Kommt bald der totale Lockdown in Deutschland?

Daphne Sekertzi

Zahlreiche europäische Länder haben es vorgemacht, Deutschland könnte nun folgen: Aufgrund der hohen Infektionszahlen ist es nicht mehr unwahrscheinlich, dass hierzulande bald ein totaler Lockdown verhängt wird. Was das bedeuten würde und was Stimmen aus Politik und Wissenschaft dazu sagen.

Inhalt
  1. Corona: Private Treffen als Infektionsquelle
  2. Totaler Lockdown wird immer wahrscheinlicher
  3. Was bedeutet ein totaler Lockdown?
  4. Corona-Lockdown: Sieben-Tage-Inzidenz unter 50 als Ziel

Die Infektionszahlen gehen auch einen Monat nach Beginn des Lockdowns nicht runter – das Robert Koch-Institut hat heute (14.01) mit mehr als 25.000 Neuinfektionen erneut einen deutlichen Anstieg der Zahlen vermeldet. Das könnte nun noch drastischere Maßnahmen nach sich ziehen. Es droht der komplette Lockdown mit ganztägigen Ausgangssperren.

 

Corona: Private Treffen als Infektionsquelle

Mit der Schließung von Schulen, Kitas, Kultureinrichtungen und Gastronomie-Betrieben konnten viele Infektionsquellen ausgeschaltet werden. Aber eine blieb trotz Kontaktbeschränkungen weiterhin bestehen: Private Treffen. Experten erklären sich die unverändert hohen Infektionszahlen damit, dass die Menschen ihre sozialen Kontakte nicht wie gefordert stark einschränken.

Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts
Service RKI-Chef Wieler fordert noch massivere Einschränkungen

Zwar darf man sich im Freien nur noch mit einer haushaltsfremden Person aufhalten. Allerdings ist die Zahl der sozialen Kontakte nicht beschränkt. Verboten ist es somit beispielsweise nicht, sich jeden Tag nacheinander mit drei haushaltsfremden Personen zu treffen. Weil es derzeit mehr als 350.000 aktive Corona-Fälle gibt – und das ist nur die offizielle Zahl – hat es das Coronavirus derzeit leicht, sich schnell zu verbreiten.

Die in Deutschland längst angekommene und wesentlich ansteckendere Virus-Variante B.1.1.7 lässt die Infektionsgefahr zudem weiter ansteigen. Bisher sind in Deutschland lediglich 16 Fälle der Mutation bekannt. Aber wenn auch weiterhin soziale Kontakte nicht reduziert werden, könnte die Virus-Mutation schnell in der Bevölkerung diffundieren.

 

Totaler Lockdown wird immer wahrscheinlicher

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte in einem Interview mit der Rheinischen Post davor, dass sich die nächsten drei Monate zu den „schlimmsten“ der Pandemie entwickeln könnten. Erst ab April werde sich die Lage durch wärmere Temperaturen und mehr verfügbaren Impfstoff bessern. Aber was heißt das für die Zeit bis April? Wie können bis dahin hohe Infektions- und Todeszahlen und ein Zusammenbruch des Gesundheitssystems verhindert werden?

Eine Person klingelt an einer Tür
Service Lauterbach mit radikaler Forderung: Privatwohnungen sollen kontrolliert werden

Eine Maßnahme, die bis vor einigen Monaten noch völlig undenkbar erschien, rückt immer mehr in den Bereich des Wahrscheinlichen: ein totaler Lockdown. Das hat die Akademie für Wissenschaften Leopoldina bereits im Dezember gefordert. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat sich unlängst sowohl für eine Verlängerung als auch für eine Verschärfung des Lockdowns ausgesprochen. Eine Verschärfung des ohnehin schon harten Lockdowns würde aber im Extremfall drastische Maßnahmen beinhalten.

 

Was bedeutet ein totaler Lockdown?

Schulen, Kitas, Freizeit- und Kultureinrichtungen, Bars und Restaurants wären in einem totalen Lockdown weiterhin geschlossen. Dazu käme ein Verbot für Treffen mit haushaltsfremden Personen und ganztägige Ausgangssperren. Die Wohnung dürfte nur noch aus triftigem Grund verlassen werden, etwa für Arztbesuche, Lebensmitteleinkäufe oder medizinische Notfälle. Während nächtliche Ausgangssperren zwischen 20 Uhr und 5 Uhr seit Wochen in vielen Bundesländern flächendeckend oder regional gelten, wären ganztägige Ausgangssperren in Deutschland ein absolutes Novum.

Andere europäische Länder hingegen sind inzwischen bereits zum zweiten Mal in den totalen Lockdown gegangen. Frankreich, Spanien und Irland etwa konnten die Infektionszahlen dadurch erheblich reduzieren. So ist nach dem totalen Lockdown in Frankreich im November die Zahl der Neuinfizierten von knapp 50.000 auf nur noch rund 10.000 pro Tag gesunken.

Illustration eines Virus
Krankheiten & Behandlung Corona: An diesen Tagen ist man am ansteckendsten

 

Corona-Lockdown: Sieben-Tage-Inzidenz unter 50 als Ziel

Vom Teil-Lockdown im November, über den verschärften Lockdown im Dezember, hin zum totalen Lockdown im Februar? Es wäre eine ebenso drastische wie folgerichtige Entwicklung. Das erklärte Ziel von Bund und Ländern ist es, die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz auf unter 50 zu drücken. Epidemiologen geben sogar einen Richtwert von 20 bis 25 an. In diesem Bereich gilt das Infektionsgeschehen als kontrollierbar: Kontakte ließen sich wieder nachverfolgen und Infektionsketten so frühzeitig unterbrechen.

Dieses Ziel lässt sich mit den bisherigen Maßnahmen nicht erreichen, ihnen fehlt es an der nötigen Wirkkraft. Das haben die Infektionszahlen in den letzten Wochen deutlich zutage gebracht. Deutschland ist weit entfernt von der 50er-Marke, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei 151 (Stand 14.01). Die fünf Landkreise mit der höchsten Inzidenz erreichen sogar Werte zwischen 480 und 735. Wird sich das Infektionsgeschehen auch in den nächsten Wochen nicht beruhigen, so wird vermutlich der totale Lockdown als letztes Mittel eingesetzt werden. 

Mehrere Personen sitzen mit Maske im Büro
Service Aktuelle Infektionsherde: Wo sich Menschen in Deutschland mit Corona anstecken

Quellen:

Die aktuellen Fallzahlen in Deutschland und weltweit, in: bundesregierung.de

„Werden jetzt die schlimmsten drei Monate der gesamten Pandemie vor uns haben“, in: rp-online.de

Ausgangsbeschränkungen in Europa. Nur 200 Meter, nur allein, nur mit Attest, in: tagesschau.de

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