Studie entlarvt die häufigsten Schlafmythen

Verena Elson

Wir verbringen etwa ein Drittel unseres Lebens schlafend. Schlaf ist unerlässlich für die Gesundheit: Er sorgt für Regeneration und körperliche sowie geistige Fitness. Wir wissen viel über das Schlafen – doch ein Großteil davon ist Quatsch, wie eine Studie jetzt zeigt.

Ein paar schläft
Um das Schlafen ranken sich unzählige Mythen – eine Studie räumt damit auf Foto:  AleksandarNakic/iStock

Ist es ein gutes oder schlechtes Zeichen, sich an seine Träume zu erinnern? Ist es gesund, jederzeit und überall einschlafen zu können? Auf solche und andere Fragen haben viele von uns eine klare Antwort – und die ist häufig falsch. Das ist kein Wunder, denn die meisten dieser Schlafmythen werden in den Medien immer weiterverbreitet; obwohl sie wissenschaftlich längst widerlegt wurden.  

Das fanden New Yorker Wissenschaftler in einer aktuellen Forschungsarbeit heraus. Die Schlafmythen-Studie wurde in dem Fachblatt „Sleep Health“ veröffentlicht. Die Forscher durchforsteten 8.000 Webseiten auf der Suche nach den häufigsten Schlafmythen. Wir stellen neun Schlafmythen vor, die die Wissenschaftler als besonders gesundheitsgefährdend einstufen.

 

„Erwachsene brauchen fünf oder weniger Stunden Schlaf“

„Das war der gefährlichste aller Schlafmythen, die wir fanden“, sagt Studienautor Girardin Jean-Louis. Optimal ist eine Schlafdauer von sieben bis neun Stunden, einige Menschen sind bereits nach sechs Stunden ausgeruht. Wer regelmäßig deutlich weniger schläft, riskiert jedoch gesundheitliche Folgen. 

„Es gibt umfangreiche Beweise dafür, dass eine regelmäßige Schlafdauer von fünf Stunden oder weniger pro Nacht das Risiko für gesundheitliche Schäden deutlich erhöht, darunter Herzerkrankungen und ein frühzeitiger Tod“, so Studienleiterin Rebecca Robbins. Belegt wurden außerdem Zusammenhäng zwischen Schlafmangel und einem geschwächten Immunsystem, Gewichtszunahme, einer nachlassenden Libido, Angststörungen, Depressionen, Diabetes und Schlaganfall.

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„Wer überall und jederzeit einschlafen kann, hat einen gesunden Schlaf“

Auto, Zug oder Flugzeug setzen sich in Bewegung und sofort fallen die Augen zu: Menschen, die zu jeder Gelegenheit augenblicklich einschlafen, wird häufig ein „gesunder Schlaf“ nachgesagt. Tatsächlich ist das aber ein Zeichen von Schlafmangel, erklärt Robbins: „Überall zu jederzeit einzuschlafen ist ein Zeichen, dass man nicht genug Schlaf bekommt und in ‚Mikroschlaf‘ oder Mini-Schlafepisoden fällt. Es heißt, dass der Körper so erschöpft ist, dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit anfängt, seine Schlafschuld zurückzuzahlen.“

 

„Schnarchen ist zwar nervig, ist meist aber harmlos“

Schnarchen kann auf ernsthafte gesundheitliche Probleme hindeuten. Laute Schnarchgeräusche, unterbrochen von Pausen in der Atmung, deuten auf eine Schlafapnoe hin. „Schlafapnoe ist extrem anstrengend“, erklärt Robbins. „Wenn diese Patienten schlafen, wachen sie immer wieder auf; dann müssen sie den ganzen Tag über gegen den Schlaf ankämpfen, weil sie so erschöpft sind. Sie ist auch sehr unterdiagnostiziert. Wir glauben, sie betrifft rund 30 Prozent der Bevölkerung und nur zehn Prozent haben die Diagnose“.

