Ungewöhnliche Therapeuten: Können Würmer Krankheiten heilen?

Würmer gegen Krankheiten
Der sogenannte Schweinepeitschenwurm wurde erfolgreich zu Behandlung vermeintlich unheilbarer Krankheiten eingesetzt © Corbis

In westlichen Gesellschaften ist der Befall des menschlichen Körpers mit Würmern ein kaum noch auftretendes medizinisches Problem. Doch Forscher haben in den letzten Jahren gezeigt, dass Parasiten für unser Immunsystem auch wichtige Verbündete sein können. Praxisvita hat für Sie die Fakten.

Der medizinische Blick auf manche Parasiten hat sich zuletzt drastisch verändert. Viele Forscher glauben dass mithilfe von Würmern Allergien und Autoimmunkrankheiten – wie Morbus Crohn (chronisch entzündliche Darmerkrankung), Multipler Sklerose oder Rheumatoide Arthritis – geheilt werden können. Dementsprechend gelten die sogenannten Wurm-Therapien in Fachkreisen als Sensation und eröffnet völlig neue Behandlungswege.

 

Würmer helfen chronisch Krankenen

Im Falle der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn hat sich die Wurm-Therapie bereits als effektive Behandlungsmethode durchgesetzt. Professor Joel Weinstock von dem Tufts Medical Center in Boston veröffentlichte in den letzten Jahren mehrere Arbeiten zu dem Thema und wies in einer klinischen Studie kürzlich nach, dass die schwer kontrollierbaren Entzündungs-Beschwerden von Morbus-Chrohn-Patienten mit Würmern erfolgreich behandelt werden können.

Dazu verabreichte er den Probanden, die unheilbar an Morbus Crohn litten, für ein halbes Jahr alle 14 Tage rund 2.500 Eier des sogenannten Schweinepeitschenwurm (Trichuris suis). Tatsächlich zeigten sich nach sechs Wochen – so lange dauert es, bis aus den Eiern Würmer werden – Heilungserfolge bei den Patienten.

 

Morbus Crohn: Dreiviertel der Betroffenen sind heilbar

Insgesamt verringerten sich bei rund 80 Prozent Probanden deutlich die Morbus Crohn Symptome – bei 72 Prozent hatte sich die Krankheitsanzeichen sogar so sehr verringert, dass die zuvor unheilbar kranken Studienteilnehmer als geheilt eingestuft wurden. Nebenwirkungen traten nicht auf, da die Schweinepeitschenwürmer – die natürlicherweise nur Schweine befallen – an den Menschen nicht angepasst sind und deswegen keinerlei Krankheitsrisiko darstellen. Die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Würmer im menschlichen Darm beträgt sechs Wochen. Nach dieser Zeit werden die Parasiten von unserem Immunsystem einfach abgetötet.

Ein anderer Versuch hatte schon früher gezeigt, dass selbst eine Einmalbehandlung mit den Wurmeiern die Morbus Crohn Symptome über einen Zeitraum von sechs und mehr Monaten mildern kann. Forscher der Monash University in Melbourne (Australien) haben mittlerweile spezielle Wurm-Pillen entwickelt, die zur Behandlung von Allergien und Autoimmunkrankheiten, wie z.B. Morbus Crohn, Multipler Sklerose, Schuppenflechte oder Arthritis, eingesetzt werden sollen.

Was ist Morbus Crohn?

Bei Morbus Crohn handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die den gesamten Verdauungstrakt des Menschen von der Mundhöhle über die Speiseröhre bis zum After befallen kann. Besonders betroffen sind aber der untere Dünndarm (Terminales Ileum) und Dickdarm (Colon). Typische Krankheitssymptome sind Durchfall und starke Schmerzen, die vor allem nach dem Essen oder vor dem Stuhlgang auftreten. Weitere Krankheitsmerkmale können Fieber, Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen sein. An Morbus Crohn erkranken Frauen wie Männer – zumeist in einem Alter zwischen dem 15. und 35. sowie nach dem 60. Lebensjahr.

 

Wieso wirken Würmer?

Das menschliche Immunsystem hat seit seiner Entwicklung vor Millionenjahren gelernt gegen Parasiten, wie z.B. Hakenwürmer oder Bandwürmer, zu kämpfen. Doch zumindest in den modernen Industriestaaten (in denen Autoimmunkrankheiten und Allergien am häufigsten auftreten) kommen Menschen dank moderner Medikamente und hoher Hygienestandards heute kaum noch mit Würmern in Kontakt. Das Problem: Unser Immunsystem hat sich dieser parasitären Veränderung nicht im gleichen Tempo angepasst, was wiederum dazu führt, dass die Immunkapazitäten des Menschen nicht mehr ausgelastet sind. Wie eine marodierende Armee, die keinen Gegner findet, greifen die Immunreaktionen des Menschen deswegen immer öfter den eigenen Körper an.

Nach Meinung vieler Mediziner hat das zur Folge, dass in den betroffenen Regionen Allergien und Autoimmunkrankheiten, wie z.B. Morbus Crohn oder Multipler Sklerose auftreten. Hinzu kommt noch ein anderer Faktor: Parasiten besänftigen unser Immunsystem. Denn Würmer haben gelernt die körpereigene Abwehr des Menschen mit speziellen Substanzen zu drosseln oder abzuschalten, sodass sie nicht von ihren Wirten abgestoßen werden – ein Effekt, den sich Professor Weinstock und Kollegen in ihrer Wurm-Pille zunutze machen.

 

Wo kann ich das ausprobieren?

Die Behandlung mit Würmern befindet sich in Deutschland noch in der klinischen Testphase und darf demnach bislang nicht von Ärzten verschrieben werden. Patienten, die an Allergien oder Autoimmunkrankheiten leiden und Interesse haben, die neue Wurm-Therapie auszuprobieren, haben die Möglichkeit, an einem deutschlandweiten Testprogramm teilzunehmen. Von 39 Kliniken wird dieses Programm zur Zeit angeboten. Für weitere Informationen (Teilnahmebedingungen und Ansprechpartner) klicken Sie hier.

Hamburg, 18. November 2014

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