Sprachstörung: Stottern beginnt im Gehirn

Logopädin übt mit einem stotternden Kind das Sprechen
Einfühlsam übt die Logopädin mit einem Kind, das stottert, schwierige Wörter richtig auszusprechen © Fotolia

Rund 800 000 Menschen in Deutschland stottern – Männer häufiger als Frauen. Schon in der Schule werden sie oft zu Außenseitern abgestempelt. Dabei lässt sich die Störung beheben, wenn sie rechtzeitig behandelt wird.

 

Neue Therapien gegen Sprachstörungen

Es ist, als ob er Vollgas gibt und gleichzeitig auf die Bremse tritt. Hochgradig erregt und angestrengt, versucht der Junge, etwas zu sagen, und überschlägt sich dabei. Kevin H. (7) ist Stotterer, einer von 800 000 in Deutschland. Die Erfahrungen der Stotterer gleichen einander. So weit ihre Erinnerungen an das Sprechen auch zurückreichen, nie war es ein müheloser Akt, meist eine zähe Angelegenheit, angstbeladen und peinlich. Fast zweitausend Jahre lang dominierte in der Wissenschaft die Ansicht, dass die Zunge für das Stottern verantwortlich sei. Der Philosoph Aristoteles behauptete, sie sei bei manchen Menschen zu träge, um mit den Gedanken Schritt zu halten. Er gehörte, wie auch Winston Churchill, Isaac Newton oder Marilyn Monroe, zu den Berühmtheiten, die durch Blockierungen des flüssigen Sprachflusses auffielen – Wiederholungen einzelner Wortteile ("-fa-fa-fahren”) oder ungewollte Vokalverlängerungen ("iiiich”).

 

Nicht alle Kinder, die nicht flüssig sprechen, sind Stotterer

An der Zunge liegt es nicht – soviel weiß man mittlerweile. Genauso wenig ist es eine schlechte Angewohnheit. Es hat auch nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, und es ist auch kein Ausdruck einer schwierigen Familiensituation. Doch die eigentlichen Ursachen der Sprachstörung sind bis heute ungeklärt. Verbreitet ist die Meinung, es handele sich um eine seelische, durch Schock oder durch frühe Kindheitserfahrungen ausgelöste Störung. Diskutiert wird auch eine erbliche Komponente. Oft ist die Sprachstörung wahrscheinlich auch "hausgemacht” – durch falsche erzieherische Bemühungen.

In den meisten Fällen beginnt das Stottern während der Phase des kindlichen Spracherwerbs, also etwa zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr. Wenn die Kinder eingeschult werden, verschlimmert sich das Leiden – vermutlich infolge negativer Reaktionen von Lehrern und Mitschülern.

Die meisten Kinder machen übrigens eine Phase durch, in der sie "unflüssig” sprechen. Sie stottern nicht wirklich, sondern suchen händeringend nach dem nächsten Wort – ihr Mitteilungsbedürfnis ist einfach größer als ihre Sprechfähigkeit.

 

Heilungschancen bei Stotterern im Vorschulalter am größten

Gute Ratschläge wie "hol erst mal Luft” oder "sprich langsamer” machen dem Kind überflüssigen Druck und verschlimmern das Problem. Sie sind oft daran schuld, dass aus einem leichten und vielleicht nur vorübergehenden "Entwicklungsstottern” ein schweres Stotterleiden wird.

"Echten” Stotterern bietet eine frühzeitige Behandlung, möglichst im Vorschulalter, gute Heilungschancen. Die kleinen Patienten sollten nach Ansicht des Sprachtherapeuten Joachim Renner, Vorsitzenden der IVS (Interdisziplinäre Vereinigung für Stottertherapie), auf eine spielerische Art behandelt werden, damit das Stottern nicht chronisch wird. Die meisten jugendlichen Stotterer überwinden ihr Manko allein oder mit therapeutischer Hilfe – nach dem Alter von 15 gibt es freilich nur selten noch wesentliche Fortschritte.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein erwachsener Stotterer lernt, flüssig zu sprechen, ist ziemlich gering. Ältere können jedoch lernen, erheblich flüssiger zu sprechen, um mit ihrer Sprechweise weniger aufzufallen.

Eltern und Lehrer sollten auf Stottern mit Zuwendung und Geduld reagieren, meint der Hamburger Sprachtherapeut Gerd Jacobsen. Am besten wäre es, die Sprachstörung völlig zu ignorieren. Stotterer sollten beim Sprechen nicht unterbrochen oder gehetzt werden. Man sollte ihnen aufmerksam zuhören und sich dabei nicht mit anderen Dingen, Zeitunglesen, Aufräumen etc., beschäftigen.

 

Angst verstärkt das Problem und bewirkt das Gegenteil bei Stotterern

Als Behandlungsform hat sich der "Nicht-Verneinungs-Ansatz” durchgesetzt. Dessen Ziel besteht nicht darin, das Stottern ganz zu überwinden, sondern flüssiger zu "stottern”. Entscheidend ist, das Stottern zu akzeptieren und auch mit dem Reststottern gut weiterzuleben. Denn Angst, soviel ist heute klar, verstärkt das Problem, und der krampfhafte Versuch, nicht zu stottern, bewirkt das Gegenteil.

Therapeutische Gruppen, aber auch Selbsthilfegruppen haben sich für Stotterer bewährt. Von einer Gruppe begleitet, können Stotterer merkwürdigerweise problemlos vorlesen, so lautet das Ergebnis einer amerikanischen Studie. Nur beim Einzelvortrag kommt ihr Redefluss ins Stocken. Lesen Menschen mit Sprachstörungen häufiger in der Therapiegruppe, verlieren sich die Auffälligkeiten.

Über Therapieangebote, -adressen und Selbsthilfegruppen informiert die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e. V., Gereonswall 112, 50670 Köln, Tel.: (0221) 139 11 06-07.

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