Triage droht in diesen Städten: Mediziner warnen vor Notlage

Gaby Scheib

Die Intensivstationen in Deutschland erreichen bald ihr Limit und die Corona-Lage wird immer dramatischer. Es droht die Triage – Mediziner richten deshalb den eindringlichen Appell an die Bundesregierung, endlich zu handeln.

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Inhalt
  1. Triage droht in diesen Städten: Klinikchefs warnen vor Überlastung
  2. Entsetzen über die Langsamkeit der Politik
  3. Lauterbach spricht von „weicher Triage“
  4. Intensivbetten-Kapazität erschöpft: Nur noch 14 Prozent freie Betten
  5. Auch Jens Spahn drängt auf schnelle, strenge Maßnahmen

Immer mehr Corona-Patienten werden  in die deutschen Kliniken eingewiesen. Und auch die Zahl der Schwerkranken steigt. Die Folge: Die Intensivstationen werden immer voller und die Lage wird immer dramatischer – es könnte zur Triage kommen. In diesem schlimmstmöglichen Fall müssen Ärzte entscheiden, wer behandelt bzw. beatmet wird und wer nicht – eine Entscheidung über Leben und Tod.

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Triage droht in diesen Städten: Klinikchefs warnen vor Überlastung

Seit Wochen appellieren Mediziner an die Politiker, striktere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zu ergreifen. Die Lage in den Kliniken würde sonst außer Kontrolle geraten. Doch Regierung und Ministerpräsidenten sind sich uneins. Und während sie sich noch über Lockerungen oder Lockdown streiten, steigt die Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen.

Dramatische Corona-Lage in Köln

Nun sprechen mehrere Klinikchefs deutliche Worte und warnen vor einer drohenden Triage. Michael Hallek, Direktor der Inneren Medizin an der Uniklinik Köln, erklärte in den ARD-Tagesthemen, dass es bereits fünf nach zwölf sei. Vor allem in den Großstädten sei die Lage auf den Intensivstationen sehr angespannt, teilweise gebe es jetzt schon keine Betten mehr.

Auch in Essen: "Triage findet bereits vor den Klinikmauern statt"

Eine ähnliche Warnung kommt auch vom Chef der Uni-Klinik Essen, Jochen A. Werner, wie focus.de meldet: „Also diese Triage, wenn man den Ausdruck so verwendet, würde man sagen, die findet vor den Mauern der Krankenhäuser statt.“ Nämlich schon bei der Zuweisung in ein Krankenhaus und der Entscheidung, den Patienten nicht aufzunehmen. Dies beschäftige das Personal täglich.

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Entsetzen über die Langsamkeit der Politik

Hallek übte scharfe Kritik an den politischen Entscheidungen, die trotz der Warnungen seit Wochen viel zu langsam getroffen würden: „Wir sind alle, die wir in der Intensivmedizin arbeiten, über die Langsamkeit der Entscheidungen enttäuscht, ein bisschen auch entsetzt“. Seiner Meinung nach sei außerdem der Inzidenzwert 100 für die Notbremse  „gefährlich hoch eingestellt“. Und: „Wenn die Zahlen weiter steigen, ist es noch eine Woche“, bis es zur Triage käme, prophezeit Hallek. 

 

Lauterbach spricht von „weicher Triage“

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat sich zu diesem Thema über Twitter zu Wort gemeldet. Seiner Meinung nach befinden wir uns bereits in der Phase einer „weichen Triage“, bei der die Versorgung der Patienten durch Verlegen oder Verschieben nicht mehr optimal gewährleistet werden kann. „Die Lage spitzt sich täglich zu. Und wir diskutieren immer noch über 21 Uhr Ausgang oder nicht...,“ twittert Lauterbach.

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Intensivbetten-Kapazität erschöpft: Nur noch 14 Prozent freie Betten

Unterdessen meldet der Sender n-tv unter Berufung auf das Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), dass auf den deutschen Intensivstationen 4.680 Patienten mit COVID-19 versorgt werden. 3.770 Intensivbetten sind noch frei – ein Anteil von 14,1 Prozent. 

Und die könnten sehr schnell belegt sein, wie Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzende des Weltärztebundes, warnt: „Wir werden in den Kliniken jetzt eingeholt von den Infektionen, die vor vier Wochen stattgefunden haben.“ Er, Michael Hallek und viele andere Experten fordern deshalb eindringlich, dass die Politik sofort handeln und strikte Maßnahmen verhängen muss, denn „die Patienten von heute sind die Intensivpatienten von in zwei Wochen“, so Hallek. 

 

Auch Jens Spahn drängt auf schnelle, strenge Maßnahmen

Der Bundesgesundheitsminister erklärte am Donnerstag erneut, dass eine Überlastung des Gesundheitssystems Priorität habe. „Appelle der Intensivmediziner sollten wir daher hören und ernst nehmen,“ so Spahn bei der Bundespressekonferenz. Er appellierte deshalb an die Bundesländer, nicht erst auf ein neues Gesetz des Bundes zu warten, sondern sofort Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung der Infektionen zu ergreifen.

Doch auch wenn die Länder dem Aufruf folgen: Ob solche Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch ausreichen, damit sich die dramatische Lage in den Krankenhäusern nicht noch weiter verschärft und die Triage – die Entscheidung über Leben und Tod – doch noch abgewendet werden kann, wird sich zeigen müssen.

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Quellen:
Volle Intensivstationen: Klinik-Chef warnt vor "Triage vor den Mauern der Krankenhäuser" in: focus.de
Dramatische Corona-Lage in Köln: Mediziner warnt vor drohender Triage „in einer Woche“ in: merkur.de
„Müssen dieses Land zwei, drei Wochen drastisch runterfahren, um die Welle zu brechen“ in: welt.de
Lauterbach auf Twitter: Die „weiche Triage“ hat schon begonnen in: berliner-zeitung.de
Montgomery warnt vor Zwang zur Triage in: aerztezeitung.de

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