Stockholm-Syndrom: Wenn Opfer mit Tätern sympathisieren

Redaktion PraxisVITA

Das Stockholm-Syndrom gibt Rätsel auf. Wie kann es sein, dass Geiseln mit Tätern sympathisieren? Über das bekannte Phänomen kursieren viele falsche Annahmen. Manche Experten bezweifeln gar seine Existenz.

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Das Stockholm-Syndrom ist wissenschaftlich noch kaum erforscht Foto:  iStock/adl21
Inhalt
  1. Was ist das Stockholm-Syndrom?
  2. Das Wichtigste in Kürze
  3. Woher kommt der Name "Stockholm-Syndrom"?
  4. Geiselnahme als Trauma
  5. Die Psychologie hinter dem Syndrom
  6. Zweifel am Stockholm-Syndrom
 

Was ist das Stockholm-Syndrom?

Kaum ein Film oder Roman über Geiselnahmen kommt ohne das Stockholm-Syndrom aus. Denn es schockiert und fasziniert zugleich. Opfer entwickeln dabei unter Umständen Sympathien für die Täter. Das kann so weit führen, dass sie ihren Peinigern helfen, sich in sie “verlieben” oder gar die Seite wechseln.

So jedenfalls lautet die weit verbreitete Meinung über das bekannte Phänomen. Hinter dieser extremen Wahrnehmungsverzerrung steckt jedoch ein komplexer Schutzmechanismus. Einige Experten bezweifeln aber, dass es das Stockholm-Syndrom überhaupt gibt.

 

Das Wichtigste in Kürze

  1. Das Stockholm-Syndrom beschreibt positive Gefühle, die Opfer gegenüber Geiselnehmern oder Kidnappern entwickeln.
  2. Es ist kein Syndrom im eigentlichen Sinn. Syndrome sind Kombinationen von Symptomen, die helfen können, eine Erkrankung zu diagnostizieren.
  3. Das Stockholm-Syndrom ist keine anerkannte Erkrankung. Manche Experten bezweifeln seine Existenz.
  4. Grundvoraussetzung ist, dass Täter und Opfer sich vorher nicht kannten. Häufig werden auch Gewaltfälle innerhalb von Familien oder generell irrationale Sympathien so bezeichnet. Das führt zu einer "Verwässerung" des Ausdrucks.
  5. Das Phänomen wird fälschlicherweise auch als "Helsinki-Syndrom" bezeichnet.
  6. Zu den bekanntesten Fällen zählen unter anderem die Entführungsopfer Patty Hearst aus den USA und Natascha Kampusch aus Deutschland.
 

Woher kommt der Name "Stockholm-Syndrom"?

Der Begriff wurde von dem schwedischen Psychologen Nils Bejerot (1921–1988) geprägt. Der Professor für Sozialmedizin lehrte am Karolinska Institut, an dem der Träger des Nobelpreises für Medizin bestimmt wird.

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Er hatte die Polizei 1973 während des Überfalls auf eine Bank in Stockholm beraten. Der Raubzug ging als “Geiselnahme am Norrmalmstorg” in die Geschichtsbücher ein. Der einschlägig vorbestrafte und schwer bewaffnete Kriminelle Jan-Erik Olsson hatte am 23. August die Kreditbank gestürmt.

Er nahm vier Menschen als Geiseln. Olsson forderte Geld und die Freilassung eines befreundeten Häftlings. Der Polizei gelang es erst nach sechs Tagen, den Täter zu überwältigen und die Geiseln körperlich unverletzt zu befreien. Der Fall erregte viel öffentliche Aufmerksamkeit. Olsson schoss während der Geiselnahme wiederholt um sich.

Als das Einsatzkommando versuchte, ihn durch das Einleiten von Gas außer Gefecht zu setzen, legte er den Geiseln Schlingen um den Hals und drohte mit ihrer Ermordung, wie Bejerot später berichtete. Olsson war also mitnichten ein “Gentleman-Täter”. Trotzdem entwickelten seine Geiseln Zuneigung für ihn. Sie sollen um Gnade für ihn gebeten und Olsson im Gefängnis besucht haben. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt.

