Triage und Corona: Wie wird in Deutschland entschieden?

Während der vierten Welle der Corona-Pandemie werden wieder mehr Menschen im Krankenhaus behandelt, viele Ungeimpfte von ihnen auch intensivmedizinisch. Stehen dort nicht mehr genügend Plätze zur Verfügung, muss das medizinische Personal nach dem System der Triage über die Behandlungsdringlichkeit entscheiden. Wie läuft das ab – und welche Bedeutung hat das für die Patienten in Zeiten der vierten Welle?

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Die Bedeutung einer Triage hat in Corona-Zeiten eine traurige Bekanntheit erlangt. Und ist leider näher als man denkt. Nachdem bereits der bayrische Ministerpräsident Markus Söder vor einer Triage gewarnt hat, vermeldete nun auch eine Klinik in anderen Bundesländern, dass sie sie über ein Triage-System bereits nachdenken. Aber: Was ist die Triage eigentlich und was bedeutet sie?

Triage und Corona: Bedeutung des Systems allgemein

Triage geht auf das französische Wort „trier“ zurück, auf Deutsch „auswählen“ oder „aussortieren“. Es bezeichnet ein Verfahren, mit dem die Erkrankung von Patient:innen in der Notaufnahme nach bestimmten Standards eingeschätzt und ihre Behandlung je nach Dringlichkeit und Erfolgsaussichten eingeordnet wird. Ursprünglich für Kriegs- und Katastrophenfälle entwickelt, findet es heute unter anderem auch bei Pandemien Anwendung wie der aktuellen Corona-Pandemie.

Triage in Deutschland: Wie wird im Notfall entschieden?

International gibt es verschiedene Systeme der Triage. Deutsche Krankenhäuser arbeiten nach dem Manchester-Triage-Systeme (MTS). Dabei werden die Beschwerden und Symptome der Patienten in fünf verschiedene Gruppen kategorisiert:

  • Blau: leicht erkrankt, kein dringender Behandlungsbedarf
  • Grün: eher leicht erkrankt, baldiger Behandlungsbedarf
  • Gelb: eher schwer erkrankt, dringender Behandlungsbedarf
  • Orange: schwer erkrankt, sehr dringender Behandlungsbedarf
  • Rot: lebensbedrohlich erkrankt, sofortiger Behandlungsbedarf

Da das medizinische Personal in Notaufnahmen generell – auch außerhalb von Corona – unter immer größerem Entscheidungsdruck und Stress steht, ist ein verlässliches System zur Kategorisierung der Patient:innen eine große Hilfe: So können die schwereren Fälle schnell identifiziert und behandelt werden. Normalerweise wird dies als Ersteinschätzung bezeichnet – der Begriff Triage kommt nur in außergewöhnlichen Fällen zum Einsatz, wenn aufgrund der extrem hohen Zahl an Erkrankten die Behandlungskapazitäten begrenzt sind, wie es derzeiten bei der aktuellen Corona-Lage der Fall ist.

Triage-System bei Corona-Patient:innen: Was bedeutet es in Deutschland?

Viele Menschen befürchten, dass die steigende Zahl der COVID-19-Erkrankten in den Kliniken zu einem Ausleseprozess führt: Werden alte Menschen, Vorerkrankte oder Menschen mit Behinderungen schlimmstenfalls nicht mehr behandelt? Zugunsten von Jüngeren oder Gesünderen? Wie soll das medizinische Personal in der Coronakrise entscheiden? Und spielt der Impfstatus eine Rolle?
Diese Fragen beantwortet die sogenannte „S1-Leitlinie“ – sie enthält klinisch-ethische Entscheidungsempfehlungen, die Experten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) in Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften im Zuge der Pandemie überarbeitet haben. Die Empfehlungen geben eine Orientierung, welche Patient:innen intensiv- und welche palliativmedizinisch betreut werden sollten. Das Wichtigste: Grundsätzlich gilt der Gleichheitsgrundsatz. Und:

Die Entscheidung sollte von einem Team getroffen werden, das aus mindestens drei Personen besteht und verschiedene Perspektiven betrachtet.

Triage und Corona in Deutschland: Nicht das Alter, sondern die Erfolgsaussichten entscheiden

„Wir haben unter anderem deutlicher klargestellt, dass Grunderkrankungen und Behinderungen kein legitimes Kriterium für Triage-Entscheidungen sind“, erklärte DIVI-Präsident Prof. Dr. Uwe Janssens bereits im vergangenen Corona-Winter. Aber: „Wir Ärzte brauchen eine fachliche wie rechtliche Sicherheit bei der Patientenbehandlung in Extremsituationen. Dabei helfen die aktualisierten Empfehlungen.“ Auch das Alter spiele keine Rolle, denn es gehe um die Wahrscheinlichkeit, die aktuelle Erkrankung mithilfe der Intensivtherapie zu überleben – und nicht um die längerfristige Überlebenswahrscheinlichkeit. Dies gelte nicht nur für COVID-19-, sondern auch für Schlaganfallpatient:innen oder Unfallopfer. Geprüft wird natürlich aber auch der Wille des Patienten, der zum Beispiel in einer Patientenverfügung festgelegt ist. Soll keine intensivmedizinische Therapie erfolgen, geschieht dies auch nicht. Das Verfahren der Triage ist für Mediziner also eine wertvolle Unterstützung, wenn schnell dringend notwendige Entscheidungen getroffen werden müssen – von Bedeutung bei einer Triage ist dabei allein die Aussicht, dass die Behandlung Erfolg haben und der Patient überleben wird.