Tarantel-Gift als Schmerzmittel

Rasmus Cloes
Kann ein Spinnengift bald als Schmerzmittel eingesetzt werden?
Kann ein Spinnengift bald als Schmerzmittel eingesetzt werden? © Fotolia

Australische Forscher wollen ein Schmerzmittel aus dem Gift einer Tarantelart herstellen. Das Ziel: Ein Medikament, das nicht abhängig macht. Es wäre eine medizinische Sensation und könnte Millionen Suchtkranken helfen.

Es waren genau 674 763 665 Packungen von Pillen, Zäpfen, Ampullen, Dragees und sonstigen Mitteln. So viele Schmerzmittel haben niedergelassene Ärzte allein 2012 den knapp 70 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland verschrieben. Statistisch sind das 1,5 Arzneimittel pro Tag pro Person. Hinzu kommen frei verkäufliche Präparate und die Mittel für Privatpatienten. Bezogen auf die zur Schmerzbehandlung aufgewendeten Gelder sprechen Ärzte von einer Epidemie - sie ist nunmehr die teuerste Krankheit des Landes.

Nicht nur für das Gesundheitssystem, auch für den Einzelnen kann das zum Problem werden, denn viele Schmerzmittel machen abhängig. Ein Grund, warum Forscher weltweit nach neuen Substanzen suchen. Der Heilige Gral wäre ein Mittel, dass auch schwerste Schmerzen effektiv blockiert – und dabei nicht abhängig macht und keine Gewöhnungseffekte zeigt, also wirksam bleibt.

 

Schmerzmittel ohne Suchtfaktor

Eine solche Substanz wollen australische Forscher jetzt aus dem Gift der Thrixopelma pruriens, der peruanischen Tarantel, entwickeln – normalerweise eine Substanz, die zu einem äußerst schmerzhaften Tod führt. Die Idee stellten die Wissenschaftler der Universität Queensland gestern beim 60. Treffen der Biophysical Society in Los Angeles vor.

Genauer handelt es sich dabei um die Substanz ProTx-II. Interessant für die Forscher ist sie wegen ihrer Eigenschaft, sich auf neuronaler Ebene an die Zellmembranen zu binden, und dort die Schmerzrezeptoren zu besetzten. Normalerweise führt sie dort zu einer Überreaktion. Diese haben die Wissenschaftler um Teamleiterin Sónia Troeira Henriques in Computersimulationen ins Gegenteil verkehren können. Die Rezeptoren waren blockiert, eine Schmerzreaktion verhindert. Wegen der gezielten Wirkung gehen die Wissenschaftler davon aus, dass das Medikament zwar Schmerzen stoppt, aber zu keiner körperlichen Abhängigkeit führt.

Im nächsten Schritt müsste das Team von Henriques in Tierversuchen die Wirksamkeit des neuen Schmerzmittels nachweisen ­– dann könnte es irgendwann auch beim Menschen angewandt werden.

Gefährliche Pillen: Rund 1,5 Millionen Menschen sind in Deutschland abhängig von Medikamenten
Gefährliche Pillen: Rund 1,5 Millionen Menschen sind in Deutschland abhängig von Medikamenten © Alamy
 

Der gefährliche Teufelskreis der Schmerzmittel

Kopf-, Zahn- oder Rückenschmerzen sind die Hauptgründe, warum wir zu rezeptfreien Schmerzmitteln greifen. Doch Achtung: Wer an mehr als zehn Tagen im Monat ein solches Präparat einnimmt, ist suchtgefährdet! Hintergrund: Die Nerven gewöhnen sich an die dämpfende Wirkung der Medikamente und reagieren ohne den Wirkstoff äußerst empfindlich. Betroffene interpretieren den Schmerz falsch und nehmen erneut die Tabletten ein. Die Folge: Ein Teufelskreis, der sehr schwer, häufig nur mit professioneller Hilfe zu durchbrechen ist. Nach Berechnungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen gibt es in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen, die von Medikamenten abhängig sind.

Wie kommt es zur Schmerzmittel-Abhängigkeit?

„Genau wie bei Alkohol wird das Suchtpotenzial von Medikamenten oft unterschätzt“, warnt Peter Raiser von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Meist sieht man nur den positiven Effekt der Arznei und blendet mögliche Gefahren aus. Das verleitet schnell dazu, Medikamente zu oft, zu lange oder zu hoch dosiert einzunehmen.

Welche Mittel sind gefährlich?

Besonders hoch ist das Abhängigkeitsrisiko bei verschreibungspflichtigen Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Suchtexperte Raiser: „Wird ein Präparat vom Arzt verschrieben, rechnet man zudem oft nicht mit einer möglichen Abhängigkeit.“ Aber auch rezeptfreie Arzneien bergen Risiken, nimmt man sie länger als in der Packungsanleitung angegeben ein, drohen starke Nebenwirkungen.

Gibt es Warnzeichen?

Sucht-Experte Peter Raiser hat dazu vier Punkte zusammengestellt:

1. Die Vorstellung, ohne Tabletten auszukommen, macht nervös.

2. Wer zur Sicherheit heimlich einen Vorrat anlegt.

3. Wenn man die Dosis steigert, weil die Wirkung nachlässt.

4. Der Versuch, die Einnahme vor anderen zu verbergen.

Trifft einer der Punkte zu, sollte man den Verdacht einer Abhängigkeit unbedingt ernst nehmen und mit einem Arzt darüber sprechen.

Soll man Mittel abrupt absetzen?

Hat man sich an einen Wirkstoff gewöhnt, sollte man ihn nicht schlagartig absetzen, da es zu starken Entzugserscheinungen kommen kann. Um das Risiko eines Rückfalls so gering wie möglich zu halten, besser einen Arzt um Hilfe bitten.

Wie kann man eine Abhängigkeit vermeiden?

Medikamente niemals vorsorglich einnehmen. Die maximale Anwendungsdauer sollte nicht überschritten werden. Im Zweifel Apotheker der Arzt befragen. Alternativ: Nach Möglichkeit pflanzliche Medikamente bevorzugen, diese wirken in der Regel sanfter.

Diese Mittel machen schnell süchtig

Abführmittel Die Darmnerven gewöhnen sich mit der Zeit an die stimulierende Wirkung, nach Absetzen droht wieder Verstopfung.

Hustenblocker Verschreibungspflichtige Mittel enthalten oft den Wirkstoff Codein, der wegen seiner stimmungsaufhellenden Wirkung psychisch abhängig machen kann.

Schmerzmittel Nimmt man sie über einen längeren Zeitraum ein, kann als Nebenwirkung ein Dauerkopfschmerz eintreten, dann greift man oft erneut zur Tablette.

Nasenspray Hat es eine abschwellende Wirkung, reagiert die Nasenschleimhaut nach rund einer Woche mit erneutem Schnupfen, sobald Spray oder Tropfen weggelassen werden.

Hamburg, 29. Februar 2016

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