Toxische Beziehungen: Woran Sie merken, dass Ihnen jemand nicht guttut

Michelle Kröger

Wer in der Partnerschaft nur noch unglücklich ist, unterdrückt wird, viele Tränen vergießt und sich dennoch nicht loseisen kann, steckt wahrscheinlich schon mittendrin: in einer toxischen Beziehung. Es gibt Menschen, die Gift für uns und unser Leben sind. Dann tut die Liebe auf Dauer eher weh und nicht mehr gut. Die eigentlich logische Konsequenz? Sich abwenden. Zu groß ist schließlich der Schmerz, Glücksgefühle viel zu selten. Doch das Gehen ist meist nicht so leicht.

Inhalt
  1. Toxische Beziehung – was ist das?
  2. Wie erkennt man eine toxische Beziehung?
  3. Was sind die Gründe für eine giftige Beziehung?
  4. Toxische Beziehung – was kann man tun?

Wie erkennt man eine toxische Beziehung? Und was kann man tun, sobald man sich dieser bewusst ist? Die zertifizierte Paartherapeutin, Mediatorin, Master-Coach und Kommunikationstrainerin Britta Hochheimer hat einige Tipps und Informationen gegeben.

 

Toxische Beziehung – was ist das?

Wenn eine Beziehung langfristig Schmerzen und Leid verursacht ist sie toxisch. “Toxisch meint in diesem Zusammenhang – wie es der Name schon erahnen lässt – gefärbt mit einem Gift”, sagt Therapeutin Britta Hochheimer. “Und dieses Gift kann mitunter Krankheiten, Schmerzen (körperliche und seelische), Verzweiflung und Hilflosigkeit auslösen.” Toxische Beziehung: Gemeint ist eine Partnerschaft, in der ein Partner den anderem unterdrückt und ihn dominiert. Eine solche Partnerschaft führt meist zu großer Selbstaufopferung und Abhängigkeit.

Normalerweise sollten sich beide Partner in einer Beziehung frei und laufend weiterentwickeln können, so sehe laut der Beziehungsexpertin eine gesunde Beziehung aus. “Außerhalb der Beziehung ist jeder Mensch schließlich immer noch ein Individuum”, sagt Hochheimer. In einer gesunden Beziehung würden laut der Therapeutin beide Seiten das Gefühl haben, frei zu sein. So könne das Leben vollends genossen werden. Der eine stärkt dem anderen den Rücken, unterstützt ihn jederzeit. Jeder Mensch sollte eigene Erfahrungen sammeln, seinen Bedürfnissen und Interessen nachgehen können und nicht in seiner Handlungsweise begrenzt werden. “In einer toxischen Beziehung schränkt der Partner uns allerdings ein. Samt unserer Gedankenfreiheit. Er isoliert uns vom Rest der Welt”, sagt Hochheimer. Es besteht ein gefährliches Machtgefälle. Außerdem flößen toxische Personen ihren Partnern oftmals noch Schuldgefühle ein. Die Folge: eine tiefe Traurigkeit und der Verlust der Lebensfreude. “Betroffene fühlen sich häufig auch wie im Käfig gefangen.”

Eine toxische Beziehung – zunächst gut getarnt

Am Anfang einer Beziehung ist das Erkennen des Problems gar nicht so leicht. Schließlich trägt man dann noch die rosarote Brille auf der Nase spazieren und wer geht bei so viel Glückseligkeit schon vom Schlimmsten aus? “Eine frische Liebe ist in nahezu jeder Partnerschaft auch mit Faszination, Leidenschaft und großen Glücksgefühlen verknüpft”, sagt Hochheimer. “Die Welt ist wunderbar, jedes kleinste Detail erscheint einfach perfekt.” Erst einmal werden Unstimmigkeiten einfach unter „Missverständnis in der Kommunikation“ verbucht.