 

„Ein alkoholischer Schlummertrunk hilft beim Einschlafen“

Alkohol mag beim Einschlafen helfen – doch insgesamt verschlechtert er die Schlafqualität „dramatisch“, so die Forscher. Der alkoholische Schlummertrunk sorgt dafür, dass wir gleichsam im leichten Schlaf „gefangen“ sind und keinen tiefen, regenerierenden Schlaf abbekommen. Das Ergebnis: Am nächsten Morgen fühlen wir uns unausgeruht und gerädert. 

 

„Mit geschlossenen Augen im Bett liegen ist genauso erholsam wie schlafen“

Wer stundenlang nicht einschlafen kann und die halbe Nacht wach liegt, hört am nächsten Morgen häufig die wohlgemeinten Worte: „Aber du hast dich ja trotzdem ausgeruht.“ Das ist falsch, sagen die New Yorker Forscher. Der Körper braucht „echten“ Schlaf, um sich zu regenerieren. Wer eine Viertelstunde lang nicht einschlafen kann, sollte das Bett verlassen und etwas möglichst Stumpfsinniges tun, rät Robbins: „Lassen Sie das Licht gedämmt und legen Sie Socken zusammen.“

 

„Es ist egal, zu welcher Tageszeit wir schlafen“

„Wir empfehlen einen regelmäßigen Schlafrhythmus, denn er kontrolliert das, was wir die innere Uhr oder den Biorhythmus des Körpers nennen“, sagt Jean-Louis. „Dieser kontrolliert alle Hormone, die Körpertemperatur, Essverhalten und Verdauung.“

Gerät die innere Uhr in Konflikt mit der äußeren Welt – schlafen wir etwa, wenn es draußen taghell ist – fühlen wir uns schnell desorientiert, haben „Nebel im Kopf“ und sind schläfrig, wenn wir mentale Höchstleistungen bringen sollen.

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„Fernsehen im Bett hilft beim Entspannen“

Zwei Folgen der Lieblingsserie vor dem Einschlafen: Das klingt nach gemütlicher Entspannung, ist aber in Wahrheit Gift für unseren Schlaf – genauso wie alle anderen Bildschirme wie etwa der des Laptops oder Smartphones. „Diese Geräte geben blaues Licht ab, und dieses blaue Licht ist das, was unserem Gehirn am Morgen den Befehl gibt, wach und aufmerksam zu sein“, erklärt Robbins. Blaues Licht hemmt die Produktion des Schlafhormons Melatonin; das führt dazu, dass wir später einschlafen.

 

„Die Schlummertaste zu drücken, ist okay – ein bisschen länger liegen bleiben schadet nicht.“

Nur noch fünf Minuten: Wer kann schon der Versuchung widerstehen, auf die Schlummertaste zu drücken? Der Kraftaufwand würde sich lohnen, so die Forscher. Denn nach jedem Drücken der Taste fallen wir zurück in einen leichten Schlaf. Werden wir ein paar Minuten später wieder geweckt, werden wir mitten aus dieser Schlafphase gerissen – und das wieder und wieder, je länger wir uns vor dem Aufstehen drücken. Nach dem Aufstehen fühlen wir uns dann nicht etwa erholter, weil wir länger im Bett lagen – sondern erschöpfter, weil wir so oft aus dem Schlaf gerissen wurden. Ein Tipp der Forscher, um den Weg aus der Schlummerfalle zu finden: den Wecker auf die andere Seite des Raumes stellen und sich so selbst zum Aufstehen zwingen.

 

„Sich an seine Träume zu erinnern ist ein Zeichen für einen guten Schlaf“

„Das ist ein Mythos, denn jeder von uns erlebt vier bis fünf Träume pro Nacht“, so Jean-Louis. „Wir erinnern uns nicht daran, weil wir nicht aufgeweckt wurden und unser Schlaf nicht unterbrochen wurde.“ Wer sich häufig an seine Träume erinnert, wacht im Schnitt tatsächlich öfter auf und ist empfindlicher gegenüber Störfaktoren wie Geräuschen in der Nacht. Der sprichwörtliche „traumlose“ Schlaf ist also tatsächlich besser – er weist darauf hin, dass wir durchgeschlafen haben, ohne unterbrochen zu werden. 

Quelle:
Robbins, R. et al. (2019): Sleep myths: an expert-led study to identify false beliefs about sleep that impinge upon population sleep health practices, in: Sleep Health.

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