Umbau zum Behindertenfahrzeug – so geht’s

Redaktion PraxisVITA
Ein Auto mit Rollstuhlrampe
Wenn der Rollstuhlfahrer direkt in das Fahrzeug hineinfahren kann, ist das für ihn immer die bequemste Lösung. Er muss sich nicht umsetzen und genießt den Komfort seines angepassten Rollstuhls © iStock/Tramino

Ein Auto, in das Rollstuhlfahrer mühelos einsteigen können, ist sehr wichtig für Betroffene. Der Markt für Fahrzeug-Umrüstungen ist riesig. Was ist bei der Auswahl zu beachten?

Mehr als 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer gibt es allein in Deutschland. Jeder von ihnen hat ganz individuelle Bedürfnisse, um sicher und bequem sitzen zu können. Im Rollstuhl selbst, und vor allem dann, wenn er als Beifahrer im Familienwagen mitfährt. Und mit diesen individuellen Bedürfnissen ergeben sich ganz unterschiedliche Ansprüche an das Behindertenfahrzeug.

„Ein behindertengerechtes Auto ab Werk kann es darum nicht geben“, weiß Achim Neunzling vom Bund behinderter Auto-Besitzer. „Es ist ratsam, ein Fahrzeug zu kaufen, das viele Optionen zur individuellen Anpassung bietet und sich einen Umrüster zu suchen, der die Umbauten macht.“

 

Spontanität? Ohne passendes Fahrzeug nicht möglich

An einem sonnigen Tag ins Auto steigen und mit den Lieben ans Meer fahren. Oder doch noch mal spontan zum Einkaufen oder zu Bekannten aufbrechen – eine Freiheit, die sich auch Familien mit einem pflegebedürftigen Angehörigen im Rollstuhl nehmen möchten. Doch ohne ein passendes Gefährt, in das auch der Rolli schnell verladen werden kann, bleibt diese Freiheit ein Traum.

Mit einem sogenannten Schwenksitz soll genau diese persönliche Freiheit ermöglicht werden. Das Prinzip: Statt den Rollstuhlfahrer umständlich und schwer aus seinem Sitz auf einen Autositz umzuheben, bleibt er einfach sitzen. Der Aufsatz des Rollstuhls wird zum Autositz, der auf einem Schienensystem mühelos über die Beifahrerseite in das Fahrzeug hineingleitet wird. Der Untersatz mit den Reifen kommt während der Fahrt in den Kofferraum, beim Aussteigen gleitet der Sitz wieder über die Schienen zurück.

 

Für wen ist ein Schwenksitz geeignet?

Das klingt nach einer perfekten Lösung, ist aber ein gutes Beispiel dafür, dass es keine Patentlösung ab Werk gibt: Dadurch, dass schon der Sitz, das Auto und der Schienenuntersatz millimetergenau ineinandergreifen müssen, sind die Möglichkeiten, den Rollstuhl selbst an die körperlichen Eigenheiten des Benutzers anzupassen, begrenzt. Darum ist diese Variante nur dann empfehlenswert, wenn der Sitz für den Beifahrer ab Werk bequem genug ist.

Achim Neunzling: „Schwenksitze sehen toll aus, keine Frage. Aber: Bei manchen Modellen muss der Rollstuhl geschoben werden, der Benutzer kann nicht selbstständig damit fahren. Zudem muss oftmals der gesamte Fahrzeugboden des Autos tiefergelegt werden, was bei Schwellen in der Fahrbahn problematisch sein kann.“ Generell sind Schwenksitze eher für Menschen geeignet, die nicht größer als 1,60 Zentimeter sind, weil es sonst beim Herausdrehen aus dem Fahrzeug Probleme gibt. Preis: ab 3.000 Euro aufwärts.

Umso wichtiger ist es, sich ausführlich beraten zu lassen, verschiedene Systeme kennenzulernen und direkt beim Umrüster auszuprobieren (Infos und Hilfe in der Infobox). Neunzling: „Der Servicepartner sollte zudem nicht weit entfernt sein, falls mal Reparaturen am Gefährt fällig werden.“

Ein zum Behindertenfahrzeug umgebauter Bus
Der Markt für gebrauchte Behindertenfahrzeuge ist zwar groß, aber unter 10.000 Euro sind kaum empfehlenswerte Fahrzeuge zu haben. Eine gute Gebrauchtwagenbörse findet sich bei www.mobile.de© iStock/Bouillante
 

Bei welchen Autos ist ein Umbau zum Behindertenfahrzeug möglich?

Nahezu ausschließen kann man Fahrzeuge mit Allrad-Antrieb, weil unter ihnen so viel Technik verbaut ist, dass sich der Boden nicht tieferlegen lässt. Auch Hybrid-, Erdgas- oder Elektroautos lassen sich nicht absenken. Wagen mit geringer Innenhöhe (unter 1,40 Zentimeter) sind ebenfalls oft ungeeignet.

