„The Switch“ – das Ende der Kinderlähmung?

Verena Elson
Schluckimpfung in Pakistan
In Pakistan ist Polio noch weit verbreitet. Bisher versuchten Mediziner, die Ausbreitung der Krankheit durch eine Schluckimpfung zu stoppen – jetzt wechselt das Land zu einem neuen Impfstoff, der injiziert wird © gettyimages

Es ist eine nie da gewesene weltweite Aktion, die über Jahre geplant wurde: In 155 Ländern wechseln Mediziner gleichzeitig zu einem neuen Polio-Impfstoff. Ihr Ziel ist die weltweite Ausrottung des Virus. Wie organisiert man ein solches medizinisches Großprojekt?

Am vergangenen Sonntag startete eine weltweit einzigartige Kampagne – seit diesem Tag sind Mediziner in 155 Ländern aufgerufen, die bisherige Schluckimpfung gegen Polio gegen einen neuen Impfstoff auszutauschen. Die Organisatoren gaben der Großaktion den Namen „The Switch“.

Während Polio in Europa bereits seit Jahren als ausgerottet gilt (mit Ausnahme von einzelnen Fällen in der Ukraine 2015), gibt es andere Regionen, in denen die Krankheit noch immer ein großes Problem darstellt. Als endemisch gilt sie in Afghanistan und Pakistan – als Risikogebiete gelten außerdem unter anderem Kamerun, Nigeria, Irak und Somalia. Der Schutz der Bevölkerung dieser Regionen ist das Ziel von „The Switch“.

 

Was war das Problem mit der bisherigen Impfung?

Die vor 60 Jahren entwickelte Schluckimpfung schützt vor den drei Virussträngen des Polio-Virus – wobei Typ 2 des Virus seit einigen Jahren als ausgerottet gilt. Es handelt sich um einen sogenannten Lebendimpfstoff, das bedeutet, er enthält – in sehr kleinen Mengen – abgeschwächte, lebende Erreger des Polio-Virus. Lebendimpfstoffe haben den Nachteil, dass sie in seltenen Fällen Beschwerden auslösen, die der der eigentlichen Krankheit ähneln. Im Fall von Polio sprechen Mediziner von einer sogenannten Vakzine-assoziierten paralytischen Poliomyelitis, die Lähmungen auslösen kann. Solche Fälle sind sehr selten – in den vergangenen zehn Jahren kam es zu 5 Millionen Lähmungen durch Polio und zu nur 725 Lähmungen aufgrund der Impfung. Und dennoch wären die meisten davon vermeidbar gewesen, sagen Experten. Denn zu 90 Prozent wurden sie durch den Typ 2 des Virus im Impfstoff verursacht – also dem Strang des Virus, gegen den eigentlich gar nicht mehr geimpft werden müsste.

Lebendimpfstoffe haben außerdem den Nachteil, dass sie in Gebieten mit schlechten hygienischen Bedingungen die Gefahr eines Ausbruchs erhöhen können. Denn nach der Impfung vermehrt sich das Virus im Darm des Geimpften für eine kurze Zeit – diese Zeitspanne nutzt der Körper, um Antikörper zu bilden und eine Immunität aufzubauen. Während dieses Prozesses enthalten auch die Ausscheidungen des Geimpften das Virus – stehen keine ausreichend hygienischen sanitären Anlagen zur Verfügung, kann es sich so in der unmittelbaren Umgebung ausbreiten.

Ein weiteres Manko des herkömmlichen Impfstoffes: Da er als Schluckimpfung verabreicht wird, ist er bei Durchfall häufig nicht wirksam. In einigen Ländern stellt das häufige Vorkommen von Durchfall bei Kleinkindern ein großes Problem bei der Eindämmung von Polio dar.

 

Wie unterscheidet sich die neue von der bisherigen Impfung?

Die neue Polio-Impfung ist ein Totimpfstoff, der als Injektion verabreicht wird. Er schützt ausschließlich vor den Virustypen 1 und 3. Der Impfstoff ist sicher und so gut wie frei von Nebenwirkungen. In Deutschland werden Kinder bereits seit 1998 nur noch mit dem neuen Impfstoff immunisiert.

 

Wie wird „The Switch“ organisiert?

Der Impfstoff-Wechsel wird von der Initiative „Global Polio Eradication Initiative“ (Globale Polio-Ausrottungs-Initiative) organisiert. Daran beteiligt sind die Weltgesundheitsorganisation (WHO), UNICEF, die US Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und Rotary International (Dachorganisation der Rotary Clubs). Das erklärte Ziel der Initiative ist die weltweite Ausrottung von Polio. An der Erreichung dieses Ziels arbeiten 20 Millionen Freiwillige in 200 Ländern weltweit mit – bisher wurden rund 10 Milliarden US-Dollar investiert.

 

Warum müssen alle Länder gleichzeitig „switchen“?

Da der bisherige Impfstoff lebende Viren von Typ-2-Polio enthält und diese über Ausscheidungen in die Umgebung gelangen können, besteht die Gefahr einer Ausbreitung dieses Virus-Stranges, solange der Impfstoff verwendet wird. Der neue Impfstoff bietet keinen Schutz vor diesem Virustyp – ein zeitversetzter Impftoff-Wechsel in verschiedenen Ländern birgt darum die Gefahr, dass Typ 2 des Poliovirus beispielsweise in Nachbarländer „eingeschleppt“ wird und es dort zu größeren Ausbrüchen kommt. Darum ist es wichtig, dass der Wechsel in den betroffenen Ländern gleichzeitig vonstatten geht.

 

Welche Risiken birgt der Wechsel?

Selbst, wenn „The Switch“ in den 155 Ländern nahezu gleichzeitig vonstatten geht, bleibt dennoch ein Restrisiko von erneuten Ausbrüchen des Typ-2-Viruses. Dazu kann es beispielsweise kommen, wenn einzelne Mediziner trotz eines Verbotes noch Restbestände des alten Impfstoffes aufbrauchen – der Virusstrang könnte so in Umlauf geraten und sich unter Kindern verbreiten, die mit dem neuen Impfstoff  behandelt und somit nicht vor Typ-2-Polio geschützt sind.

Diese Möglichkeit haben die Organisatoren einkalkuliert und sind darauf vorbereitet – beispielsweise mit der Bereitstellung eines speziellen Impfstoffes, der gezielt vor diesem Typ des Virus schützt.

Hamburg, 19. April 2016

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