Studie zeigt: „Waldbaden“ beginnt im Kopf

Verena Elson Medizinredakteurin

Die Sonnenstrahlen tanzen durch das Blätterdach, das Moos unter den Fingern fühlt sich weich und kühl an, in der Luft liegt ein würziger Geruch. Beim Waldbaden tauchen wir ganz in den Wald ein – und das wirkt sich auf unser Stresslevel aus. Dazu reicht es schon aus, sich das Waldbaden vorzunehmen, wie eine neue Studie zeigt.

Waldbaden
Eine Auszeit für die Seele: Beim sogenannten Waldbaden sinkt das Stresslevel nachweislich Foto:  Umkehrer/iStock

Schon der Gedanke an den Wald lässt unser Stresslevel sinken – so lautet eines der Ergebnisse der aktuellen Studie zum Thema Waldbaden von Wissenschaftlern der Universität im italienischen Parma. Das Team durchforstete insgesamt 971 Forschungsartikel, die sich mit dem Effekt von Waldbaden auf das Stresslevel auseinandersetzten. 22 davon berücksichtigten sie schließlich in ihrer Übersichtsarbeit.

 

Was ist Waldbaden?

Waldbaden – eine Übersetzung des japanischen Begriffs shinrin yoku – ist keine neue Erfindung: In Japan wird die Tradition seit Generationen gepflegt. Doch die Entspannungstechnik fasst immer mehr in anderen Teilen der Welt Fuß, auch in Europa hat sich der Trend etabliert. 

Das Ziel beim Waldbaden ist es, in den Wald „einzutauchen“ und ihn mit allen Sinnen aufzunehmen. Die Gedanken gehen nicht auf Wanderschaft, sie bleiben auf den Wald gerichtet. Und auch der „Badegast“ bleibt nicht auf festen Wanderwegen, sondern geht ziellos umher, lässt sich von Pflanzen und Tieren ablenken und legt immer wieder Pausen ein. In Japan ist die „Waldmedizin“ inzwischen eine Branche für sich: Es gibt „Regenerationswälder“ und ein Zentrum für Waldtherapie; Medizinstudenten können sich auf Waldmedizin spezialisieren. Auch in Deutschland machen sogenannte Heilwälder und Waldbadepfade inzwischen Schule.

 

Waldbaden senkt das Stresslevel 

Das Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes hat tatsächlich einen spürbaren Effekt: Bis auf zwei Arbeiten konnten alle Studien belegen, dass Waldbaden den Cortisolspiegel deutlich absinken lässt. Das Stresshormon Cortisol lässt sich im Speichel und im Blut nachweisen, was es zu einem leicht zu ermittelnden Stressindikator macht.

Ein Ergebnis überraschte die Forscher dabei besonders: Die Probanden in den Studien profitierten bereits von einem Cortisol-Abfall, bevor sie den Wald überhaupt betraten. In einer Studie reichte es aus, die Teilnehmer über das Vorhaben zu informieren, um ihr Stresslevel zu senken. Die Forscher sprechen dabei von einem „antizipierten Placebo-Effekt“.

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Alles nur Placebo-Effekt?

„Der antizipierte Placebo-Effekt, der schon beim Planen und Visualisieren der Intervention eintritt, könnte einen wichtigeren Einfluss auf den Cortisolspiegel haben (…) als die tatsächliche Erfahrung von shinrin yoku“, schreiben die Autoren. Ob es tatsächlich ausreicht, sich das Waldbaden nur vorzustellen, kann die Studie nicht beantworten – denn die Probanden gingen alle davon aus, in Kürze wirklich einen Wald zu betreten.

Die italienischen Forscher plädieren für weitere Forschung auf dem Gebiet. Zum einen glauben sie, dass der Wald ein großes, noch weitgehend ungenutztes medizinisches Potenzial hat. Zum anderen weisen sie auf Schwächen einiger der analysierten Studien hin – beispielsweise geringe Probandenzahlen.

Quelle:
Antonelli, Michele, Grazia Barbieri, and Davide Donelli (2019): Effects of forest bathing (shinrin-yoku) on levels of cortisol as a stress biomarker: a systematic review and meta-analysis, in: International journal of biometeorology.

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