Tinnitus – was tun? Expertenrat zu den häufigsten Fragen

Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Fast jeder hat hin und wieder Ohrgeräusche, ohne diese als besonders störend zu empfinden. Doch wenn sie nicht mehr weggehen und zur Belastung werden, fragen sich viele Betroffene: Tinnitus – was tun? Erfahren Sie hier die Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Thema Tinnitus – im Interview mit dem HNO-Arzt und Experten für Ohrgeräusche Professor Matthias Tisch.

Tinnitus was tun? Experte Prof. Matthias Tisch im Interview
Tinnitus-Experte Prof. Dr. med. Matthias Tisch ist Direktor der Klinik für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm© privat
 

Ab wann hat man Tinnitus?

Tinnitus hat man dann, wenn ein dauerhaftes Ohrgeräusch vorliegt und man davon beeinträchtigt ist.

 

Wann sollte ich mit Tinnitus zum Arzt gehen – und zu welchem?

Fachärzte nennen akuten Tinnitus einen otologischen Eilfall – er ist also kein Notfall. Wenn man ein akutes Ohrgeräusch hat, dann sollte man spätestens nach 72 Stunden den Arzt aufsuchen. Am besten geht man zum Hals-Nasen-Ohren-Facharzt, weil der in der Lage ist, direkt die richtige Hördiagnostik zu betreiben. So lässt sich schnell abklären, ob nicht etwas anderes dahintersteckt und Sie sind im Fall einer Tinnitus-Diagnose an der richtigen Adresse für die Behandlung, wenn nötig.

 

Gibt es einen bestimmten Punkt, ab wann Tinnitus chronisch wird?

Tinnitus was tun? Überweisung HNO-Arzt
Tinnitus – was tun? Akute Ohrgeräusche sollten Sie nach spätestens drei Tagen von einem Hals-Nasen-Ohren-Facharzt untersuchen lassen© Fotolia

Hals-Nasen-Ohren-Ärzte sprechen von einem akutem Tinnitus innerhalb der ersten sechs Monate und von einem chronischen Tinnitus nach sechs Monaten.

 

Durch was kann Tinnitus entstehen?

Schalltrauma, Knalltrauma, laute Konzerte, Discobesuch, zu laut eingestellte Kopfhörer: Alles, was lauter ist als 85 Dezibel, ist schädlich fürs Ohr und kann einen Tinnitus auslösen.  Arbeitsbereiche, die lauter sind, müssen darum als Lärmbereiche ausgewiesen und die Arbeitnehmer entsprechend geschützt werden. Ob Tinnitus auftritt, hängt aber immer von der Persönlichkeit und der individuellen Situation ab. Es gibt Menschen, die an Silvester ein Knalltrauma erleiden und keinen Tinnitus bekommen, und andere haben durch das einmalige Zerplatzen von einem Luftballon oder einer Papiertüte einen Tinnitus davongetragen. Die psychische Stabilität des Individuums ist ein entscheidender Faktor, ob Tinnitus entsteht und auch, ob er chronisch wird.

 

Hört sich ein durch Lärm verursachter Tinnitus anders an als ein stressbedingter?

Tinnitus wird unterschiedlich wahrgenommen, aber Sie können nicht von der Art oder Lautstärke des Ohrgeräuschs Rückschlüsse auf die Ursache ziehen. Man kann jedoch als Faustregel sagen, dass ein lärmbedingter Tinnitus in der Regel im Hochtonbereich empfunden wird und der stressbedingte Tinnitus eher im Tief- und Mitteltonbereich.

 

Ist Tinnitus ansteckend?

Tinnitus ist ja keine Krankheit, sondern ein Symptom – und darum nicht ansteckend. Aber Tinnitus ist in unserer Gesellschaft mit negativen Assoziationen belegt. Wenn ich jemandem erzähle, dass ich Tinnitus habe, wird er mich fragen: „Oh je, hast du Stress, geht’s dir schlecht, warst du beim Arzt?“ Ansteckend ist höchstens der Glaube, dass Ohrgeräusche immer etwas Schlimmes sind. So überträgt sich quasi ein Leidensdruck, den manche gar nicht hätten, wenn dieses Bild von Tinnitus als Krankheit nicht existieren würde.

 

Ist Tinnitus das gleiche wie ein Hörsturz?

