beispielsweise Omega-3-Fettsäuren, können die Folgen neben Blutmangel auch neurologische Fehlentwicklungen sein.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) nahm 2016 in einem Positionspapier aufgrund der aktuellen Studienlage folgendermaßen zur veganen Ernährung Stellung: „Für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche wird eine vegane Ernährung von der DGE nicht empfohlen.“

Quellen:
Vegane Ernährung als Lebensstil: Motive und Praktizierung: Abschlussbericht, in: BfR Wissenschaft.
DOI: 10.17590/20170928-131646

Vegane Ernährung: Position der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE)
https://www.ernaehrungs-umschau.de/print-artikel/15-04-2016-vegane-ernaehrung/ (Abrufdatum: 20.05.2019)

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