„Unser Körper ist viel intelligenter als unser Essverhalten – wir müssen nur auf ihn hören…“

Redaktion PraxisVITA

Unser Körper weiß, was wir wirklich benötigen, um fit und gesund zu sein. Doch wie teilt er uns das mit? Der Ernährungswissenschaftler, Psychologe und Autor Thomas Frankenbach erklärt, warum wir mehr auf unser Bauchgefühl hören sollten, wenn es ums Essen geht.

 

Herr Frankenbach, wie zeigt unser Körper uns, was er wirklich benötigt?

Das macht er zum einen über die Bekömmlichkeit oder Unverträglichkeit von bestimmten Lebensmitteln, aber auch durch Appetit oder Ekel. Ein Beispiel: Isst ein Kind ungern Spinat, verträgt es eventuell die darin enthaltene Oxalsäure nicht. Sie kann bei manchen Menschen Nierensteine verursachen oder die Blutgerinnung stören. Das Kind verweigert deshalb instinktiv das Gemüse zu essen. Diese Fähigkeit besitzt jeder Mensch, denn diese sogenannte Somatische Intelligenz hängt nicht von unserem Alter, Geschlecht oder Bildungsgrad ab – trotzdem nutzt nicht jeder sie gleich gut.

Abnehmen ohne Diät
Laut Thomas Frankenbach sind Diäten nicht zielführend – unser Körper hat nicht umsonst einen eingebauten Mechanismus, der uns sagt, was wir essen sollten© iStock
 

Woher kommt denn diese Form der Intelligenz?

Die Somatische Intelligenz ist die Urform von Intelligenz, es gab sie bereits lange vor der rationalen, kreativen oder räumlichen. Schon vor Jahrmillionen, als die Lebewesen noch gar kein Bewusstsein besaßen, verfügten sie über diese spezielle Form der Intuition. Sie half ihnen, sich nicht nur so zu ernähren, dass sie überlebten, sondern sich sogar weiterentwickelten. Und wie vor Jahrmillionen steckt auch heute noch diese Urfähigkeit hinter unseren Abneigungen und Gelüsten. Die Somatische Intelligenz kann uns immer noch helfen, Nahrung auszusuchen, die den Anforderungen unserer Genetik, unserer Konstitution und unserer Lebenssituation entspricht. Wir müssen allerdings wieder lernen, die Signale unseres Körpers wahrzunehmen.

 

Das heißt, wir hören zu wenig auf unser Bauchgefühl?

Genau. War vor 100 Jahren Essen und die Frage nach einer gesunden Ernährung noch eine Bauchfrage, so wurde sie durch die zunehmende Informationsflut in den Medien mehr und mehr in den Kopf verlagert. Anstatt auf die individuelle Bekömmlichkeit dessen zu achten, was sie essen, vertrauen immer mehr Menschen den gängigen, oft verallgemeinernden Empfehlungen der Ernährungsaufklärung. Danach sind fünf Portionen Obst und Gemüse, Vollkorn statt Weißmehl und Äpfel mit Schale denen ohne vorzuziehen. Dabei mehren sich die Zeichen dafür, dass sich selbst bei gesunden Menschen die Ernährungsbedürfnisse individuell deutlich voneinander unterscheiden.

 

Also muss jeder herausfinden, welche Lebensmittel für ihn die richtigen sind?

Ja, jeder Mensch hat aufgrund unterschiedlicher genetischer, immunologischer, kultureller und emotionaler Faktoren auch unterschiedliche Ernährungsbedürfnisse. Nicht jedes Lebensmittel ist daher für jeden gleich gesund. Es kann durchaus sein, dass wir in unterschiedlichen Lebensphasen auch unterschiedliche Nahrungsbedürfnisse entwickeln. Mit der Somatischen Intelligenz verfügen wir also über einen besonders faszinierenden Mechanismus, mit dem unser Körper eine optimale Versorgung mit Nährstoffen und Energie sicherstellt.

Abnehmen ohne Diät
Hören Sie beim Essen auf Ihr Bauchgefühl – es wird Ihnen sagen, was Ihr Körper wirklich braucht© iStock
 

Warum fällt es uns so schwer, die Signale unseres Körpers zu beachten?

Zum einen vertrauen wir mehr auf unser Wissen, als auf unser Gefühl. Außerdem sind wir nicht achtsam genug mit unserem Körper und horchen zu selten in uns hinein. Doch noch ein weiterer Faktor macht es uns schwer: Bestimmte Zusatzstoffe in Lebensmitteln beeinträchtigen unsere Somatische Intelligenz. Wir finden sie in Tütensuppen, Tiefkühlmahlzeiten und Süßigkeiten, aber auch oft in Backwaren, Müslis, Fisch-, Fleisch- und Milchprodukten, in Getränken und Knabberkram. Diese Geschmacksverstärker, Aromen, Farbstoffe und Konservierungshelfer beeinflussen nicht nur unseren Geschmackssinn, sie können auch unseren Autopilot in Sachen Ernährung ausschalten. Das schaffen sie, indem sie die Bereiche im Gehirn beeinflussen, die für die Regulation der Nahrungsaufnahme besonders wichtig sind. Versuchen Sie also, so weit wie möglich auf Zusatzstoffe zu verzichten, zum Beispiel indem Sie Bioprodukte wählen, die nur eine kleine Auswahl natürlicher und relativ unproblematischer Zusatzstoffe enthalten dürfen.

 

Was halten Sie von Diäten?

Viele Menschen, mit denen ich in mittlerweile über 15 Jahren klinischer Praxis gearbeitet habe, konnten durch die Förderung der Somatischen Intelligenz ihre Ernährungsgewohnheiten und ihr Körpergewicht normalisieren: ganz ohne Diätpläne, ohne Kalorienzählen und ohne den Zwang, Diätregeln einhalten zu müssen. Einfach, indem sie gelernt haben, den Signalen ihres Körpers mehr Beachtung zu schenken.

 

Wie lerne ich zu verstehen, was mein Körper braucht?

Wir brauchen dafür vor allem eines: Achtsamkeit. Es gibt eine ganz gute Übung, die man direkt nach dem Essen machen kann. Man zieht sich für ein paar Minuten zurück, schließt die Augen und stellt sich folgende Fragen: Wie groß war meine Lust auf das, was ich gegessen habe? Hat es mir gut geschmeckt? Wie reagiert mein Bauch auf das Essen? Wie ist meine Stimmung? Wer sich dieser Übung ein paar Mal hingibt, wird schnell merken, wie sich die Sensibilität für den Körper und seine Bedürfnisse verbessert.

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