US-Ärzte alarmiert wegen mysteriöser Kinderkrankheit

Verena Elson Medizinredakteurin

Plötzliche Schmerzen in den Gliedmaßen, gefolgt von Schwäche und Lähmungen – 127 Fälle der sogenannten Akuten schlaffen Myelitis wurden bisher in diesem Jahr in den USA gemeldet. Was steckt hinter dieser polio-artigen Kinderlähmung?

Mysteriöse Kinderkrankheit
Der Verlauf der akuten schlaffen Myelitis erinnert stark an den von Polio Foto:  iStock / AgFang

Steigende Erkrankungszahlen der sogenannten akuten schlaffen Myelitis (AFM für acute flaccid myelitis) lösen zurzeit Besorgnis bei den US-Gesundheitsbehörden aus. Es handelt sich um eine Entzündung des Rückenmarks, die zu Lähmungen führt. 2014 traten zum ersten Mal gehäuft Fälle dieser Erkrankung auf. Ihr Verlauf erinnert stark an den von Polio – doch dieses Virus konnte bei keinem der erkrankten Kinder nachgewiesen werden.

Die Mehrheit der Kinder leidet im Vorfeld an einer fiebrigen Atemwegserkrankung. Etwa fünf Tage später kommt es zu Schmerzen in den Armen oder Beinen, gefolgt von erheblicher Muskelschwäche. Aus den anfänglichen Schmerzen entwickelten sich Lähmungen mit unterschiedlichen Ausprägungen: Das Spektrum reichte von Schwäche in einem Arm oder Bein bis hin zur kompletten Lähmung aller Gliedmaßen und der Unfähigkeit, selbstständig zu atmen.

Bei einigen Kindern lassen sich die Symptome durch Physiotherapie deutlich verbessern oder verschwinden sogar von selbst wieder – bei den meisten bleibt jedoch eine Behinderung zurück.

 

 

Woher kommt AFM?

Bei mehr als 90 Prozent der bestätigten AFM-Fälle handelte es sich um Kinder und Jugendliche – im Schnitt waren die Patienten vier Jahre alt. Als Auslöser für die mysteriöse Kinderlähmung gibt es einen Hauptverdächtigen: ein Virus namens Enterovirus D68. Diese Erkrankung, die mit grippeähnlichen Symptomen einhergeht, wurde bereits 1962 entdeckt – allerdings sind es veränderte Virenstränge, die seit einer Epidemie 2014 kursieren und vermutlich AFM auslösen. Bei etwa jedem zweiten der 120 Kinder, die 2014 an AFM erkrankten, konnte die RNA des Virus in den Atemwegssekreten nachgewiesen werden.

Für eine 2017 veröffentlichte Studie infizierten Forscher der University of Colorado School of Medicine Mäuse mit fünf verschiedenen 2014 isolierten Virenstämmen von Enterovirus D68. Vier davon lösten bei den Tieren Lähmungen aus – nach der Infektion mit dem fünften Virenstamm sowie mit 1962 isolierten Stämmen blieb eine solche Folge aus. Experten für die Erkrankung betonen jedoch, dass auch andere Ursachen hinter AFM stecken können – darunter andere Viren wie etwa das West-Nil-Virus und genetische Störungen.

 

US-Ärzte warnen Eltern

Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) wenden sich jetzt an die Öffentlichkeit mit dem Ziel, das Bewusstsein für AFM zu schärfen. Denn sie glauben, dass sich die Auswirkungen der Krankheit möglicherweise noch eindämmen lassen, wenn frühzeitig mit Gegenmaßnahmen begonnen wird.

Bisher wurden 2018 in den USA 127 Fälle gezählt, bei denen eine AFM bestätigt oder vermutet wurde. Das sind deutlich mehr als 2017, als nur 39 Fälle gemeldet wurden. Die bisher meisten Fälle gab es allerdings 2016, als die Behörden 149 Erkrankte zählten. Seit 2014 scheint die Krankheit einem Zwei-Jahres-Rhythmus zu folgen – zwischen den hohen Fallzahlen 2014, 2016 und 2018 lagen die Jahre 2015 und 2017 mit jeweils sehr wenigen Neuerkrankungen.

Neben anderen europäischen Ländern ist AFM auch schon in Deutschland aufgetreten. Mediziner betonen allerdings, dass die Erkrankung höchst selten ist und Eltern nicht beunruhigt sein sollten. Als wichtigste Vorbeugemaßnahme gilt das regelmäßige Händewaschen – Eltern sollten außerdem sofort einen Arzt aufsuchen, sobald sie Symptome wie die oben genannten an ihrem Kind beobachten.

Quellen:
Hixon, Alison M., et al. (2017): A mouse model of paralytic myelitis caused by enterovirus D68, in: PLoS pathogens.

Dyda, Amalie, et al. (2018): The association between acute flaccid myelitis (AFM) and Enterovirus D68 (EV-D68)–what is the evidence for causation?, in: Eurosurveillance.

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