Tinnitus: Strom-Therapie gibt Hoffnung

Verena Elson Medizinredakteurin
Tinnitus
Ein Tinnitus kann Betroffene so stark belasten, dass sie kein normales Leben führen und nicht mehr arbeiten können © iStock/iLexx

Ständige Ohrgeräusche können für Betroffene sehr belastend sein. Weil die Vorgänge bei der Entstehung eines Tinnitus noch nicht vollständig erforscht sind, gestaltet sich die Entwicklung neuer Therapien schwierig. US-Forscher sind jetzt einen neuen Weg gegangen und haben ein Verfahren entwickelt, dass zumindest einige Betroffene von ihrem Leiden befreien könnte.

Die neue Methode baut auf der Erkenntnis auf, dass bei Patienten mit Tinnitus eine Fehlfunktion in einer bestimmten Region im sogenannten Hirnstamm vorliegt. Spezielle Zellen (fusiforme Zellen), die dort eigentlich die Aufgabe haben, „körpereigene“ Geräusche, die beispielsweise beim Drehen des Kopfes entstehen, auszublenden, sind bei Betroffenen hyperaktiv. Sie senden Signale an andere Hirnregionen und lassen so Phantomgeräusche entstehen, die die Patienten unregelmäßig oder auch dauerhaft hören. Auslöser für die plötzliche Verhaltensänderung dieser Zellen können beispielsweise laute Geräusche oder Verletzungen wie ein Schädeltrauma sein.

„Wenn wir diese Signale stoppen können, können wir den Tinnitus stoppen“, sagt Susan Shore, die die Studie der University of Michigan leitete. Die Therapie, genannt „gezielte bimodale auditiv-somatosensorische Stimulation“, basiert auf zwei Pfeilern. Per Kopfhörer wird dem Patienten ein spezieller Ton vorgespielt, während gleichzeitig kleine Elektroden in der Kopf- oder Nackengegend schwache (nicht spürbare) elektrische Impulse senden.

 

Doppelter Therapieansatz soll hyperaktive Zellen „umprogrammieren“

Das Ziel dieses Verfahrens ist es, die fusiformen Zellen neu zu „programmieren“, sodass sie wieder ihre normale Aktivität aufnehmen. Die Forscher testeten ihren Ansatz zunächst in Experimenten mit Tieren – dabei gelang es ihnen, Aktivität der fusiformen Zellen im Hirnstamm der Tiere langfristig zu drosseln.

Schließlich wiederholten Shore und ihr Team die Tests mit 20 menschlichen Probanden mit schweren Formen von Tinnitus. Sie wählten dabei gezielt Patienten mit einer bestimmten Fähigkeit aus: Einige Tinnitus-Patienten können ihre Ohrgeräusche absichtlich zeitweise verändern, indem sie die Zähne zusammenbeißen, die Zunge herausstrecken oder den Kopf drehen. Diese Bewegungen sind eine Art selbstentdeckte Strategie um die Aktivität der fusiformen Zellen zu verändern und so Einfluss auf die Art der Ohrgeräusche zu nehmen, so Shore.

gezielte bimodale auditiv-somatosensorische Stimulation bei Tinnitus
Nach täglichen Therapiesitzungen von 30 Minuten über vier Wochen berichteten die Probanden von leiseren oder ganz verschwundenen Ohrgeräuschen© University of Michigan/Susan Shore
 

Tinnitus-Therapie mit Kopfhörer und Elektroden

Für die Therapie wurde der Ton aus dem Kopfhörer speziell auf die individuellen Ohrgeräusche der Probanden abgestimmt und die Elektroden wurden an jenen Bereichen des Kopfes fixiert, die die Patienten gebrauchten, um ihre Ohrgeräusche gezielt zu verändern.

Nach einer Einweisung in die Benutzung von Kopfhörern und Elektroden führten die Studienteilnehmer vier Wochen lang täglich zu Hause 30-minütige Sitzungen mit dem Gerät durch. Eine Hälfte der Probanden bekam dabei die „komplette“ Behandlung, die andere Hälfte empfing – ohne es zu wissen – nur den Ton durch den Kopfhörer, die Elektroden sendeten keine Impulse.

Nach vier Wochen Pause tauschten die Gruppen – Gruppe eins bekam die Placebo-Behandlung, Gruppe zwei empfing neben den akustischen nun auch die elektrischen Signale. Jede Woche beantworteten die Probanden Fragen dazu, wie sehr der Tinnitus ihr Leben beeinträchtigte und stuften die Lautstärke ihrer Ohrgeräusche ein.

 

Vielversprechende Ergebnisse

Das Ergebnis: Nach der Behandlung mit sowohl Beschallung als auch Stromimpulsen berichteten die Studienteilnehmer von leiseren Ohrgeräuschen, bei zwei Probanden verschwand der Tinnitus vollständig. Zudem berichteten die Teilnehmer über eine höhere Lebensqualität als vor der Therapie. Nach der Placebo-Behandlung ließ sich keine Verbesserung feststellen.

Shore und ihr Team sind ermutigt von diesen Ergebnissen – dennoch gibt es noch einiges zu klären: etwa die optimale Dauer der Therapie und die Frage, ob sie sich auch für Menschen eignet, die ihre Ohrgeräusche nicht durch Bewegungen des Kopfes manipulieren können.

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