Spätfolgen für Christoph Kramer? Warum eine Gehirnerschütterung so gefährlich sein kann

Verdacht auf Gehirnerschütterung bei Christoph Kramer
Nationalspieler Christoph Kramer musste während des Finalspiels der Fußballweltmeisterschaft wegen des Verdachts auf Gehirnerschütterung ausgewechselt werden. Doch welche Gefahren drohen bei einer Gehirnerschütterung und wieso ist es eigentlich so schwier © Corbis

Im Finale der Fußballweltmeisterschaft musste Nationalspieler Christoph Kramer wegen des Verdachts auf eine Gehirnerschütterung stark benommen ausgewechselt werden. Doch welche Gefahren drohen bei einer Gehirnerschütterung und wieso lässt sie sich eigentlich so schwer diagnostizieren? Praxisvita hat für Sie alle Fakten zum Thema und erklärt, wie Sie eine Gehirnerschütterung erkennen können.

In der 31. Spielminute des Finales der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien musste der deutsche Nationalspieler Christoph Kramer stark benommen ausgewechselt werden. Zuvor war er von einem argentinischen Abwehrspieler mit der Schulter hart am Kopf getroffen worden und hatte einige Minuten später in einem Zweikampf einen zweiten Schlag abbekommen. Die Diagnose: Verdacht auf Gehirnerschütterung. Viele Zuschauer im Stadion und vor den Fernsehgeräten fragten sich daraufhin, bei welchem Zusammenstoß Kramer die Gehirnerschütterung erlitten hatte. Immerhin war er bis zu dem Moment, in dem er – kaum fähig alleine zu gehen, stark benommen und mit glasigen Augen – ausgewechselt werden musste, in der Lage Sprints zu laufen, in die Zweikämpfe zu gehen und Bälle zu fordern.

Praxisvita geht für Sie den Fragen nach, wieso die Erkennung von Gehirnerschütterungen so schwierig ist und welche Gefahren durch sie drohen. Wie kann unser Gehirn überhaupt solche Schläge wegstecken und kommt es womöglich sogar zu Spätfolgen?

Sportwissenschaftler der University of North Carolina sind dieser Frage jetzt nachgegangen. Die Wissenschaftler rüsteten für ihr Experiment junge Spieler des Footballteams ihrer Universität mit Spezialhelmen aus. Die eingebauten Messgeräte registrierten jede Erschütterung des Schädels sowie die Stärke, Fliehkraft und Stoßrichtung. Die Köpfe der Footballspieler mussten auf dem Feld immer wieder Stöße aushalten, die einem Auffahrunfall bei mäßiger Geschwindigkeit entsprachen. Das Opfer eines Verkehrsunfalls würde bei einer derartigen Krafteinwirkung mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ärztlich behandelt werden. Das Überraschende: Über 70 Prozent der Spieler zeigten nicht die typischen Symptome einer Gehirnerschütterung wie Desorientiertheit, Übelkeit und starke Kopfschmerzen. Sie gingen nach einer kurzen Unterbrechung wieder aufs Spielfeld – um sich in den nächsten Zweikampf zu begeben. Doch wie kann das sein?

 

Die Erkennung von Gehirnerschütterungen ist schwierig

Das Vertrackte an verdeckten Hirnverletzungen ist, dass man sie oft nicht sehen oder durch Röntgenaufnahmen darstellen kann. Eigentlich ist das Gehirn gut geschützt, umgeben von der harten Schädeldecke, die mechanische Verletzungen abhält, und durch das Hirnwasser und die drei Hirnhäute, die die Auswirkungen von Erschütterungen dämpfen können. Es ist also gegen kleinere und, wie die Studie zeigt, auch größere Erschütterungen in der Regel gut geschützt. Dennoch zählt die Gehirnerschütterung zu den häufigsten Kopfverletzungen – beim Sport, im Straßenverkehr, aber auch im Haushalt ist es schnell passiert.

Was unterscheidet also die Schläge, die dem Gehirn schaden, von denen, die keine neuronalen Folgen haben? Bei der Auswertung der Videobänder der Spiele bemerkten die Forscher, dass die Verletzungsgefahr des Kopfes davon abhing, welche Körperhaltung der Spieler beim Unfall eingenommen hatte und ob ein Schlag schnell und kurz oder mit dem Körper eines gegnerischen Spielers verbunden war.

