Untergewicht bei Kindern: Immer ein Grund zur Sorge?

Michael van den Heuvel Medizin- und Wissenschaftsjournalist

Im Gegensatz zu Übergewicht tritt Untergewicht bei Kindern eher selten auf: Nur zwei von 100 Kindern gelten in Deutschland als untergewichtig. Wenn es aber auftritt, sollte das Untergewicht ärztlich abgeklärt werden. Denn es kommen verschiedene Ursachen in Frage. 

Ein dünnes Kind steht barfuß auf einer Waage
Bei Mädchen kommt Untergewicht häufiger vor als bei Jungen Foto:  istock_baona
Inhalt
  1. Untergewicht beim Kind: Was sind die Ursachen?
  2. Ab wann bezeichnen Ärzte Kinder als untergewichtig?
  3. Was sollten Eltern zuerst unternehmen?
  4. Was lässt sich gegen Untergewicht bei Kindern noch tun?

In Deutschland sind etwa zwei von 100 Kindern und Jugendlichen von Untergewicht betroffen. Nicht immer stecken Krankheiten dahinter. Manchmal handelt es sich um Wachstumsschübe. 

Mit 1,6 Prozent kommt Untergewicht bei Kindern in Deutschland selten vor. Zum Vergleich: 15,4 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter zwischen drei und 17 Jahren haben Übergewicht. Trotz des vergleichsweise geringen Anteils sollte Untergewicht bei Kindern medizinisch die gleiche Aufmerksamkeit wie Übergewicht bekommen. 

 

Untergewicht beim Kind: Was sind die Ursachen?

Untergewichtige Kinder müssen nicht zwangsläufig krank sein. Auch ein starker Wachstumsschub kann dies erklären. Und manche Kinder sind aufgrund genetischer Veranlagungen einfach schlanker, ohne dass sich ein Leiden dahinter verbirgt.

Dennoch werden Kinderärzte bei den Vorsorgeuntersuchungen, den U- beziehungsweise J-Untersuchungen, bei von Untergewicht betroffenen Kindern nach Ursachen suchen. Das können Stoffwechselerkrankungen sein, wie eine Überfunktion der Schilddrüse, die zu einem gesteigerten Energieverbrauch im Körper führt. Der sogenannte Grundumsatz ist erhöht. Auch psychosomatische Leiden, etwa Magersucht (Anorexie) oder Ess-Brechsucht (Bulimie) können Untergewicht bei Kindern oder Jugendlichen erklären.

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Ab wann bezeichnen Ärzte Kinder als untergewichtig?

Zur Beurteilung von untergewichtigen Kindern verwenden Ärzte den Body Mass Index (BMI), der sich mit dieser Formel errechnen lässt: Das Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Es gibt aber keine festen Werte, wie man sie von Erwachsenen kennt. Vielmehr vergleicht man den BMI mit Werten gleichaltriger Mädchen oder Jungen anhand von Tabellen.

Normalgewicht bedeutet, dass der BMI eines Kindes zwischen der zehnten und der 90. Perzentile liegt. Die Perzentile ist ein Begriff der medizinischen Statistik und beschreibt die Verteilung einer Größe, hier des BMI, bei Kindern. Dazu wurden sehr viele Messungen bei Jungen und Mädchen unterschiedlichen Alters durchgeführt. Ist der BMI eines Kindes unter der zehnten Perzentile, haben mindestens 90 von 100 Kindern ein höheres Körpergewicht.

Für Eltern ist das Verfahren wenig geeignet, um zu beurteilen, ob ihr Kind medizinisch relevantes Untergewicht hat. Hier geht es zum kostenlosen BMI-Rechner, um schnell Werte inklusive Einschätzungen zu erhalten. Dieses Tool ersetzt aber keine ärztlichen Diagnosen.

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Was sollten Eltern zuerst unternehmen?

Wenn gerade keine U-Untersuchung ansteht, sollten sie einen Termin beim Kinderarzt vereinbaren. In manchen Fällen kann Untergewicht durch körperliche Erkrankungen ausgelöst werden. Dann verordnet der Arzt meist Medikamente, abhängig von der jeweiligen Ursache, beispielsweise sogenannte Thyreostatika, um eine Überfunktion der Schilddrüse zu regulieren. Liegen dem Untergewicht psychische Erkrankungen zugrunde, werden in der Regel Psychotherapien und Arzneimitteltherapien kombiniert.

 

Was lässt sich gegen Untergewicht bei Kindern noch tun?

Finden Ärzte keine körperliche oder seelische Erkrankung, geben sie Eltern Tipps zur Ernährung ihres Kindes mit auf den Weg:

  • Wichtig ist, dass Kinder ein natürliches Hungergefühl entwickeln. Falls sie zwischen den Mahlzeiten Appetit bekommen, ist dagegen nichts einzuwenden.
  • Das Essen muss schmecken. Eltern sollten bei Untergewicht die Vorlieben ihrer Kinder so gut es geht berücksichtigen.
  • Beim Kochen dürfen etwas mehr Fette, idealerweise pflanzliche Öle, verwendet werden. Auch Käse, Sahne oder Butter sind ideale Zutaten.
  •  Die Familie sollte sich Zeit zum gemeinsamen Essen nehmen – ohne Ablenkung durch Fernsehen oder Handys.
  • Kinder mit Untergewicht sollten Zwischenmahlzeiten oder Snacks bekommen, beispielsweise Butterbrote, Obst oder Müsliriegel.
  • Als Getränke eignen sich Obst- und Gemüsesäfte, Milch, Milchshakes oder Kakao

Wichtig: Eltern sollten niemals Druck auf Kinder ausüben – etwa sie zwingen, aufzuessen, wie man das noch von früheren Generationen kennt. Solche strikten Essensregeln sind schädlich. Sie können zwar in manchen Fällen Untergewicht beim Kind verhindern, langfristig tragen sie jedoch zur Entwicklung von Essstörungen bei.

Quellen:

Untergewicht bei Kindern und Jugendlichen, in: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Ernährungs- und Verhaltenstipps bei Untergewicht, in: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen, in: Arbeitsgemeinschaft der Medizinischen Fachgesellschaften

KiGGS Welle 2: Erste Ergebnisse, aus Querschnitt- und Kohortenanalysen, in: Robert Koch-Institut

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