Triage: Wird der Corona-Impfstatus eine Rolle spielen?

Deutschlands Krankenhäuser stehen vor der Einführung einer Triage. Kommt es dabei darauf an, ob eine Person geimpft oder ungeimpft ist?

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Der Weltärztebund lässt keine Zweifel daran: Deutsche Ärztinnen und Ärzte sind angesichts der dramatisch steigenden Corona-Zahlen darauf vorbereitet, zu entscheiden, welche Krankheitsfälle auf der Intensivstation behandelt werden und welche nicht. Die sogenannte Triage sorgt für Unsicherheiten bei Bürger:innen: Könnte es in Zukunft vom Impfstatus abhängen, ob eine Person intensivmedizinisch behandelt wird? 

Triage: DIVI gibt Leitlinien vor

Bereits im März 2020 stellte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) Leitlinien zur Frage der Triage vor. Damals waren die Corona-Fallzahlen in Deutschland hoch, es gab zudem noch keine Impfung. Aufgrund der Wucht der aktuellen vierten Welle hat die DIVI ihre Leitlinien nun überarbeitet.

Mit Blick auf den Impfstatus von Patientinnen und Patienten gibt es eine klare Einordnung: "Die ärztliche Hilfspflicht gilt unabhängig davon, ob jemand geimpft ist." Das betonte Uwe Janssens, der letztjährige DIVI-Präsident und jetzige Sprecher der Sektion Ethik bei der Vorstellung der aktualisierten Leitlinien.

Corona ist kein Triage-"Bonus"

In der neu überarbeiteten Fassung wird außerdem festgelegt, dass COVID-19-Erkrankte anderen Hilfsbedürftigen nicht vorgezogen werden dürfen. Wessen Gesundheitszustand sich beispielsweise durch eine verzögerte Intensivpflege drastisch verschlechtern würde, gilt als Intensivkandidat:in – unabhängig davon, ob sie oder er an SARS-CoV-2 erkrankt ist. 

Die DIVI hält fest:

"Hier wie allgemein dürfen Nicht-COVID-19 Patienten gegenüber COVID-19 Patienten nicht benachteiligt werden. Dies entspricht dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller zu versorgenden Patienten und ist eine organisationsethische Aufgabe. Dem Kriterium der Dringlichkeit folgend sollten zunächst Behandlungen aufgeschoben werden, bei denen durch die zeitliche Verzögerung keine Verschlechterung der Prognose, keine irreversiblen Gesundheitsschädigungen oder kein vorzeitiger Tod zu erwarten sind."

Entscheidendes Kriterium der Triage

In Deutschland wird Triage nach dem Manchester-Triage-System (MTS) angewendet. Ganz allgemein gibt es ein Kriterium, an dem sich die Entscheidung orientiert: die Erfolgsaussicht für die Behandlung einer/s Erkrankten. Zentral ist also die Frage, wie hoch die Chance ist, dass einem Menschen durch die Behandlung auf der Intensivstation geholfen werden kann. 

Die DIVI schreibt in ihren Leitlinien zusammenfassend:
Eine Priorisierung (der Patientinnen und Patienten, Anm. der Redaktion) ist aufgrund des Gleichheitsgebots  

  • nicht vertretbar nur innerhalb der Gruppe der COVID-19-Erkrankten  
  • und nicht zulässig aufgrund des kalendarischen Alters, aufgrund sozialer Merkmale oder aufgrund bestimmter Grunderkrankungen oder Behinderungen und auch nicht aufgrund des SARS-CoV-2-Impfstatus.

Triage unter Mehraugen-Prinzip

Ob jemand im schlimmsten Fall nicht auf der Intensivstation behandelt wird, entscheidet nicht eine Ärztin/ein Arzt allein. Bei der Triage greift das Mehraugen-Prinzip. Die DIVI rät zur Beteiligung von

  • möglichst zwei intensivmedizinisch erfahrenen Ärzten, einschließlich Primär- und Sekundärbehandler beteiligter Fachgebiete
  • möglichst einem erfahrenen Vertreter der Pflegenden
  • ggf. von weiteren Fachvertretern (z.B. Klinische Ethik)

Weltärztebund: Triage wird kommen

Den überarbeiteten Leitlinien der DIVI gehen wochenlange Warnungen verschiedener Expertinnen und Experten voraus, die aufgrund der steigenden COVID-19-Intensivfälle vor einer drohenden Triage in Deutschland gewarnt haben. "Wir alle bereiten uns auf eine Triage vor", sagte beispielsweise Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Weltärztebundes, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Intensivbetten hierzulande sind zu knapp 90% voll: 19.829 Betten sind belegt, nur noch 2.334 frei.

Aktuell sind laut DIVI Intensivreport 4.202 Personen mit SARS-CoV-2 in intensivmedizinischer Behandlung. 2.163 davon (51%) müssen invasiv beatmet werden. Im Januar 2021 hatte Deutschland den Höchststand erreicht: 5.723 COVID-19-Intensivfälle. Inzwischen sind aufgrund zahlreicher Kündigungen im Pflegebereich und den hohen krankheitsbedingten Ausfällen die Ressourcen allerdings wesentlich knapper – und eine Triage in Deutschland somit wahrscheinlicher.