Tourette-Syndrom – "Ich sprang herum – als wäre ich ein Kobold"

Anja Beckmann fühlt sich heute wieder wohl
Lebenslust: Draußen im Park fühlt sich Anja Beckmann heute wohl. Vor der OP hatte sie Angst, anderen Menschen zu begegnen © Fotolia

Es war ein Martyrium über 20 lange Jahre. Doch eine neue Operation machte ihr das größte Geschenk: ein ganz normales Leben ohne Tourette-Syndrom.

Voller Lebensfreude genießt Anja Beckmann (48) die ersten Frühlingstage, spaziert mit ihrem Partner Ralf (49) durch den Park. "Vor nur fünf Jahren war das völlig undenkbar", erzählt die Münchenerin, während sie in ihrem Lieblingslokal am Kaffee nippt. Sie leidet am Tourette-Syndrom, schlug und biss sich selbst, sprang herum, ohne es zu wollen. Unter Menschen fühlte sie sich nicht wohl, obwohl Freunde und Familie hinter ihr standen. "Es war, als hätte ich einen Kobold im Kopf", sagt Anja und lacht. Das tut sie oft, denn die schlimmen Jahre der schrecklichen Attacken sind vorbei – dank eines Hirnschrittmachers.

Sie hat die Krankheit jetzt im Griff, doch der Weg dahin war lang – und qualvoll. Fast 20 Jahre lang litt Anja unter den schweren Symptomen des Tourette-Syndroms. Es ist eine Krankheit, die verstört. Intellektuell sind Tourette-Patienten keineswegs eingeschränkt. Doch Außenstehende können kaum begreifen, was Betroffene zu ihrem Handeln treibt. "Ich bin herumgesprungen, bis meine Füße wund waren", erzählt sie. Die Krankheit hat Anja gezeichnet: Ihre Lippe ist vernarbt, die Zungenspitze abgebissen, sie hat Mühe zu sprechen.

 

Nach der Geburt brach das Tourette-Syndrom plötzlich voll aus

Dabei trat der Kobold schon früh in ihr Leben. Sie war fünf – und konnte nicht mehr aufhören zu summen. Selbst mitten in der Kirche, als die Gemeinde still betete. "Ich konnte einfach nichts dagegen tun", erinnert sie sich. Das Summen verschwand, doch der Kobold schlief nur, bis sie 27 Jahre alt war. Nach der Geburt ihres Sohns bricht die Krankheit plötzlich voll aus. Ein Regensburger Arzt stellt schließlich die Diagnose. Anja ist erleichtert: "Endlich wusste ich, dass ich nicht verrückt bin." Doch die Ärzte finden keine Antwort darauf, warum die Krankheit nach der Schwangerschaft auftritt. Keine Therapie hilft, kein Medikament wirkt. Anja bekommt Depressionen. Mit Büroklammern bindet sie ihre Zähne zusammen, damit sie sich nicht mehr auf Lippen und Zunge beißen kann. Sie will doch gesund werden. Auch um ihrem Sohn, um den sich ihre Eltern kümmern, eine gute Mutter zu sein.

Was ist Tourette?

Das Leiden ist nach dem französischen Arzt Gilles de la Tourette benannt, mehr als eine halbe Million Deutsche sind betroffen.
Viele zwinkern nur mit den Augen, zucken mit einer Schulter. Experten sprechen dann von einem Tick. Manche schreien, schlagen um sich, springen herum oder stoßen zwanghaft obszöne Worte aus.
Die Ursache ist unbekannt, vermutet wird eine Störung des Gehirnstoffwechsels, bei der übermäßig viel von den Botenstoffen Dopamin und Serotonin ausgeschüttet wird. Tourette ist bisher unheilbar.
Infos unter: www.tourette.de

Anja entschließt sich zur Elektrokrampftherapie. Unter Narkose löst Strom einen Krampf im Gehirn aus. Das hilft nur kurz. Bald muss sie die Prozedur wiederholen, in immer kürzeren Abständen. Nach mehr als 80 verordneten Krämpfen ist sie am Ende. Als Anja keinen Ausweg mehr weiß, raten ihre Ärzte zum Einsatz eines Hirnschrittmachers. Dabei setzen Experten Elektroden ins Gehirn, die durch feine Elektro-Impulse die Symptome unterdrücken sollen. Im Münchner Klinikum Großhadern wurden bisher sechs Betroffene operiert. Anja unterzieht sich 2006 dem schwierigen Eingriff – als erste Tourette-Patientin in Bayern. Obwohl die OP kaum getestet ist, bezahlt die Krankenkasse. Nicht jedem nützt der Eingriff. Weltweit gab es erst 60 davon bei Tourette-Patienten. Auch bei Anja kommt der Erfolg nicht sofort. Doch sie hofft auf ihr neues Leben und wird belohnt. Nach ein paar Monaten sind die Elektroden richtig eingestellt. Der Kobold schweigt – und macht Platz für Ralf (49), für einen realen Mann an Anjas Seite. Für sie ist das Leben jetzt endlich lebenswert: "Der Hirnschrittmacher hat mich gerettet. Und durch Ralf entdecke ich das Glück der Liebe wieder."

Quelle: Tina, 17/2012

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