Stendhal-Syndrom: Wieso man Kunst manchmal zum Kotzen findet

Redaktion PraxisVITA
Der Tatort Fakten-Check
Im aktuellen Tatort litt der Bösewicht an einer exotischen Kultur-Krankheit © ARD

Der Bösewicht im neuen Tatort „Im Schmerz geboren“ leidet unter dem sogenannten Stendhal-Sydrom. Das heißt: Ein Museumsbesuch kann für ihn erste Folgen haben. Welche das genau sind? Hat Praxisvita für Sie recherchiert.

Beim Stendhal-Syndrom handelt es sich um eine psychosomatische Störung und ist – bevor diesbezüglich Fragen aufkommen – entsprechend nicht ansteckend. Aus medizinischer Sicht steht das Auftreten des Stendhal-Syndroms in engem Zusammenhang mit sogenannten kulturellen Reizüberflutungen.

Neben Gemälden, Statuen oder Kupferstichen können also auch besonders schöne Schlösser, Plätze oder Gartenanlagen zu einem – im wahrsten Sinne des Wortes ­– Kulturschock führen. Bricht das Stendhal-Syndrom aus, leiden die Betroffenen unter Wahn- und Angstzuständen.

 

Stendhal-Syndrom: Wer ist betroffen?

Studien haben gezeigt, dass es bestimmte Risikogruppen gibt, die am Stendal-Syndrom erkranken. Der typische kulturgeschockte Patient ist zwischen 26 und 40 Jahre alt, ist als Tourist in einem fremden Land unterwegs wurde in den USA oder Nordeuropa geboren. Überdies ist auffällig, dass rund 50 Prozent der Betroffenen schon einmal in psychologischer Behandlung waren, bevor das Stendhal-Syndrom auftrat.

 

Stendhal-Syndrom: Ein Kunstbuch ist nicht gefährlich

Voraussetzung für eine solche kulturelle Reizüberflutung ist, dass der Kultureindruck geballt auftritt und plastisch – also greifbar – ist. Das Aufschlagen eines Kunstbuches ist also nach wie vor als gesundheitlich unbedenklich einzustufen. Auch Musik, Gesang oder Gedichte stehen – vor allem im Zusammenhang mit einem kulturgeladenen Umfeld, wie z.B. Theater oder Opernhäuser  – im Verdacht Krankheitsschübe des Stendhal-Syndroms auslösen zu können.

 

Was ist, wenn ich das Stendhal-Syndrom habe?

Das Stendhal-Syndrom wird in der Forschung in drei symptombezogene Krankheitsformen unterteilt. Patienten, die an der ersten Form des Stendhal-Syndroms erkranken, leiden unter Wahrnehmungsstörungen und Halluzinationen. Zudem falle das Denken schwer. Betroffene verfallen in wahnhafte Stimmungen und schwere Schuldgefühle, die auch depressive Verstimmungen auslösen können.

Menschen, die der zweiten Krankheits-Kategorie zugeordnet werden, leiden an schweren Stimmungsschwankungen und neigen – zum Teil gleichzeitig – zu Allmachts-Fantasien und einer tiefen Bekümmertheit darüber, dass der Mensch als Individuum belanglos ist, im angesichts der Vielfalt und Schönheit geballter Kultureindrücke.

Die dritte Gruppe klagt in der Regel über Panikattacken, die einhergehen mit erhöhtem Blutdruck, Ohnmachtsanfällen, Bauchschmerzen und Krämpfen.

 

Stendhal-Syndrom: Und wer hat’s erfunden?

Erstmals umschrieben wurde das Stendhal-Syndrom 1817 von dem französischen Schriftsteller Marie-Henri Beyle – bekannt unter dem Künstlernamen Stendhal – in einem Bericht über eine Reise nach Florenz. Der Kultur liebende Mann beschrieb seinen Zustand als wahnhaft. Kein klarer Gedanken wollte ihm gelingen.

Wissenschaftlich wurde das Krankheitsbild des Stendhal-Syndroms von der italienischen Psychologin Graziella Magherini definiert, die es auch nach Stendhal benannte. Ab 1979 untersuchte sie Krankheitsfälle in Florenz, die auf die Symptomatik des Stendhal-Syndroms zutrafen. 1989 veröffentlichte sie schließlich das Buch „La Sindrome di Stendhal“, wodurch die Krankheit auch in der Öffentlichkeit bekannt wurde. 

Auch wenn das Stendhal-Syndrom von Graziella Magherini medizinisch sicher nicht auf Florenz beschränkt ist, bleibt aber fraglich, ob ein krankhafter Kulturschock – wie im Falle des Tatorts „Im Schmerz geboren“ – tatsächlich in der südhessischen Stadt Wiesbaden auftreten kann.

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