Doch mit der Zeit schleicht sich in jeder Beziehung der Alltag ins Liebesleben. Das ist ganz normal. Und nach der anfänglichen Hochphase bekommen Opfer einer toxischen Beziehung gesagt, dass sie dies nicht sind, jenes nicht können – dass sie einfach nicht genug sind und sie nicht der Idealvorstellung entsprechen. Die Freiheit wird beschränkt, Freunde werden zu ungebetenen Gästen, die Tür des Käfigs schließt sich –  leise aber sicher. “Viele Betroffene fügen sich den Erwartungen des Partners, passen sich an. Sie tun das, was er von ihnen erwartet”, sagt Britta Hochheimer. Doch später kommt dann die bittere Enttäuschung: Obwohl sie ihr Verhalten geändert haben, genügen sie dem Partner noch immer nicht.

 

Wie erkennt man eine toxische Beziehung?

Jeder sollte auf seine Gefühle hören. Dazu muss man in einer Liebesbeziehung tief reinhorchen. “Doch wenn sich das Gefühl breitmacht, dass uns jemand einschränkt und manipuliert, sollten wir der Tatsache ins Gesicht sehen”, sagt Hochheimer. Ständiges Unterwerfen, Beleidigen, Erniedrigen und fehlendes Entgegenkommen von Respekt – all das sind ernstzunehmende Indizien für eine toxische Beziehung. Eines der Hauptindizien? Ungleichheit.

Aber woran erkennt man denn genau eine toxische Beziehung? Erst einmal sollte man den Ursprung des Problems herausfinden. Dabei kann intensives Reflektieren helfen. Oder besser gesagt: eine Reflexion von sich selbst, des Partners und von der Beziehung im Allgemeinen (aus der Vogelperspektive). Gehen Sie in sich, seien Sie ganz ehrlich und legen Sie alle Karten und Fakten auf den Tisch.

An diesen 8 Merkmalen können Sie eine toxische Beziehung erkennen:

  1. Unausgewogene Partnerschaft: Die Bedürfnisse Ihres Partners sind wichtiger als die eigenen. Eigene Bedürfnisse werden vernachlässigt und ignoriert, um den Anforderungen des Partners gerecht zu werden.
  2. Kämpfen gegen Windmühlen: Es scheint so, als könnten Sie nichts richtigmachen. Der Partner gibt Ihnen immer wieder das Gefühl, nicht gut genug zu sein – verspottet Sie vielleicht sogar für Ihre Persönlichkeit. Die Entstehung von Schamgefühlen ist nicht selten. Der oder die Unterdrückte macht sich folglich selbst klein und abhängig. Ein hohes Selbstwertgefühl? Fehlanzeige.
  3. Soziale Isolation: In einer toxischen Beziehung kommt es häufig zu einer Abschottung des Partners vom sozialen Umfeld. Immer seltener werden Freunde getroffen – ob allein oder zusammen. Auch Eifersucht spielt eine große Rolle. Nichts wird mehr allein unternommen. Und wenn mal der Wunsch danach aufkommt, stellt der toxische Beziehungspart gleich die Liebe zu ihm infrage. Auch die finanzielle Situation wird genau kontrolliert. Gemeinsame Konten dienen der Überwachung.
  4. Ich- statt Wir-Gefühle: Alles dreht sich nur um den Partner, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle sind nicht wichtig. Der Partner merkt, sieht und fühlt nicht, wenn es Ihnen schlecht geht. Lange Dialoge und Diskussionen kommen eher selten vor. Und wenn, dann gibt der Partner nicht auf, bis er das letzte Wort hat. Stichwort: Machtdemonstration. Toxische Personen fragen auch selten nach dem Befinden des Partners, die Aufmerksamkeit liegt meist bei Ihnen – die Gespräche sind eher einseitiger Natur.
  5. Keine persönliche Weiterentwicklung: In einer gesunden Beziehung sollte jede Seite seine Wege gehen können. Sich persönlich oder beruflich weiterentwickeln können, sich verbessern, und wachsen. In einer toxischen Beziehung reagiert der Partner meist mit Spott und Hohn auf jegliche Entwicklungspläne. Ermutigungen und Unterstützung bleiben aus. Kleinhalten ist angesagt. “Das schaffst Du doch ohnehin niemals!”
  6. Keine Hochgefühle möglich: Es ist einem in einer giftigen Beziehung nicht möglich, Glück zu empfinden. Und wenn man in einer vermeintlich glücklichen Situation ist, dann plant der dominante Partner einen Angriff auf Sie und Ihr Selbstwertgefühl. Er möchte die Kontrolle über Sie und Ihre Gefühle erlangen. Toxische Personen konzentrieren sich auf das Negative und halten den Partner somit im selben Zustand, in dem sie auch feststecken. Zugeben, dass sie selbst unglücklich sind, würden sie aber nie.
  7. Einseitige Streitsituationen: In einer toxischen Beziehung sind emotionale Ausbrüche und laute Streits eher die Seltenheit. Vielmehr möchte man es dem dominanten Partner recht machen und Diskussionen vermeiden. Und gibt es doch einmal Widerworte, neigt der Dominante zur Eskalation. Häufig fallen Sätze wie “Mach dies oder das, oder liebst Du mich etwa nicht mehr?” Der unterdrückte Partner nimmt eine Vermeidungshaltung ein und versucht, Konflikte zu umgehen. Einfach aus Angst vor einer Eskalation.
  8. Sich selbst verstellen: In Anwesenheit des giftigen Partners können Sie nicht Sie selbst sein. Es scheint fast so, als müssten Sie immer eine besondere Maske aufsetzen, eine andere Rolle einnehmen, um von dieser Person akzeptiert zu werden. Das Resultat: man erkennt sich selbst nicht mehr wieder oder wird sogar von dritten Personen darauf aufmerksam gemacht.
 

