"Social Softness" – warum andere sich so weich anfühlen

Verena Elson Medizinredakteurin
Ein älteres Paar kuschelt
Die Haut anderer Menschen fühlt sich für uns weicher an als unsere eigene, zeigt eine aktuelle Studie © Shutterstock

Andere Menschen haben immer weichere Haut als wir selbst – zumindest fühlt sich das so an, zeigt eine aktuelle Studie britischer Forscher. Was steckt hinter der „Social Softness Illusion“?

Wenn Sie Ihren eigenen Arm berühren und anschließend den einer anderen Person, wessen Haut fühlt sich weicher an? Das kommt nicht etwa darauf an, wer die andere Person ist, zeigt eine aktuelle Studie von Forschern des University College in London. Demnach lautet die Antwort immer: Die Haut der anderen Person fühlt sich weicher an.

Die Londoner Wissenschaftler ließen Probanden ein Experiment durchführen: Mit dem Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand strichen sie über die Haut am Unterarm eines anderen Probanden und verglichen das Gefühl mit dem, wenn sie über ihren eigenen Unterarm strichen. Das Ergebnis: Die Probanden empfanden die Haut des anderen mehrheitlich als weicher als ihre eigene Haut. Als die Probanden bei einem zweiten Versuch die Handfläche eines anderen Studienteilnehmers berührten, empfanden sie dagegen keinen Unterschied zwischen der Weichheit dieser Haut und der ihrer eigenen Handfläche. Wie kam es zu diesen Ergebnissen?

 

Darum ist Streicheln angenehm

Menschen brauchen Körperkontakt zu anderen Lebewesen – das ist der Wissenschaft schon lange bekannt. Bekommt ein Säugling nicht genügend Körperkontakt, leidet seine psychische Entwicklung, aber auch sein Immunsystem entwickelt sich weniger gut.

2002 gelang schwedischen Forschern dann ein Durchbruch in der „Berührungsforschung“: Sie identifizierten ein bestimmtes Nervengeflecht in der Haut – das sogenannte C-taktile-Netzwerk (CT-Netzwerk) –, das speziell für die Wahrnehmung von Berührungen zuständig ist. Dieses Nervengeflecht sendet bei streichelnden Berührungen Signale an die sogenannte Inselrinde – ein Hirnareal, das unter anderem für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist.

Eine Schlüsselrolle bei der Entdeckung des CT-Netzwerks spielte ein Experiment mit einer Patientin, deren Hautnerven nicht richtig arbeiteten und die darum Berührungen nicht bewusst wahrnehmen konnte. Trotz dieser Fehlfunktion reagierte sie emotional auf Berührungen: Wurde sie gestreichelt, fühlte sie sich plötzlich wohler und entspannter. Der Grund: Anders als ihre übrigen Hautnerven funktionierte ihr CT-Netzwerk und sendete bei Streicheleinheiten folgenden Auftrag an ihr Gehirn: „Entspannen und Wohlfühlen.“

Die schwedischen Forscher beobachteten außerdem, dass nur Hautareale, an denen normalerweise Haare wachsen, mit einem CT-Netzwerk ausgestattet sind. Wurde die Patientin an der Handfläche berührt, löste das darum keine positiven Emotionen bei ihr aus.

 

So funktioniert die Social Softness Illusion

Doch warum fühlt sich die Haut anderer für uns weicher an als unsere eigene? Auch das hat mit dem CT-Netzwerk zu tun, sagen die Studienleiter der aktuellen Untersuchung. Den entscheidenden Hinweis darauf gibt die Tatsache, dass der Unterschied nicht wahrgenommen wird, wenn wir die Handfläche eines anderen berühren. Die Haut des Gestreichelten ist scheinbar nur an behaarten Körperstellen weicher als die eigene – nur dort, wo sich ein CT-Netzwerk befindet.

Ausschlaggebend sind also die Nerven des „Empfängers“ der Streicheleinheiten. Die Theorie der Studienleiter dazu: Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass sich Berührungen an diesen Körperstellen angenehmer anfühlen und projizieren dieses Wissen auf unsere eigene momentane Empfindung – so entsteht die Illusion, dass sich die „gestreichelte“ Haut weicher anfühlt als die eigene. Die Wissenschaftler sprechen von der „Social Softness Illusion“.

 

Die perfekte „Streichelgeschwindigkeit“

Unterstützt wird diese Theorie durch das Ergebnis eines weiteren Experiments, das die Forscher durchführten: Dabei wurde die „Streichelgeschwindigkeit“ gemessen und verglichen. Zuvor hatten Wissenschaftler bereits herausgefunden, welche Geschwindigkeit bei Streichelbewegungen das CT-Netzwerk am stärksten stimuliert: ein bis zehn Zentimeter pro Sekunde. Die Probanden wurden nun aufgefordert, den Unterarm eines Mitprobanden ohne Streichbewegung zu berühren und anschließend in verschiedenen Geschwindigkeiten zu streicheln. Dabei stellte sich heraus: Die „Social Softness Illusion“ fiel am stärksten aus, wenn die Probanden in der optimalen Geschwindigkeit für das CT-Netzwerk streichelten.

Mehr über die Heilkraft von Berührungen finden Sie hier.

Hamburg, 15. September 2015

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