"Unser Epilepsie-Hund beschützt meine schwer kranke Tochter"

Ein Epilepsie-Hund erspürt die drohenden Anfälle und schlägt rechtzeitig Alarm
Mercy ist ein Epilepsie-Hund – er erspürt die drohenden Anfälle und schlägt rechtzeitig Alarm © Fotolia

Kimberly hat Epilepsie. Eine unberechenbare Krankheit, bei der niemand weiß, wann ein Anfall kommt – nur Hund Mercy.

Wachsam sitzt der Golden Retriever Mercy (2) vor der Sandkiste. Er lässt Kimberly (4) keine Sekunde aus den Augen. Denn das Mädchen kann jederzeit einen Anfall bekommen. Und schon bevor dies passiert, springt Mercy los, leckt Kimberlys Hände, läuft hin und her. Der Hund ahnt, was sonst keiner voraussagen kann! Und kann so Mutter Sylke (39) alarmieren, dass sie ihr Kind sicher hinlegen muss. Damit es sich nicht verletzt.

Eine unglaubliche Hilfe für die Mutter von fünf Kindern. Und für die kleine Kimberly. Als diese zehn Monate alt war, stellte der Kinderarzt die Schock-Diagnose. "Ihre Tochter hat eine besondere Form von Epilepsie", sagte er damals. "Sie wird von Anfällen geschüttelt und bewusstlos werden. Höchstwahrscheinlich ihr Leben lang." Und ein langer Leidensweg beginnt. Immer wieder bekommt das Mädchen schwere Anfälle. Mal kommen sie "nur" einmal im Monat, mal einmal in der Woche. Sie dauern "nur" zwei Minuten – oder entsetzliche siebzig.

Die Mutter versucht alles, um die Lebensqualität ihrer Kimy zu steigern. Liest viel, surft im Internet. Da stößt sie auf eine Trainerin, die Epilepsie-Hunde ausbildet.

Sofort trifft sie sich mit der Trainerin Sabine Rohde-Pfau (47). Es klingt toll, was sie erzählt. Die Hunde werden als Welpen ausgesucht, dann zwei Jahre ausgebildet. "Dann erspüren sie die drohenden Anfälle, warnen, dass die Epileptiker nicht überrascht werden. Dass sie nicht irgendwo herunterfallen, sich dabei schwer verletzten. Die Hunde legen die Krampfenden sogar in die stabile Seitenlage", verspricht Frau Rode-Pfau. Doch: So ein Hund inklusive Ausbildung kostet 6000 Euro.

Mama Sylke ist niedergeschmettert. Woher soll sie das Geld nehmen? Da geschieht etwas Unglaubliches. "Eine Lokalzeitung berichtete über uns. Und es gab eine Wahnsinns-Spendenaktion. Eltern sammelten, Kinder bastelten, eine Handelskette für Tiernahrung spendete – nach sechs Wochen waren 6000 Euro zusammengekommen."

Bald ist es soweit: Sylke, Kimy und Sabine Rohde-Pfau fahren zu einem Golden-Retriever-Züchter. Die Trainerin kennt den Wurf, hat bereits zwei Tests gemacht. "Grundsätzlich könnte jeder Hund bei Anfällen anschlagen. Es sind aber besonders häufig Retriever, die die Gabe haben." Und tatsächlich: Als Kimy mitten im Wurf sitzt, hat Mercy nur Augen für sie. Er klebt förmlich an ihr. Als Einziger. "Der Hund spürt, dass sie anders ist", erklärt die Trainerin.

 

Mit Hilfe der Trainerin lernt Mercy jetzt, ein "Doctor Dog" zu sein

Die Familie nimmt den acht Wochen alten Welpen mit. Mit Hilfe der Trainerin lernt Mercy jetzt, ein "Doctor Dog" zu sein. Er lernt Begriffe wie "Sitz", "Platz", aber auch "Medis" – dann bringt er die Medikamente, die Kimy während des Anfalls ganz schnell braucht.

Und das erste Erfolgserlebnis kommt schnell: "Als Kimberly schaukelte, legte er sich unter sie", erzählt Sylke. "Ich sagte: ,Geh dort weg.' Doch er blieb liegen. Da ahnte ich: Es geht los."

Kurz darauf krampften die Hände. Sylke drehte ihre Tochter in die stabile Seitenlage. Der Hund legte sich hinter ihren Rücken. Sylke rannte los, um die Medikamente zu holen.

Während eines Anfalls geschah einmal sogar ein kleines Wunder: Mercy leckte seinem Schützling die Handflächen. Und plötzlich zeigte die krampfende Kimy Reaktion, versuchte, Mercy anzusehen. "Mercy gelingen Dinge, die niemand sonst schafft und kein Medikament bewirken kann", sagt Sylke.

Nicht nur die therapeutische Wirkung ist unbezahlbar. Kimy war ein stilles Kind, lachte wenig. Heute ist sie fröhlich und aufgeweckt, besucht den Kindergarten. Sylke lächelt: "Seit Mercy bei uns ist, habe ich ein ganz anderes Kind."

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