Was sind die Gründe für eine giftige Beziehung?

“Eine der häufigsten Auslöser für toxische Beziehungen ist ein fehlendes Selbstvertrauen”, sagt Hochheimer. Auch mit dem Selbstwertgefühl des Opfers sieht es in der Regel nicht gerade gut aus. Die Gründe liegen bei den meisten Betroffenen in der Vergangenheit: “Selten verstehen die Menschen, dass unsere Kindheit – oder anders gesagt: die Muster der Vergangenheit – einen großen Einfluss auf unser jetziges Leben haben.”

Außerdem leiden die meisten dominanten Partner an einer narzisstischen oder paranoiden Persönlichkeitsstörung. Sie unterdrücken den Partner und benutzen ihn zu ihren Zwecken. Außerdem sind sie manipulativ, wenig empathisch, machtbesessen und wenig selbstkritisch. Es ist deshalb sehr schwierig mit solchen Personen eine Beziehung zu führen, sie verdrehen die Wahrheiten und geben dem unterdrückten Partner das Gefühl, verrückt zu werden. Ihr Selbstbewusstsein ziehen narzisstische Personen aus der Bewunderung von anderen. Und aus der Abhängigkeit, die sie auszunutzen wissen.

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Die Trennung – ein schwieriges Unterfangen

Den Opfern fällt es meist extrem schwer, sich zu trennen und der toxischen Beziehung zu entkommen. Sie fühlen sich unterlegen – und gestehen sich die Probleme nicht ein. Meistens nehmen diese Personen den Partner vor anderen sogar noch in Schutz. Der Partner wird in toxischen Beziehungen idealisiert. Falsche Verhaltensweisen werden einfach so hingenommen. Es entsteht eine Art Abwärtsspirale, denn durch ständige Beleidigungen sinkt das Selbstwertgefühl des unterdrückten Partners immer weiter in den Keller. Gleichzeitig steigt hingegen die Angst vor einer Trennung. Es entsteht eine ungesunde Abhängigkeit. Manchmal läuft es extrem gut, manchmal extrem mies in der Beziehung. Und Opfer wollen immer wieder zurück zum Schönen. Und dann ist da ja auch noch das Verliebtsein. Wenn die Tiefs allerdings häufiger werden und es immer seltener zu Hochs kommt, fällt der Schritt zur Trennung dann unter Umständen leichter und das Opfer sieht klarer.

