Sprachstörung: Zum zweiten Mal Sprechen lernen

Ein Schlaganfall kann Schuld sein, dass Sie später unter Sprachstörungen leiden
Ein Schlaganfall kann Schuld sein, dass Sie später unter Sprachstörungen leiden. Eine Sprachheiltherapeutin kann Ihnen helfen wieder die richtigen Worte zu finden. © shutterstock

Ein Schlaganfall kann Schuld sein, dass Sie später unter Sprachstörungen leiden. Eine Sprachheiltherapeutin kann Ihnen helfen wieder die richtigen Worte zu finden.

Es war ein Sonntagmorgen, als es passierte. Claudia B. saß mit ihrem Mann beim Frühstück und wollte gerade in ihr Brötchen beißen. Doch plötzlich, von einem Moment auf den anderen, wurde ihr schwindelig. Schlimmer noch: Sie sah auf einmal alles doppelt! Und dann die Panik, als sie versuchte, ihren Mann anzusprechen. Nur ein Stammeln brachte die 72-Jährige hervor, denn sie hatte keine Kontrolle mehr über ihre Lippen. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, erinnert sie sich. Nur ein Wort war in meinem Kopf: Schlaganfall! Sie wusste: Jetzt kam es auf jede Minute an! Zum Glück erfasste auch ihr Mann sofort die gefährliche Situation und rief den Krankenwagen.

 

Was sie sagte, war kaum zu verstehen

Claudia hatte Glück im Unglück. Die Ärzte fanden zwar tatsächlich ein Blutgerinnsel in ihrem Kopf, das den Schlaganfall ausgelöst hatte. Da sie jedoch schnell genug ins Krankenhaus gekommen war, schlug die Behandlung sofort an. Mit Hilfe entsprechender Medikamente konnte das Gerinnsel aufgelöst werden. In den Wochen darauf erholte sich die Rentnerin langsam wieder. Die Bewegungsstörungen im Bein und beiden Armen bekam sie gut in den Griff. Zu ihrer Verzweiflung jedoch blieb ihre Sprache stark beeinträchtigt. Was ich sagte, war kaum zu verstehen, erinnert sich Claudia. Ich sprach wie ein Roboter. Abgehackt, schwerfällig, verwaschen es war schrecklich!

 

Die Logopädin half Schritt für Schritt

Von ihrem Neurologen erfuhr die Rentnerin, dass es bei etwa jedem dritten Schlaganfallpatienten zu einer Sprachstörung einer sogenannten Aphasie kommt. Der Grund: Das Sprachzentrum im Gehirn erleidet während des Infarkts einen Schaden, der schwer rückgängig zu machen ist. Oft muss die Sprache ganz neu erlernt werden, und das braucht Zeit.

Der behandelnde Arzt überwies Claudia an eine Logopädin, also eine Spezialistin für die Behandlung von Sprachstörungen. In diesem Fall handelte es sich sogar um eine Therapeutin, die auf die Folgen eines Schlaganfalls spezialisiert war. Zunächst testete sie Claudias Wortschatz. Dann überprüfte sie, inwieweit die 72-Jährige noch in der Lage war, grammatikalische Regeln anzuwenden ob sie Verben in der richtigen Form benutzen und Wörter in die richtige Satzreihenfolge bringen konnte. Gelegentlich müssen Betroffene sogar ganz neu das Lesen und Schreiben lernen. Und schließlich testete die Therapeutin, ob Claudia noch in der Lage war, die richtigen Wörter aus dem Gehirn abzurufen. Denn häufig kennen Schlaganfallpatienten zwar die richtigen Ausdrücke für bestimmte Gegenstände. Nur fallen sie ihnen nicht immer spontan ein. Aus den Testergebnissen stellte die Logopädin ein individuelles Übungsprogramm für Claudia zusammen. Im Vordergrund steht immer die Frage: Was braucht der Patient im Alltag?, erklärt die Hamburger Logopädin Ina Lippold. Wir erarbeiten auch Möglichkeiten, Wörter zu umschreiben, wenn einem das richtige gerade nicht einfällt.

 

Pro Woche drei Unterrichtsstunden

In der Praxis gab man Claudia die Zeit, die sie brauchte. Denn auch wenn eine logopädische Behandlung in der Regel zu erheblichen Verbesserungen führt, so ist doch viel Geduld und Disziplin nötig. Denn üblicherweise vergehen einige Monate, bis ein Patient die Sprache wieder neu erlernt hat. Es kommt immer auf die Schwere des Schlaganfalls, das Alter des Patienten und die Einlieferungszeit ins Krankenhaus an, so die Logopädin Ina Lippold. Doch wer sich direkt nach dem Vorfall logopädisch behandeln lässt und dies auch in den folgenden Monaten zwei- bis dreimal pro Woche einhält, hat gute Chancen, wieder verständlich kommunizieren zu können.

 

Behandlung dauert mehrere Monate

Claudia arbeitete Woche für Woche hart daran, sich wieder mitteilen zu können. Noch spricht sie nicht so deutlich wie vor dem Schlaganfall. Doch sie hat gute Fortschritte gemacht und kann sich mit Freunden und Verwandten wieder ohne Probleme austauschen. Ich habe meine Sprache zurückerhalten, sagt sie. Und mein Selbstbewusstsein!

 

Das hilft Menschen mit Sprachstörungen

Nach einem Schlaganfall kommt es häufig zu einer Sprachstörung (Aphasie). Betroffene brauchen dann die Unterstützung ihres Umfelds. Angehörige und Freunde sollten vor allem viel Geduld aufbringen und einige Tipps dabei beachten:

  • Zuhören bedeutet: Warten! Helfen Sie nicht zu früh mit Wortvorschlägen. Das bringt einen Aphasiker häufig aus dem Konzept.
  • Versuchen Sie, sich in den Kranken einzufühlen. Haben Sie wirklich verstanden, was er sagen wollte?
  • Stellen Sie möglichst keine offenen Fragen. Anstelle von Was möchtest du essen? sollten Sie lieber konkrete Vorschläge machen und auf ja oder nein warten.
  • Sagen Sie auf keinen Fall: Konzentrier dich! Denn Konzentration hilft nicht. Sinnvoller ist z.B. der Satz: Vielleicht kannst du es später sagen.
  • Haben Sie ein falsches Wort gewählt, kommt es vor, dass die Patienten dieses immer wieder unwillentlich wiederholen. In dem Fall sollten Sie den Betroffenen unterbrechen und ablenken, damit er sich entspannen und noch einmal von Neuem beginnen kann.
  • Kosten für die Therapie: übernimmt in der Regel die gesetzliche Krankenkasse
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