Man weiß bis heute nicht genau, warum und wie Hörstürze entstehen. Die Ursachen können sich ähneln, aber es ist nicht das gleiche. Der Hörsturz geht immer mit einer Hörminderung einher, der Tinnitus nicht.

 

Ist Tinnitus nachweisbar oder messbar?

Ab wann Tinnitus belastet, ist individuell unterschiedlich
Ab wann Tinnitus als belastend empfunden wird, ist individuell unterschiedlich © Fotolia

Tinnitus ist immer subjektiv, nicht objektiv. Aber: es gibt Verfahren, mit denen man einen Tinnitus ein Stück weit „ausmessen“ kann. Wir wissen, dass Tinnitus das limbische System, also das Gefühlszentrum im Gehirn, sehr stark beeinträchtigt. Neuere Untersuchungen zeigen: Patienten, die sehr stark unter Tinnitus leiden – ich sage bewusst „leiden“ – haben mit bildgebenden Verfahren nachweisbare Auffälligkeiten im limbischen System, die anders aussehen als bei Menschen, die keinen Tinnitus haben oder die nicht unter Tinnitus leiden.

Insofern kann man mit semi-quantitativen bildgebenden Verfahren wie der sogenannten funktionellen MRT-Untersuchung ein Tinnitus-Leiden objektivieren. Das sagt aber nichts über die Lautstärke aus, sondern nur über den psychischen Leidensdruck.

 

Ist Tinnitus eine Behinderung?

Nein. Aber er wird von Betroffenen oft als behindernd wahrgenommen: Tinnitus beeinträchtigt die psychische und physische Lebensqualität. Man ist in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Patienten mit chronischem Tinnitus haben weder Anspruch auf Berufsunfähigkeitsrente noch auf einen Behindertenausweis. Im Hals-Nasen-Ohren-Fachgebiet wird für Tinnitus niemals eine Berufsunfähigkeit, also eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von mehr als 50 Prozent, bescheinigt werden. Tinnitus führt auch nicht zu einer Rentenzahlung – für Tinnitus wird man im HNO-Bereich nie mehr als 20 Prozent bekommen. Das kann anders aussehen im psychiatrischen Fachgebiet – wenn Patienten neben oder durch den Tinnitus noch eine psychische Erkrankung haben wie zum Beispiel eine schwere Depression.

 

Kann Tinnitus gefährlich werden?

Wenn Tinnitus psychisch fehlverarbeitet wird und Patienten über den Tinnitus schwer depressiv bis hin zu selbstmordgefährdet werden, und das Leiden nicht von erfahrenen Nerven- und HNO-Ärzten gemeinsam behandelt wird, dann kann Tinnitus auch gefährlich werden, ja.

Hinweise, dass ein Ohrgeräusch so laut wird, dass es Warnsignale übertönt und so Gefahrensituationen entstehen, gibt es in der medizinischen Fachliteratur nicht.

Tinnitus kann eine Hochtonschwerhörigkeit verstärken. Das könnte dazu führen, dass Patienten ein Geräusch nicht wahrnehmen oder es dem Tinnitus zuschieben. Eine mögliche Gefahrensituation ginge dann höchstens auf die Kombination aus Hörminderung und Tinnitus zurück.

 

Ist Tinnitus erblich?

Nein. Es gibt zwar ein Gen, auf dem die Hörfunktion abgelegt ist – ein „Ertaubungs-Gen“ – darauf liegt aber nur die Erbinformation für Schwerhörigkeit, nicht für Tinnitus.

 

Tinnitus, was tun – können auch Medikamente helfen?

Ja, ein wichtiger Therapie-Baustein ist es dabei, die Fließfähigkeit des Blutes zu verbessern. Dabei helfen kann ein Ginkgo-Spezialextrakt. Bislang gibt es jedoch nur ein Präparat, dessen Wirkung bei Tinnitus durch Studien belegt ist – "Tebonin". Der Pflanzenextrakt macht rote Blutkörperchen elastischer und verbessert die Durchblutung kleinster Gefäße. Wichtig: Es dauert etwa zwei Wochen, bis das Ohrgeräusch nach regelmäßiger und ausreichend hochdosierter Einnahme – das heißt, zweimal täglich 120 Milligramm – wahrnehmbar und objektiv messbar reduziert wird.

Im Interview: Prof. Dr. med. Matthias Tisch

Arzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, spezielle Hals-Nasen-Ohrenchirurgie, AllergologieDirektor der Poliklinik HNO am Bundeswehrkrankenhaus Ulm

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