Spiegelneuronen: Warum ist Gähnen ansteckend?

Verena Elson Medizinredakteurin

Es ist schon verrückt: Wenn wir jemanden beim Gähnen beobachten, müssen wir automatisch mitgähnen. Der Prozess, der dahintersteckt, ist tatsächlich faszinierend: Führt jemand anders eine Handlung aus, werden in unserem Gehirn spezielle Nervenzellen aktiv – die sogenannten Spiegelneuronen. Wie groß der Einfluss der speziellen Nervenzellen auf unser Empfinden und Sozialverhalten aber tatsächlich ist, ist noch nicht vollständig geklärt.

EIne Mutter liegt mit ihrer kleinen Tochter im Bett und beide gähnen
Wenn wir einen Mitmenschen beim Gähnen beobachten, werden unsere Spiegelneuronen aktiv – häufig müssen wir dann ebenfalls gähnen Foto:  iStock/Johnce
Inhalt
  1. Was sind Spiegelneuronen?
  2. Die zufällige Entdeckung der Spiegelneuronen
  3. Sind Spiegelneuronen die Voraussetzung für Empathie?
  4. Warum ist Gähnen ansteckend?
  5. Neugeborene trainieren ihre Spiegelneuronen
  6. Weitere Forschung notwendig
 

Was sind Spiegelneuronen?

Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die aktiv werden, wenn wir eine Handlung durchführen (z.B. etwas hochheben, ziehen oder schieben) oder etwas empfinden (z.B. Schmerz). Anders als andere Nervenzellen „feuern“ Spiegelneuronen auch dann, wenn wir eine andere Person beobachten, die beispielsweise etwas hochhebt oder sich verletzt.

 

Die zufällige Entdeckung der Spiegelneuronen

1996 machten italienische Forscher um Giacomo Rizzolatti eine sensationelle Zufallsentdeckung. Eigentlich wollte das Team herausfinden, welche Prozesse im Gehirn eines Affen ablaufen, wenn dieser nach Nahrung greift. Da fiel ihnen plötzlich ein seltsames Verhalten spezieller Nervenzellen auf: Sie wurden nicht nur aktiv, wenn die Tiere nach den Leckerbissen griffen, sondern auch dann, wenn sie beobachteten, dass ein Forscher dies tat. Dieses einzigartige Verhalten verlieh den Neuronen schließlich ihren Namen: Spiegelneuronen. Sie spiegeln die Handlungen anderer in unserem Gehirn.

In dem Affenexperiment wurden sogenannte Motorneuronen untersucht; das sind Nervenzellen, die aktiv werden, wenn wir uns bewegen. Forscher vermuten, dass rund 20 Prozent unserer Motorneuronen Spiegelneuronen sind. Bei sensorischen Neuronen, die Signale unserer Sinnesorgane wie Schmerzen an das Gehirn weiterleiten, sind es Schätzungen zufolge nur rund zehn Prozent. Dennoch: Auch in diesem Bereich „spiegelt“ unser Gehirn das Erleben unserer Mitmenschen. So kommt es, dass wir zusammenzucken und das Gesicht verziehen, wenn wir sehen, dass sich jemand mit dem Hammer auf den Daumen schlägt.

 

Sind Spiegelneuronen die Voraussetzung für Empathie?

Die Zufallsentdeckung sorgte für Euphorie unter Hirnforschern: Die Spiegelneuronen wurden zu den Stars unter den Nervenzellen und viele sahen in ihnen den Grundstein menschlichen Sozialverhaltens. Laut ihrer Theorie ermöglichen es uns die Spiegelneuronen, unsere Mitmenschen zu verstehen, uns in sie hineinzuversetzen und Empathie zu zeigen. Dass die Nervenzellen tatsächlich für all das verantwortlich sind, gilt jedoch als umstritten. Obwohl ihre Entdeckung bereits mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegt, steckt die Spiegelneuronen-Forschung noch in den Kinderschuhen. Unter Neurowissenschaftlern herrscht derweil ein reger Diskurs über die Bedeutung der Nervenzellen. Kritiker halten sie für stark überschätzt, andere glauben, ihr wahres Potenzial werde bisher noch gar nicht erkannt. Es sind noch viele weitere Studien notwendig, um die Funktion der Neuronen genau zu bestimmen.

Eine Frau hört ihrer Freundin aufmerksam zu
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Warum ist Gähnen ansteckend?

Ein Phänomen, das gerne den Spiegelneuronen zugeschrieben wird, ist das „ansteckende Gähnen“: Wir alle kennen den unwiderstehlichen Drang, zu gähnen, wenn wir beobachten, wie jemand anders den Mund weit aufreißt und gähnt. Und tatsächlich spricht einiges dafür, dass die Spiegelneuronen hinter diesem Drang stecken. So zeigte eine kleine 2013 veröffentlichte Gähn-Studie Züricher Forscher mit elf Probanden, dass die Spiegelneuronen der Teilnehmer aktiv wurden, wenn diese Videos von gähnenden Personen ansahen. 

 

Neugeborene trainieren ihre Spiegelneuronen

Auch das „Augenspiel“ zwischen Neugeborenen und ihren Eltern schreiben Forscher den Spiegelneuronen zu: In einer Partnerübung mit Mutter, Vater oder einer anderen Bezugsperson hält das Baby intensiven Augenkontakt und studiert die Mimik des Gegenübers ganz genau. Verziehen Mutter oder Vater das Gesicht, öffnen den Mund oder strecken die Zunge heraus, versucht der Säugling instinktiv, diese Bewegungen nachzuahmen. 

Auch die Eltern spiegeln die Emotionen ihres Sprösslings intuitiv: Weint es, weil es Bauchschmerzen hat, verziehen auch sie das Gesicht; beginnt es nach etwa sechs Wochen zu lächeln, lächeln sie es ebenfalls wiederholt an und halten dabei Blickkontakt. Aus Sicht von Neurowissenschaftlern ist dieses Verhalten auf die Spiegelneuronen des Säuglings und seiner Eltern zurückzuführen. Sie helfen dem Kind dabei, das Verhalten seiner Bezugspersonen nachzuahmen und machen damit seine motorische und emotionale Entwicklung erst möglich.

 

Weitere Forschung notwendig

Die Spiegelneuronen werden Hirnforscher auf der ganzen Welt vermutlich noch Jahrzehnte beschäftigen. Rizzolatti und sein Team haben mit ihrer Entdeckung viele Fragen aufgeworfen, die es in weiteren Forschungsarbeiten zu klären gilt: Dazu gehört beispielsweise die Frage nach dem Beitrag der Spiegelneuronen zur Entwicklung der Empathie. Dazu kommt die noch unvollständig erforschte Rolle der Nervenzellen bei Behinderungen, Erkrankungen und deren Behandlung. So haben einige Wissenschaftler beispielsweise die Theorie aufgestellt, dass Autismus mit einer mangelnden Funktion der Spiegelneuronen zusammenhängt. 

Quellen: 
Rizzolatti, G., and Laila Craighero (2004): The mirror-neuron system." Annu. Rev. Neurosci.

Haker, H., et al. (2013): Mirror neuron activity during contagious yawning—an fMRI study, in: Brain imaging and behavior.

greatergood.berkeley.edu (2012): Do Mirror Neurons Give Us Empathy?

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