"Starker Durst – könnte mein Kind Diabetes haben?"

Kinderärztin Dr. Nadine Hess klärt über Haemophilus influenzae auf
Expertin Dr. Hess: „Ist niemand in der Familie betroffen, werden erste Warnsymptome wie starker Durst oft übersehen und die Diagnose erst gestellt, wenn das Kind schon schwere Blutzuckerentgleisungen aufweist.“ © privat

Die Frage hört man als Kinderarzt immer wieder. Wann kann starker Durst wirklich auf Diabetes hinweisen? Was sind weitere Symptome? Was ist Diabetes eigentlich und was ist der Unterschied zwischen Typ 1 und Typ I2? Kinderärztin Dr. Nadine Hess klärt auf.

Weitere  – unproblematische – Gründe für gesteigertes Trinkverlangen sind beispielsweise erhöhter Flüssigkeitsverbrauch – im Sommer, wenn es sehr warm ist, wenn man Fieber hat oder sich intensiv körperlich betätigt. Aber wann kann starker Durst wirklich auf Diabetes hinweisen? Was sind weitere Symptome? Was ist Diabetes eigentlich und was ist der Unterschied zwischen Typ 1 und Typ 2?

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

Grob gesagt, liegt bei Diabetes mellitus ein Ungleichgewicht zwischen dem Blutzuckerspiegel und der Insulinausschüttung vor. Insulin ist ein Hormon, das im Pankreas (=Bauchspeicheldrüse) produziert wird und die Aufnahme von Zucker in die Zellen bewirkt, also den Blutzuckerspiegel senkt. Der Zucker wird dann in den Zellen gespeichert und bei Bedarf später wieder freigesetzt.

 

Diabetes Typ 1 und Typ 2

Dicke Kinder haben ein erhöhtes Diabetes-Risiko
Bei Kindern oder Heranwachsenden mit Übergewicht ist das Diabetes-Risiko erhöht. Darum sollte der Kinderarzt darauf achten, immer mal wieder den Zuckerstoffwechsel zu überprüfen© Fotolia

Diabetes mellitus (=Zuckerkrankheit) wird in zwei Formen aufgeteilt – Typ 1, der in der Regel familiär gehäuft vorkommt, also vererbt ist und bereits im Kindesalter manifest wird. Es besteht ein absoluter Insulinmangel. Durch immunologische oder bislang noch unbekannte Vorgänge werden die Inselzellen des Pankreas zerstört und es kann kein oder viel zu wenig Insulin produziert werden. Beim Diabetes mellitus Typ 2 liegen in der Regel mehrere Ursachen nebeneinander vor – Hyperinsulinismus (dauerhaft vermehrte Ausschüttung von Insulin), relativer Insulinmangel und Resistenz der Insulinrezeptoren. Diabetes mellitus Typ 2 wird auch „Altersdiabetes“ genannt, dies ist allerdings nicht korrekt. Zwar erkranken insbesondere ältere, meist fettleibige Menschen an dieser Diabetesart, aber im Zuge der zunehmenden Zahl an übergewichtigen Jugendlichen kommt Diabetes mellitus Typ 2 auch bei Kindern und Heranwachsenden vor. Und leider immer häufiger.[1]

 

Warnsymptome wie starker Durst werden oft übersehen

Die Symptome für einen Diabetes mellitus Typ 1 entwickeln sich meistens schleichend. Den Eltern fällt auf, dass ihr Kind in den letzten Wochen deutlich mehr trinkt als vorher, trotz vermehrten Appetits kein Gewicht zugenommen oder sogar abgenommen hat. Viele Kinder klagen auch über Bauchschmerzen, sind müder und weniger leistungsfähig. Der typische Acetongeruch (ähnlich wie Nagellackentferner: süßlich-fruchtig) tritt normalerweise erst auf, wenn es zu einer höhergradigen Entgleisung des Blutzuckerstoffwechsels gekommen ist, der Blutzuckerwert im Blut also schon gefährlich hoch ist. Dann drohen Bewusstseinstörungen, schwerste Dehydratationen und schlimmstenfalls besteht Lebensgefahr.

Da Diabetes mellitus Typ 1 oft genetisch bedingt ist und somit meist andere Familienmitglieder auch betroffen sind, sind die Eltern aus diesen Familien in der Regel hellhöriger und suchen den Kinderarzt eher auf, so dass die Diagnose schnell gestellt und eine Therapie begonnen werden kann. Ist niemand in der Familie betroffen, werden erste Warnsymptome wie starker Durst oft übersehen und die Diagnose erst gestellt, wenn das Kind schon schwere Blutzuckerentgleisungen aufweist – meist  landen diese Kinder als Notfall im Krankenhaus. Dort muss dann mit Hilfe von Infusionen langsam das Flüssigkeitsdefizit ersetzt und der Blutzuckerspiegel gesenkt werden.

 

Diagnose Diabetes beim Kind – worauf muss ich jetzt achten?

Anschließend müssen Kinder und Eltern umfangreich geschult werden, damit sie mit der Erkrankung umgehen und die Insulintherapie sicher durchführen können. Das ist zu Beginn gar nicht so einfach, mit der Zeit gewöhnen sich aber alle Beteiligten daran und wird mehr oder weniger zur Normalität.

Bei Diabetes mellitus Typ 2 ist eine echte Stoffwechselentgleisung mit allen Gefahren und Symptomen seltener, die Symptome insgesamt subtiler. Bei Kindern oder Heranwachsenden mit Übergewicht sollte der Arzt darum darauf achten, immer mal wieder den Zuckerstoffwechsel zu überprüfen. Sind die Blutzuckerwerte dauerhaft zu hoch und besteht ein Diabetes mellitus Typ 2, unterscheidet sich die Behandlung von der des Typ 1. Manchmal kann bereits nur durch Ernährungsumstellung, Gewichtsabnahme und Sport der Blutzuckerspiegel dauerhaft in den Normbereich gebracht werden. Wenn das nicht ausreicht, können Tabletten (Metformin) helfen, in einigen Fällen muss aber auch Insulin gespritzt werden.


[1] Reinehr Th., World J Diabetes 2013: Type 2 diabetes mellitus in children and adolescents. Dec. 15; 2013; 4(6):270-81.).

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