 

Geiselnahme als Trauma

Das Stockholm-Syndrom ist zwar weithin bekannt, wissenschaftlich allerdings kaum erforscht. Ein Grund dafür ist der Umstand, dass Geiseln nach der Freilassung ausführliche Vernehmungen erspart werden sollen oder sie dazu schlicht nicht in der Lage sind. Das gaben David Alexander und Susan Klein 2009 im “Journal of the Royal Society of Medicine” zu bedenken.

Die zwei Wissenschaftler vom Aberdeen Centre for Trauma Research an der Robert Gordon University in Schottland verglichen den psychologischen Effekt einer Geiselnahme mit dem eines Terroranschlags oder einer Naturkatastrophe. Ein solches Trauma könne sich bei Erwachsenen auf drei Ebenen manifestieren:

  1. Geistig: zum Beispiel Verwirrung, Verdrängung, Erregung (Kampf-oder-Flucht-Reaktion)
  2. Emotional: zum Beispiel Schock, Angstzustände, Taubheit/Dissoziation, Schuldgefühle
  3. Sozial: Rückzug, Gereiztheit, Verleugnung

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Die Traumaexperten führten zwei extreme Reaktionen an, die an das Stockholm-Syndrom erinnern. Bei der “psychologischen Infantilität” zeigen Betroffene dem Geiselnehmer gegenüber eine extreme Abhängigkeit und Anhänglichkeit.

Hält eine Gefangenschaft lange an, könne es zu einer “erlernten Hilflosigkeit” kommen. Bei der seien Opfer davon überzeugt, durch nichts ihre Lage verbessern zu können.

 

Die Psychologie hinter dem Syndrom

Alexander und Klein beschreiben das Stockholm-Syndrom als psychologischen Schutzmechanismus. Er habe in vielen Fällen Geiseln dabei geholfen, extrem gefährliche Situationen zu überleben. Das Phänomen sei aber kein Automatismus.

Manche Geiseln bleiben auch nach Tagen den Tätern gegenüber feindselig eingestellt oder versuchen, sich durch Flucht zu befreien, so die Wissenschaftler. Ihrer Ansicht nach können diese Faktoren das Auftreten der Wahrnehmungsverzerrung begünstigen:

  1. Eine längere Dauer unter starker Anspannung
  2. Wenn Täter und Opfer unter den gleichen Einschränkungen leiden (etwa Nahrungsmangel)
  3. Wenn Todesdrohungen nicht wahrgemacht werden
  4. Wenn Geiseln bei grundlegendsten Bedürfnissen von den Tätern abhängig sind
  5. Geiseln "entmenschlichen" ihre Opfer nicht, Täter und Geiseln können Kontakt pflegen
 

Zweifel am Stockholm-Syndrom

Alexander und Klein kommen trotz aller Feststellungen zu dem Schluss, dass die Datenbasis bislang nicht ausreicht, um das psychologische Phänomen besser zu verstehen und Opfern effektiver bei der Bewältigung des Traumas zu helfen. Ob es diesen Zustand überhaupt gibt, ist unter Wissenschaftlern umstritten.

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“Stockholm-Syndrom: psychiatrische Diagnose oder urbaner Mythos?”, fragte 2007 ein Artikel im Fachmagazin “Acta Psychiatrica Scandinavica”. Forscher von der Londoner Royal Free Hospital Medical School (mittlerweile die UCL Medical School) hatten dafür zwölf Untersuchungen zum Thema ausgewertet. Ihr Fazit: Es lassen sich keine Kriterien für eine verlässliche Diagnose herausfiltern.

Berichte über aufsehenerregende Fälle zeigten zwar häufig Parallelen (wie eben das Entwickeln von Sympathien für die Täter). Dies könnte aber daran liegen, dass die Berichterstattung durch die verbreiteten Vorstellungen vom Stockholm-Syndrom verfälscht wird, wie die Forscher zu bedenken gaben.

Quellen:

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