Sprachentwicklung: Wie Kinder sprechen lernen

Verena Elson Medizinredakteurin

Für eine gute Sprachentwicklung sollten Eltern vor allem eins tun: mit ihren Kindern sprechen, und zwar vom ersten Tag an. Aber es gibt noch weitere wirksame Tipps für die Sprachförderung bei Kindern.

Ein kleines Kind schaut mit seiner Mutter ein Bilderbuch an
Vorlesen und Bilderbücher anschauen fördert die Sprachentwicklung von Kindern Foto:  iStock/Sarenac
Inhalt
  1. Wann fangen Kinder an zu sprechen?
  2. Sprachentwicklung bei Neugeborenen
  3. Ist „Babysprache“ sinnvoll für die Sprachentwicklung?
  4. Sprachentwicklung im ersten Lebensjahr
  5. Sprachentwicklung im zweiten Lebensjahr
  6. Sprachentwicklung im dritten Lebensjahr
  7. Sprachentwicklung im vierten Lebensjahr
  8. Sprachförderung: die besten Tipps

Die kindliche Sprachentwicklung ist ein Wunderwerk: Die Schnelligkeit, mit der ein Kind seine Muttersprache perfekt erlernt, kann Erwachsene in ehrfürchtiges Staunen versetzen. Das Kind braucht dafür weder Vokabeln pauken noch Grammatikregeln auswendig lernen; es lernt aus der Kommunikation mit seinem Umfeld.

 

Wann fangen Kinder an zu sprechen?

Die meisten Kinder sagen ihr erstes Wort zwischen zwölf und 18 Monaten. Während einige Eltern sich bereits Ende des ersten Lebensjahres über diesen Meilenstein in der Entwicklung ihres Babys freuen können, müssen andere sich noch bis ins dritte Lebensjahr ihres Kindes gedulden.

Beides ist normal – wie in anderen Bereichen der Entwicklung eines Kleinkindes hat jedes Kind auch beim Sprechen sein individuelles Lerntempo. Und Eltern sollten das Sprachverständnis ihres Kindes nicht unterschätzen, bloß, weil es noch nicht spricht: Denn trotz großer Diskrepanzen im Wortschatz in den ersten Lebensjahren unterscheidet sich das Sprachverständnis der Kinder kaum.

 

Sprachentwicklung bei Neugeborenen

Lange Zeit gingen Mediziner davon aus, dass Neugeborene noch nicht oder kaum hören können. Sie nahmen an, dass das Gehör noch nicht genügend ausgereift sei. Dabei sieht eigentlich schon ein Laie, dass das nicht stimmen kann: Spricht eine Mutter ihr Neugeborenes an, wendet es ihr das Gesicht zu und lauscht aufmerksam. Es ist von der mütterlichen Stimme fasziniert (auch von der des Vaters – allerdings vermögen weibliche Stimmen Neugeborene noch mehr in den Bann zu ziehen). Tatsächlich weiß man heute, dass ein Neugeborenes bereits ähnlich gut hört wie ein Erwachsener.

Die Faszination des Säuglings für menschliche Stimmen ist es auch, die den Grundstein für seine Sprachentwicklung legt. Zunächst ist der Inhalt der Sprache für das Baby noch nicht interessant – es interessiert sich ausschließlich für Rhythmus, Melodie und vor allem Tonfall der Sprache. Schnell kann es anhand der Sprachmelodie eines Menschen erkennen, ob dieser freundlich gestimmt oder etwa verärgert ist. Mit zwei bis drei Monaten fängt der Säugling an, seinen Bezugspersonen auf den Mund zu schauen, wenn sie mit ihm sprechen.

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Ist „Babysprache“ sinnvoll für die Sprachentwicklung?

Das ständige Gespräch mit seinen engsten Bezugspersonen ist für die gute Sprachentwicklung des Babys unerlässlich. Eltern nehmen im „Dialog“ mit ihrem Säugling meist intuitiv eine charakteristische Ausdrucksweise an: Sie sprechen in einer erhöhten Tonlage, verwenden hauptsächlich Vokale, ziehen die Laute lang und wiederholen ihre Worte mehrmals. Ihre Mimik wirkt übertrieben: Der Mund ist geöffnet, die Augen aufgerissen, der Gesichtsausdruck wirkt erstaunt. Zusätzlich verwenden Eltern in den ersten Jahren häufig andere Begriffe für Dinge und Tätigkeiten aus dem Alltag des Babys – etwa Heia, Wauwau, Popo. Gemeinsam haben diese Begriffe, dass sie viele Vokale enthalten und für kleine Kinder einfacher auszusprechen sind.