 

Eine Gehirnerschütterung ist ein Schädelhirntrauma

„Neurologisch betrachtet, stellt jede Verletzung des Kopfes ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) dar“, sagt der Neurologe Dr. Hans-Georg Bredow. „Die Gehirnerschütterung ist zwar die mildeste Form eines Traumas, aber sind die Grenzen fließend, weshalb auch leichte Erschütterungen nie unterschätzt werden sollten.“ Doch was genau passiert aus medizinischer Sicht in dem Moment der Erschütterung in unseren Köpfen? Da das Gehirn wie in einer Art Flüssigkeitskammer gelagert ist, kann ein Sturz oder ein Schlag gegen den Kopf aufgrund der Trägheit der Gehirnmasse zu einem Aufprall des Gehirns auf die eine Seite des Schädels führen, häufig gefolgt von einem Rückprall zur anderen Seite des Schädels. Durch die Erschütterung werden die 100 Milliarden Nervenzellen reichlich durcheinandergeschüttelt, und in den Nervenbahnen kommt es zu kleinen Abrissen.

Die Gehirnerschütterung ist demnach eine Kettenreaktion: In einer „erschütterten“ Nervenzelle bricht die elektrische Spannung zusammen. Die Zelle fällt aus. Als eine Art Schutzreaktion schalten sich auch die umliegenden Nervenzellen ab. Je mehr Zellen ausfallen, desto wahrscheinlicher werden Symptome wie Verwirrung, Gedächtnislücken und der Verlust des Bewusstseins.

 

Vorbeugung verhindert „schwerste Langzeitschäden“

Sind die Symptome eindeutig, ist der Fall klar. Eine diagnostizierte Gehirnerschütterung heilt in der Regel folgenlos aus, wenn sie behandelt wird. Aber oft werden leichte Gehirnerschütterungen nicht erkannt. Wird in so einem Fall nicht vorgebeugt durch eine Ruhe- und Regenerationsphase, können schwerste Langzeitschäden auftreten. „Vegetative Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Konzentrationsstörungen können dann zum Dauerzustand werden, und auch das Risiko von Gehirnerkrankungen ist erhöht“, sagt Bredow.

Die Schädigungen bei Gehirnerschütterungen verlaufen in zwei Phasen: der akuten Phase direkt nach dem Zusammenprall oder Sturz und der verzögerten Phase in den Tagen oder Wochen nach dem Unfall. Kommt in dieser Phase eine zweite oder dritte Verletzung hinzu, summieren sich die Schäden enorm und übersteigen die Regenerationsfähigkeit des Gehirns. Bei American-Football-Profis, deren Köpfe ständig Schlägen ausgesetzt sind, wurde in Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren festgestellt, dass deren Gehirnzellen nach mehrfachen Gehirnerschütterungen geschrumpft und verletzt waren. Ein Zeichen für eine chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE), eine Gehirnkrankheit, die über die Jahre wichtige Gehirnfunktionen zunehmend hemmt. Auch das Demenz-Risiko steigt stark an.

 

Wie Sie eine Gehirnerschütterung erkennen

Mit einer wiederholten Erschütterung wäre die Schmerzgrenze unseres Gehirns in jedem Fall überschritten. Um das zu vermeiden, ist es wichtig als Betroffener von einer ersten Verletzung zu wissen. „Eine frühe und eindeutige Diagnose ist deshalb der beste Schutz vor Spätfolgen", sagt Dr. Hans-Georg Bredow. „Wenn die Bewusstlosigkeit über fünf bis zehn Minuten andauert, eine Erinnerungslücke auch für die Zeit nach dem Unfall besteht, wenn erbrochen wird oder Lähmungserscheinungen auftreten, sollte unbedingt eine weitere Abklärung im Krankenhaus erfolgen."

Wenn die Symptome nicht so eindeutig sind, der Kopf aber einen heftigen Schlag abbekommen hat, raten Ärzte zum sogenannten Scat-Test. Bei dem Test werden dem Verletzten Fragen gestellt: „Wie alt bist du?“, „Wo sind wir?“, „Was ist passiert?“ Auch die Monate von Dezember rückwärts aufzusagen ist eine beliebte Diagnose-Methode. Ebenso wie Gleichgewichtsübungen. So wichtig wie die Diagnose ist die Therapie, damit der Kopf seine Belastungsfähigkeit zurückgewinnt. 48 Stunden Bettruhe mit Reizabschirmung. Das bedeutet, jede geistige und körperliche Anstrengung zu vermeiden, und schließt auch Fernsehen und Lesen ein. Zudem hat sich Akupunktur als Behandlung bei lange anhaltenden Kopfschmerzen bewährt.

Hamburg, 14. Juli 2014

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