„Ideal für die Rollstuhl-Beförderung sind Hochdachkombis, wie z. B. der VW Caddy, Citroën Berlingo, Peugeot Partner, Nissan NV 200 oder der Ford Tourneo Connect“, weiß Achim Neunzling, der sich seit 1993 intensiv mit dem Thema beschäftigt. „Noch geräumiger sind Kleinbusse, etwa der VW Multivan, Mercedes V-Klasse, Renault Trafic oder Citroën Jumpy.“

 

Wie viel kostet der Umbau?

Komplett umgebaute Neuwagen zur Rollstuhlbeförderung gibt es in der Basisversion mit Behindertenrabatt ab 22.000 Euro (Citroën Berlingo). Ein umgebauter VW Caddy mit Heckeinstieg kostet in der Grundversion ohne weiteren Schnickschnack etwa 30.000 Euro. In der Luxus-Variante mit hochwertiger Ausstattung werden bis zu 40.000 fällig. Satte 70.000 Euro muss man ausgeben, wenn man einen VW Multivan oder einen Mercedes der V-Klasse anvisiert.

Will man ein vorhandenes Auto, das grundsätzlich als Behindertenfahrzeug geeignet ist, umbauen, geht auch das ordentlich ins Geld. „Ein Heckeinstieg mit Absenkung und Rampe für einen Hochdachkombi kostet gut 7.000 Euro“, so der Experte. Lifte, die den Rollifahrer auf Knopfdruck auf die richtige Höhe bringen, sind noch teurer.

Neben dem Behindertenrabatt, den alle Hersteller gewähren (bis 25 Prozent), kann in manchen Fällen ein finanzieller Zuschuss vom Arbeitsamt oder von der Rentenversicherung genutzt werden. Das gilt für Berufstätige, die auf ein behindertengerechtes Fahrzeug angewiesen sind. Die Zuständigkeit hängt davon ab, wie lange man schon gearbeitet hat und ob die Behinderung durch einen Arbeitsunfall oder eine Berufskrankheit entstanden ist. Den Löwenanteil der Kosten trägt aber der Betroffene selbst.

 

Einstiegshilfen nach Maß und ergonomische Sitze

Wird der Rollstuhlfahrer an der Beifahrerseite des Wagens umgesetzt, ist das meist beschwerlich. Der Autositz ist häufig nicht auf der gleichen Höhe wie der Rollstuhl. „Auch der Fahrbahnuntergrund ist nicht überall ideal“, erläutert Neunzling. „Bei Kopfsteinpflaster oder einer sehr hohen Gehwegkante kann es schwierig werden, den Rollstuhlfahrer sicher zu verladen.“

Umso mehr, wenn der Betroffene dabei nicht helfen kann. Es gibt verschiedene Einstiegs- und Verladehilfen, die Höhenunterschiede ausgleichen können. Mit einem Rutschbrett zum Ausklappen neben dem Beifahrersitz gleitet man leichter von einem Sitz auf den anderen. Elektrische Systeme mit dem gleichen Prinzip werden auf Knopfdruck bedient.

Es gibt sogar elektrische Brust-Kräne, die den Beifahrer nicht nur anheben, sondern auch helfen, die gewünschte Sitzposition einzunehmen. Empfehlenswert sind zudem orthopädische Autositze (z. B. von Recaro oder König), die an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst werden – auch für die pflegenden Angehörigen, die oft mit starken Rückenbelastungen leben müssen.

 

Spezialhilfen für Selbstfahrer

Auch wer trotz seiner Behinderung selbst hinters Steuer möchte, kann sein Auto mit maßgerechten Hilfen umrüsten lassen. Rollstuhlfahrer, Fahrer mit Einschränkungen an den Armen und Händen, Menschen mit Bein- und Fußeinschränkungen und Kleinwüchsige müssen grundsätzlich nicht auf das Aktivfahren verzichten, wenn das Fahrzeug so angepasst wird, dass sie jederzeit sicher am Straßenverkehr teilnehmen können.

Wer etwa nur mit einer Hand lenken kann, hat die Möglichkeit, das Steuer mit einem Drehknopf zu bedienen oder die Hand in einen Dreizack oder eine Gabel zu legen. Auch elektronische Lenkhilfen, über ein Miniatur-Lenkrad oder einen Joystick gesteuert, die die Bewegung auf das große Steuer übertragen, können bei starker Beeinträchtigung eine Hilfe sein. Andersherum können Menschen mit Bein- und Fußeinschränkungen die Pedale über diverse Handhebelsysteme bedienen oder die Pedale im Fußraum so verlegen lassen, dass genug Platz für ein passives Bein bleibt. Trittstufen, Pedalverlängerungen und Aufsitzhilfen erleichtern kleinwüchsigen Fahrern die Benutzung ihres Wagens.

Hilfreiche Adressen

Individuelle Beratung:

Bund behinderter Auto-Besitzer e. V., Telefon: 0 68 26 / 57 82, http://www.bbab.de/home/

Informationsportal für Autofahrer mit Behinderungen:

Hier werden über 70 Fachbetriebe nach Postleitzahlen gelistet. Telefon: 0 40 / 43 18 75 12, http://www.autoanpassung.de/

Ratgeber-Magazin „Mobitipp“:

Macht Betroffene zu Experten in eigener Sache. Hefte bestellbar ab 5 Euro, unter http://www.mobitipp.de/

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