Eltern auf der ganzen Welt sprechen (mehr oder weniger ausgeprägt) so mit ihren Babys – unabhängig vom kulturellen Hintergrund. Das bedeutet nicht, dass sie ihren Kindern nicht zutrauen, „vernünftige“ Sprache zu verstehen oder sie gar für dumm halten. Es handelt sich dabei um eine intuitive Reaktion auf das Verhalten des Kindes: Tatsächlich reagieren Babys stärker auf eine Ansprache in „Babysprache“ als auf „normale“ Erwachsenensprache. Die übertriebene Mimik zieht sie stärker in den Bann als ein normaler Gesichtsausdruck, die vokalreichen Begriffe klingen interessanter als das jeweilige Äquivalent in der „Erwachsenensprache“. In der Regel hören Eltern auch intuitiv wieder mit der Babysprache auf, wenn das Kind in seiner Sprachentwicklung so weit ist, dass es nicht mehr davon profitiert.

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Sprachentwicklung im ersten Lebensjahr

Mit „Geplapper“ wie etwa freudigem Quietschen und Gurrlauten übt sich der Säugling in den ersten sechs Monaten in Artikulation. Zunächst enthält sein Repertoire an Lauten hauptsächlich Vokale, schließlich auch Konsonanten wie P, B und M. Teilweise hängt er bereits zwei Lautsilben aneinander.

Dann kommt es zu einem Umbruch in der Sprachentwicklung: Mit etwa sieben bis acht Monaten beginnt das Baby, Laute aus seiner Umgebung nachzuahmen. Dass es das vorher noch nicht getan hat, sondern sein „Übungsgeplapper“ vielmehr seinen Ursprung in ihm selbst hatte, zeigt ein Unterschied zwischen hörenden und gehörlosen Kindern: Bis zu einem Alter von ungefähr sechs Monaten plappern beide gleich – dann plappern gehörlose Kinder immer weniger und hören schließlich (gegen Ende des ersten Lebensjahres) ganz damit auf.

Hörende Kinder dagegen bauen ihr Laute-Repertoire immer weiter aus, bilden immer längere Lautketten und beginnen, in Tonhöhe und Lautstärke zu variieren, sodass eine Art Singsang entsteht. Nicht alle Kinder beginnen bereits in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres mit der Nachahmung – bei einigen (vor allem Jungen) lässt dieser Schritt bis zum zweiten Lebensjahr auf sich warten.

Nicht „nicht“ sagen

In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres drückt sich das Baby immer weniger durch Schreien und immer mehr durch Geplapper und Gebrabbel aus. Wenn ihm etwas nicht passt, beginnt es zu „schimpfen“: Ihm ist seine Verärgerung deutlich anzuhören. Genauso kann es seinem Geplapper einen klagenden oder lockenden Unterton verleihen, um seinem Gegenüber mitzuteilen, dass es etwa Hunger oder Bauchschmerzen hat oder sich Zuwendung wünscht.

Gegen Ende des ersten Lebensjahres kann das Kind auf einfache Fragen und Aufforderungen reagieren („Geh zu Papa“, „Wo ist Oma?“). Es versteht auch „nein“ und hält zumindest kurz inne, wenn das Wort mit Nachdruck ausgesprochen wird. Worauf das Baby allerdings nicht reagieren wird, ist das Wörtchen „nicht“: Bis das Kind etwa zwei Jahre alt ist, filtert sein Gehirn es einfach heraus. Die Aufforderung „Nicht anfassen!“ hört sich für das Kind also an wie „anfassen!“ – eine Anweisung, der die kleinen neugierigen Finger gerne Folge leisten. Etwa bis zum zweiten Geburtstag sollten Eltern auch Verbote darum lieber positiv formulieren: „Nur angucken.“

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Sprachentwicklung im zweiten Lebensjahr

Im zweiten Lebensjahr reichert sich der Wortschatz des Kindes immer mehr an: vor allem um Alltagsvokabeln wie Körperteile, Kleidungsstücke oder Tiere. Zu Beginn des zweiten Lebensjahres fängt das Kind an, Präpositionen wie „auf“ oder „in“ zu begreifen. Dazu muss es zunächst verstehen, dass es dieses Verhältnis zwischen Gegenständen gibt, dass sich beispielsweise eine Kugel in einem Becher befinden kann oder ein Bauklotz auf einem Tisch. Ob ihr Kind diesen Entwicklungsschritt bereits gemacht hat, können Eltern überprüfen, indem sie beispielsweise sagen „Der Ball ist in der Tasche“. Sucht das Kind daraufhin in der Tasche nach dem Ball, kann es die Präposition „in“ verstehen. Allerdings verwendet das Kind die Präpositionen noch nicht selbst – damit beginnen die meisten Kinder erst Ende des zweiten Lebensjahres.

Die ersten Wörter

Die ersten Wörter sind bei den meisten Kindern „Mama“ und „Papa“, dann folgen weitere einfache Wörter wie „Ball“ oder „nein“. Kompliziertere Begriffe spricht das Kind zunächst unvollständig oder in seinem eigenen „Slang“ aus: etwa „Nane“ für Banane oder „bieln“ für spielen. Zunächst spricht es in Einwortsätzen: „Mama“ kann dann etwa bedeuten „Da ist Mama“, „Ich will zu Mama“ oder (mit entsprechender Intonation) „Wo ist Mama?“

Der nächste Schritt in der Sprachentwicklung sind Zweiwortsätze wie „Mama schlafen“ oder „Paul trinken“. Ab circa eineinhalb Jahren nutzen die meisten Kinder ihren Vornamen, wenn sie ihre Wünsche ausdrücken wollen oder von sich selbst erzählen. Einige verwenden aber auch „ich“ und „du“ – allerdings zunächst verkehrtherum, sie sprechen also von sich selbst als „du“ und bezeichnen die Bezugsperson als „ich“.