Auswirkungen von toxischen Beziehungen

Dass der schwächere Partner in einer solchen Beziehung psychische Probleme bekommen kann, liegt wohl eindeutig auf der Hand. Die psychische Belastung ist immens hoch. Doch die unterdrückten Opfer können sogar körperlich krank werden. Der langfristige Stress hinterlässt Spuren. US-amerikanischen Studien zufolge entwickeln Menschen, die langfristig in toxischen Beziehungen stecken, ein höheres Risiko für Herzprobleme. Der Grund? Der dauerhaft hohe Stresspegel.

 

Toxische Beziehung – was kann man tun?

Das Ziehen eines Schlussstriches ist meistens nicht leicht für den Betroffenen. Außenstehende schütteln in der Regel nur noch mit dem Kopf, können es nicht verstehen, warum derjenige die Beziehung nicht einfach beendet. Die Gründe können unterschiedlicher Natur sein – sei es etwa ein mangelndes Selbstwertgefühl, das Verleumden der Probleme oder eine große Angst vor der Reaktion des Partners.

“Am wichtigsten ist es erst einmal, überhaupt zu erkennen, dass wir leiden”, sagt Hochheimer. “Das ständige Nachdenken darüber, dass wir in der Beziehung einfach nicht glücklich sind”, das sei der wichtigste Faktor bei jeder Art von Veränderung. Außerdem kann man noch versuchen, nach anderen Wege suchen, die einem heraus aus der Problemfalle führen. “Zum Beispiel eine Weile getrennt leben, um herauszufinden, ob der Partner sich auch tatsächlich ändern kann und will. Oder sich auf eine professionelle Unterstützung einlassen kann.”

Ein Paarcoaching bzw. eine Therapie kann helfen. “Allerdings müssen beide Seiten dazu bereit sein, etwas gegen die derzeitige Situation zu unternehmen. Nur dann ist es sinnvoll, ein Paarcoaching zu versuchen”, sagt Hochheimer. Wenn diese Bereitschaft nur einseitig besteht, dann wird das Vorhaben großer Wahrscheinlichkeit nach nicht glücken und die Trennung ist unvermeidbar. “Allerdings lohnt es sich sicherlich, zumindest einen Versuch zu starten, die Beziehung zu retten.” Auch eine Psychotherapie kann dem Opfer dabei helfen, all die negativen Ereignisse aufzuarbeiten und das Selbstwertgefühl zu stärken.

Freunde und Familienangehörige können auch etwas tun: für das Opfer da sein, fragen wie es demjenigen gerade geht und in Zweifel Hilfe anbieten. Das Eingestehen eines Problems ist bekanntlich das Schwierigste. Und Gespräche helfen, klarer zu sehen.

Quellen:

“Social Relationships and Health: The Toxic Effects of Perceived Social Isolation” (2014) von John T. Cacioppo* and Stephanie Cacioppo: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4021390/ (Abrufdatum: 25.09.2019)

Negative Aspects of Close Relationships and Heart Disease: https://www.researchgate.net/publication/5920647_Negative_Aspects_of_Close_Relationships_and_Heart_Disease (Abrufdatum: 25.09.2019)

http://www.antonia-von-fuerstenberg.de/toxische_beziehungen_narzissten_und_co_narzissten.pdf (Abrufdatum: 25.09.2019)

Unsere Expertin:
Britta Hochheimer
In ihrer Frankfurter Praxis widmet sie sich der modernen Paartherapie und dem Coaching (https://www.brittahochheimer.de/).

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