Tourette: Unwillkürliches Muskelzucken

Im Internet können Tourette-Erkrankte mit anderen Erfahrung austauschen
Im Internet können Tourette-Erkrankte mit anderen Erfahrung über die Krankheit austauschen © Fotolia

Wenn sich die Tics melden, ist sie machtlos. Jessica bekommt Muskelzuckungen und blinzelt. Sie hat keine Kontrolle über ihren Körper. Praxisvita erklärt, worum es sich bei dieser Krankheit handelt.

 

Tourette-Syndrom Symptome unterschiedlich

Lange hat sich die junge Frau für ihre Krankheit geschämt. Doch sie hat einen Weg gefunden, mit ihrem Schicksal umzugehen. Bevor ich Jessica kennenlerne, weiß ich nur, dass sie Studentin ist und am Tourette-Syndrom (TS) leidet. Auch wenn ich viel darüber gelesen habe, frage ich mich, ob sie schimpft und flucht. So wie die Tourette-Betroffenen im Fernsehen. Später bin ich erleichtert – und etwas beschämt: Jessica redet wie ich. Sie erklärt mir, dass nur ein Viertel der Betroffenen an Koprolalie leidet und ohne es zu wollen, Schimpfwörter benutzt. „Man denkt schnell, dass das bei allen so ist, weil die, die an so extremen Tics leiden, eben sehr auffallen. Ich habe 'nur' motorische Tics und bin, wie viele andere, froh, wenn die keiner bemerkt." Seit ihrem achten Lebensjahr leidet die 30-Jährige am TS.

Wenn sie "tickt", bewegt sie ruckartig ihren Kopf, reißt den Mund auf oder presst ihre Zähne fest zusammen. Wann es passiert, kann sie nicht steuern. „Meine Tics verändern sich ständig. Ab und zu kann ich sie aber unterdrücken." Ganz heimlich spannt sie dann ihre Oberschenkel an oder knetet fest ihre Hände. Das hilft, zumindest kurz. „Das merkt keiner. Aber die Tics lassen sich nur aufschieben, sie entladen sich einfach später." Bis zu ihrer Pubertät fällt Jessica wegen ihrer Eigenarten noch nicht weiter auf. „Erst auf dem Gymnasium fingen die anderen an, mich nachzuäffen und mich 'Spasti' zu nennen." Egal wo die Schülerin hingeht: Es wird getuschelt. Sie ahnt, wie sie auf andere wirkt, aber sie kann nichts dagegen tun. So sehr sie es sich auch wünscht. Damals nistet sich in Jessicas Kopf der Gedanke ein, dass sie nicht normal ist. Sie zieht sich komplett zurück. „Ich bin schon überall mit der Erwartung hingegangen, dass sich jemand über mich lustig machen wird."

Jessicas Ausweg: Sie lernt. Sehr viel. Und bekommt hervorragende Noten. „Ich wollte mir beweisen, dass ich nicht doof oder behindert bin." Trotzdem schämt sie sich. So sehr, dass sie mit niemandem über ihr Leid spricht. "Ich habe mich dagegen gewehrt. Ich wollte nicht darüber reden. Wenn ich damals zum Arzt hätte gehen müssen, wäre ich ausgeflippt. Das bedeutete aber auch, dass ich gar nicht wusste, was mit mir nicht stimmt. Ich tat lieber so, als wäre nichts." Jessica fühlt sich einsam. Ihre Familie unterstellt ihr sogar, dass sie absichtlich zuckt, den Bauch einzieht und die Augen verdreht. Tourette? Das haben doch die mit den Schimpfwörtern. Aber Jasmin? Niemals! Sie fühlt sich zurückgewiesen und macht viele Jahre alles mit sich selbst aus.

Erst als sie zum Studieren wegzieht, verändert sich etwas. Jessica findet schnell Freunde, hat zum ersten Mal eine Clique. Menschen, denen sie vertraut. Und sie verliebt sich. In jemanden, dem es egal ist, dass sie sich manchmal seltsam verhält. „Auf einmal war ich so weit, dass ich mich meinen Tics stellen konnte." Sie forscht im Internet, gibt dort ihre Symptome ein. Die Suchergebnisse sprechen für sich: TS. In Foren tauscht sie sich mit anderen Betroffenen aus. Endlich fühlt sie sich verstanden. Nach Jahren der Unsicherheit überwindet sich Jessica, zum Arzt zu gehen. Der bestätigt: Sie hat das TS. „Eigentlich freut man sich ja nicht über diese Diagnose. Für mich war es aber eine Erleichterung, dass man mir sagte, was wirklich mit mir los ist – und dass ich nicht verrückt bin."

Das zu wissen, reicht Jasmin. Medikamente lehnt sie wegen der Nebenwirkungen ab. Heute lebt sie mit dem TS und beendet gerade ihr Studium. „Es gibt doch wirklich Schlimmeres. Ich akzeptiere Tourette zwar nicht, aber ich habe mich damit abgefunden. Und ich schäme mich nicht mehr dafür. Das ist vorbei." Beim Abschied sagt sie: „Ich bin ja noch jung. Manchmal verschwinden die Tics im Erwachsenenalter. Und wenn nicht, dann eben nicht."

 

Tourette-Syndrom: Das Wichtigste auf einem Blick

Was ist das?

Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics (rasche, oft plötzlich sehr heftige Bewegungen) charakterisiert ist. Menschen mit einem Tourette-Syndrom suchen oft eine geschützte Umgebung (zum Beispiel Familie), um ihren Symptomen freien Lauf zu lassen, nachdem sie versucht haben, sie bei der Arbeit oder in der Schule zu unterdrücken. Die Tics nehmen bei Ärger, Anspannung oder Stress zu.

Was sind die ersten Symptome

Am häufigsten tritt zuerst ein Gesichts-Tic, wie zum Beispiel Augenblinzeln oder Verziehen des Mundwinkels auf. Auch Räuspern oder Muskelzuckungen können erste Anzeichen sein. Manchmal beginnt die Störung auch mit mehreren Symptomen. Etwa 25 Prozent der Menschen mit Tourette Syndrom stoßen unwillkürlich Schimpfwörter aus. Stress, Anspannung und Wut entladen sich, wenn sie laut schreien. Es ist nicht genau geklärt, wieso sie Schimpfworte gebrauchen.

Was spüren Betroffene von den Tics

Oft bemerken Kinder ihre Tics anfangs selbst gar nicht. Es sind meistens die Eltern, die darauf aufmerksam werden. Etwa ab dem 10. Lebensjahr werden vielfach bestimmte Gefühle (zum Beispiel  Kribbeln im Bauch, Spannungsgefühl im Nacken) unmittelbar vor einem Tic wahrgenommen. Ansonsten nehmen die Betroffenen ihre Muskelzuckung beziehungsweise Lautäußerung erst wahr, wenn sie diese schon ausführen. Manchmal, im Fall von ganz leichten Tics, noch nicht einmal das.

Hilfe und Infos im Internet: www.tourette-gesellschaft.de; www.ah-ta.de www.tourette.de/regio

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