Streptokokken, Chlamydien und Meningitis – die Macht der Keime

Scharlach wird durch Streptokokken ausgelöst.
Scharlach wird durch Streptokokken ausgelöst. Wird eine Scharlach-Erkrankung nicht oder nicht ausreichend lange mit einem Antibiotikum behandelt, kann das Herz irreparable Schäden davon tragen © Fotolia

Wenn Bakterien im Körper eine Entzündung auslösen, wird meistens alles gut: Das Immunsystem bekämpft und beseitigt die Krankheitserreger. Doch jetzt warnen neue Studien: Unerkannte Entzündungen können langfristig Alzheimer, Infarkte und Krebs verursachen.

Beim Holzfällen jagt sich der 23-jährige Howard Hopkins einen Splitter in die linke Hand. Der Beginn einer tragischen Ereigniskette, wie Wissenschaftler der Universität Toronto später rekonstruieren. Denn mit dem winzigen Holzspänchen gelangen aggressive Streptokokken in den Körper von Howard Hopkins. Über die Blutbahn wandern sie ins Herz. Acht Monate später wird Hopkins mit drohendem Herzversagen in die Uniklinik von Toronto eingeliefert. Der Herzmuskel hatte sich entzündet…

 

Entzündungen sind der erste Verteidigungs-Reflex gegen Infektionen

Herzversagen durch einen Holzsplitter, Darmkrebs nach einer kleinen Fußverletzung? Was nach Sensationsmeldung klingt, ist medizinische Realität. Immer öfter decken Ärzte jetzt eindeutige Zusammenhänge zwischen Entzündungsherden im Körper und so schwer wiegenden Erkrankungen wie Alzheimer, Krebs, Rheuma und Infarkten auf. Offenbar wurden Gefahren, die von einfachen Entzündungen im Organismus ausgehen, bislang unterschätzt. "Entzündungen sind der erste Verteidigungs-Reflex gegen Infektionen", sagt Professor Franz Daschner von der Uniklinik Freiburg. "Werden sie chronisch, können sie sich zu einem tödlichen Risiko entwickeln."

Normalerweise sind Entzündungen eine lebensrettende Einrichtung – die Feuerwehr unseres Körpers, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn Bakterien oder Viren unseren Organismus angreifen. Doch was passiert, wenn diese Eliteeinheit versagt oder außer Kontrolle gerät? Es gibt zwei Szenarien, die Entzündungen zu tickenden Zeitbomben machen:

1. Die erfolglose Verteidigung. Keime werden nicht sofort beim Eindringen erfolgreich bekämpft und breiten sich weiter aus, befallen innere Organe.

2. Die Verselbstständigung einer Entzündung. "Genetische Dispositionen, hoher Blutdruck, aber auch Gifte wie Nikotin können dazu führen, dass entzündliche Prozesse ein riskantes Eigenleben entwickeln – und dann wird es gefährlich", sagt Dr. Peter Libby (Leiter der Kardiologie des Brigham Hospital, Boston). Der entzündliche Prozess, der eigentlich einen Infekt bekämpfen soll, weitet sich aus. Das Immunsystem wird so selbst zur Bedrohung für den Körper, den es eigentlich schützen soll.

 

90 Prozent der Alzheimerkranken weisen Chlamydien im Gehirn auf

Gerade in jüngster Vergangenheit haben die Todesfälle des Kameruner Fußball-Nationalspielers Marc-Vivien Foé und des 23-jährigen französischen Radprofis Fabrice Salanson zu Beginn der Deutschlandtour gezeigt, dass selbst Erkältungen eine lebensbedrohliche Entzündung des Herzmuskels auslösen können. Wissenschaftler haben inzwischen allein ein Dutzend Mikroorganismen gefunden, die das Herz schädigen können. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht weitere Studien zur verhängnisvollen Auswirkung chronisch entzündlicher Herde im Körper veröffentlicht werden. Das Neueste: Sogar Fettsucht wird in vielen Fällen – so Prof. Richard Atkinson von der Uni Wisconsin – durch Infektionen mit dem Adenovirus Ad-36 ausgelöst. Und Dr. Alan Hudson von der Wayne State University in Detroit verdanken wir die Entdeckung, dass 90 Prozent der Alzheimerkranken Chlamydien im Gehirn aufweisen, die eine Entzündung auslösen, an der ein spezielles Gen namens APOE e4 Allel beteiligt ist. Die Folge: Totalverlust der geistigen Fähigkeiten.

US-Mediziner Dr. Peter Libby ist überzeugt: "Falls es gelingt, noch wirksamere Entzündungshemmer zu entwickeln, hätten wir auch eine Waffe gegen viele tödliche Erkrankungen." Schon heute gibt es eine Reihe von Medikamenten, die diese gefährlichen Entzündungen ausbremsen. Aber: Nur bei bakteriellen Infekten greifen Antibiotika. Zur Vorbeugung bewährt hat sich vor allem eine Vitamin-Kombination aus A, C, E und Beta-Carotin (Apo. ) – und Zahnseide. Denn: Mundhygiene ist eine der wichtigsten Prophylaxe-Maßnahmen. Schließlich gilt Parodontitis als Hauptauslöser für Entzündungen im Mund- und Rachenbereich. Und noch etwas haben US-Forscher entdeckt: Aspirin ist ein hervorragender Entzündungshemmer, schützt vor Herzmuskelentzündungen und Infarkten – und offenbar sogar vor Alzheimer.

 

Entzündungen – hier sind sie besonders gefährlich

 

Streptokokken – die Herzkiller

Jede Scharlacherkrankung oder Mandelentzündung kann das Herz irreparabel schädigen. In den meisten Fällen wird der Infekt durch Streptokokken ausgelöst – Bakterien, die als besonders aggressiv eingestuft werden. Bei Verdacht sofort einen Rachenabstrich machen lassen. Schutzmaßnahme: Antibiotika.

 

Meningitis durch Schnupfen

Eine nicht auskurierte Nebenhöhlen- oder Mittelohrentzündung ist gefährlicher als bisher angenommen. Unbehandelt können die Staphylokokken bis ins Gehirn hochwandern, dort eine lebensgefährliche Meningitis verursachen. Therapie: Sekretlöser plus Antibiotikum.

 

Schlaganfall durch Magenkeime

Mediziner haben entdeckt: Der Magenkeim Helicobacter pylori ist nicht nur für die Entstehung von Gastritis und Krebs verantwortlich ist – er gilt sogar als Risikofaktor für Schlaganfälle. Aufspüren kann man ihn mit einem Atemtest. Therapie: Säureblocker plus zwei Antibiotika.

 

Wenn Schnitzel Rheuma auslöst

Yersinien tummeln sich in unsauberem Trinkwasser und nicht einwandfreiem Schweinefleisch. Bei den meisten Menschen lösen die Bakterien nur einen heftigen Magen-Darm-Infekt aus. Sie können aber auch die Gelenke befallen und dort äußerst schmerzhafte rheumatische Entzündungen auslösen. Therapie: mehrwöchige Gabe hochdosierter Antibiotika.

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.