 

Sprachentwicklung im dritten Lebensjahr

Im dritten Lebensjahr erweitert sich der Wortschatz des Kindes rasant – Ende des dritten Lebensjahres umfasst er etwa 1.000 Wörter. Jetzt beginnt das Kind, Erlebnisse nachzuerzählen und verwendet dabei immer mehr Adjektive. Es lernt, die Mehrzahl von Hauptwörtern zu bilden; auch, wenn sich dabei noch die eigene Sprachlogik des Kindes durchsetzt (Blumes, Baums).

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Zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr beginnen Kinder, Verben zu konjugieren und Vergangenheitsformen zu verwenden. Dabei wenden sie die verinnerlichten grammatikalischen Regeln zunächst konsequent an, was zu „fehlerhaften“ Konstruktionen führt: „Papa lauft“, „Oma ist weggegeht“. So entstehen auch kreative Wortneuschöpfungen wie „geschenken“ (schenken) oder „Nachessen“ (Nachtisch).

 

Sprachentwicklung im vierten Lebensjahr

Im vierten Lebensjahr sind Eltern im wahrsten Sinne des Wortes gefragt: „Warum gehst du arbeiten?“ „Was macht der Mann?“ „Warum ist der Himmel blau?“ Das Kind erkundet fragend die Welt und scheint dabei nie zu ermüden. Auch, wenn die ständige Fragerei anstrengend werden kann, sollten Eltern versuchen, ihr Kind dabei immer ernstzunehmen und ehrlich zu sein, wenn sie die Antwort mal nicht wissen. Wenn Sie eine kurze Fragepause brauchen, sagen Sie das Ihrem Kind – grundsätzlich sollte es aber das Gefühl haben, dass seine Fragen und sein neugieriger Blick auf die Welt willkommen sind und gefördert werden.

Anfang des vierten Lebensjahres sprechen einige Kinder schon komplexe Sätze:„Ich will aber nach der Kita noch zu Hause spielen.“; „Oma soll mitkommen, wenn du mich abholst.“ Auch jetzt passieren aber noch grammatikalische „Fehler“ wie die Verwendung des falschen Artikels oder falscher Vergangenheitsformen („Gibst du mir den Sieb?“; „Ich habe alles aufgeesst.“)

Der Wortschatz vergrößert sich weiter explosionsartig – Ende des vierten Lebensjahres umfasst er bereits rund 2.000 Wörter.

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Sprachförderung: die besten Tipps

Auch wenn Eltern ihren Kindern das Sprechen nicht beibringen müssen, gibt es Verhaltensweisen im Umgang mit dem Kind, die zur Sprachförderung beitragen. Eltern können ihr Kind beim Sprechen lernen unterstützen, indem sie folgende Regeln beherzigen:

  • Von Anfang an im Dialog: Sprechen Sie von den ersten Tagen an viel mit Ihrem Kind. Eine 1995 durchgeführte Studie zur Sprachentwicklung ergab, dass Kinder, mit denen von Anfang an viel gesprochen wird, mit drei Jahren einen deutlich größeren Wortschatz haben und mit neun Jahren in der Schule besser abschnitten als Kinder, mit denen nur wenig gesprochen wurde. Dabei reicht es nicht, wenn das Kind den Gesprächen anderer zuhören kann – es ist wichtig, dass die Bezugspersonen sich dem Kind zuwenden und ihm ihre Aufmerksamkeit schenken.
  • Richtig korrigieren: Korrigieren Sie Ihr Kind immer nur inhaltlich, nicht sprachlich. Bei grammatikalischen Fehlern können Sie den Satz noch einmal richtig wiederholen. („Oma hat Kaffee getrinkt.“ „Genau, Oma hat Kaffee getrunken.“) Machen Sie das Kind nicht gezielt auf Fehler aufmerksam und fordern es nicht auf, den Satz noch einmal richtig zu sagen – das entmutigt das Kind nur und fördert seine Sprachentwicklung nicht.
  • Interesse an der Gedankenwelt des Kindes zeigen: Ermutigen Sie Ihr Kind zu sprechen, indem Sie Interesse an seiner Sicht auf die Welt zeigen. Stellen Sie viele Fragen danach, was es erlebt hat, wie ihm etwas gefällt, was ihm Spaß macht.
  • Vorlesen: Gemeinsames Bücher anschauen und Vorlesen fördert nicht nur die Sprachentwicklung, es unterstützt das Kind auch dabei, Empathie für andere Menschen zu entwickeln.

Quellen:
Largo, Remo H. (2019): Babyjahre, München: Piper Verlag.

Hart, Betty, and Todd R. Risley (1995): Meaningful differences in the everyday experience of young American children. Paul H Brookes Publishing.
 

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