Sober curious: Die neue Lust am Alkoholverzicht

Michelle Kröger

Ein gesunder Lifestyle steht heutzutage bei vielen Menschen im Vordergrund. Dazu gehört nicht bloß eine gesunde Ernährung, sondern auch der Verzicht auf Alkohol. “Sober curious” oder “sober curiosity” wird diese Bewegung aus den USA auch genannt. Dabei geht es um Fitness, Reinheit und Klarheit von Körper und Geist. Der Verzicht auf Alkohol wird auch hierzulande immer mehr zum hippen Statement.

Die neue, freiwillige Abstinenz vom Alkohol
Gesunder Lebensstil ohne Alkohol: Sober curious Foto:  iStock |George Rudy
Inhalt
  1. Sober curious: Was ist das?
  2. An wen richtet sich die Sober-Curiosity-Bewegung?
  3. Bei jungen Leuten findet ein Umdenken statt
  4. Befindet sich die Getränkeindustrie im Umbruch?
  5. Wie süchtig kann Alkohol machen?
 

Sober curious: Was ist das?

Feiern mit Mocktails und alkoholfreiem Bier statt Prozenten: Die neue Lust der Nüchternheit oder auch “Sober curious” genannt. Bei dieser neuartigen Bewegung aus den USA geht es um einen gesunden Lebensstil ohne Alkohol. Denn immer mehr Menschen sehen ein, dass sich Alkohol und (vor allem) seine Nachwirkungen nur schwer mit einem gesundheitsbewussten Lebensstil vereinbaren lässt. Die Sober-Curious-Bewegung findet immer mehr Anhänger und Anhängerinnen – und das mittlerweile weltweit. Auf Longdrinks, Wein, Bier und Schnaps wird heute gern verzichtet. Schließlich gibt es ja auch immer mehr alkoholfreie Alternativen. Und ein Grund, dass einem langweilig wird, ist der Alkoholverzicht schon lange nicht mehr.

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In den USA wird dieser Trend schon seit einiger Zeit zelebriert, es gibt alkoholfreie Drinks und Partyreihen, die sich der Sober curiosity widmen. Und sogar alkoholfreie Bars. Und auch in Deutschland kommt dieser Lifestyle-Trend immer mehr an. “Das war eigentlich überfällig! Bei uns wird definitiv zu viel Alkohol getrunken, und wir müssen lernen damit sensibler und reflektierter umzugehen. Weniger ist mehr”, sagt Prof. Dr. Heino Stöver, geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences.

Die in New York lebende Britin Ruby Warrington prägte den Begriff "Sober Curious" nachdem sie vor einigen Jahren erstmals Gleichgesinnte fand und über das Verhältnis zu Alkohol nachzudenken. Auch in ihrem Buch "Sober Curious" setzt sie sich für Abstinenz ein.

Übrigens, wer sich fragt, woher die Begrifflichkeit „Sober Curious“ stammt: Es bedeutet so viel wie „nüchtern, aber neugierig“.

 

An wen richtet sich die Sober-Curiosity-Bewegung?

An alle, die einen gesunden Lebensstil für angemessen und sinnvoll halten, jedoch bisher den Alkohol außen vor gelassen haben. Immerhin gehört der sogenannte “Healthy Way of Life” heutzutage zum guten Ton. Clean eating – das ist etwas, mit dem sich heute viele Menschen beschäftigen. Auf den Social-Media-Kanälen schmückt man sich mit veganen Rezepten und, ja, auch mit Mocktails (alkoholfreien, aufregenden Getränken). Es sind vor allem viele junge Menschen, die sich jetzt mehr und mehr darauf besinnen, dass alkoholische Getränke der Gesundheit nicht gut tun. Sie entwickeln ein Bewusstsein für die negativen Folgen des Alkoholkonsums.

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Sober-Curious-Anhänger haben ein übergeordnetes Ziel: Sie wollen die Abstinenz neu definieren und mit alten Gewohnheiten und gesellschaftlichen Normen brechen. Denn lange galt der Verzicht auf Alkohol als langweilig, als spaßbefreit und war sogar verpönt. Und das ist auch heute in vielen Kreise noch so. “Ich denke die Bewegung richtet sich außerdem an alle, die auch während des Corona-bedingten Lockdowns gemerkt haben, dass sie zu viel trinken”, so Prof. Dr. Stöver. Gut zu wissen: Schon eine temporäre Abstinenz wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit aus.

 

Bei jungen Leuten findet ein Umdenken statt

Es herrscht auch noch heute in vielen gesellschaftlichen Kreisen ein enormer Druck, zum Glas zu greifen und Alkohol zu trinken. Inwieweit konnte sich das bereits ändern? “Einerseits besteht immer noch ein erheblicher Druck auf jeden Einzelnen, zu trinken. Und das bei allen möglichen Anlässen und Gelegenheiten. Andererseits gibt es eine wachsende Sensibilisierung gegenüber Alkohol, beispielsweise auch bei Jugendlichen. Die Prävalenzzahlen des Alkoholkonsums der 12- bis 17-Jährigen zeigt eindeutig in diese Richtung: weniger Alkoholkonsum”, erklärt Prof. Dr. Stöver.

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Befindet sich die Getränkeindustrie im Umbruch?

Bewegungen wie Sober Curious beeinflussen auch die Getränkeindustrie. Denn die Menschen verlangen nun gesunde und natürliche Alkoholalternativen. In diesem Bereich herrscht ein hohes Marktpotenzial. Es gibt auch in Deutschland immer mehr (Nischen-)Firmen, die sich auf low- oder non-alcoholic-Drinks spezialisieren. Und sogar große, bekannte Unternehmen bringen mittlerweile zusätzlich alkoholfreie Alternativen heraus. Außerdem findet man bei Bedarf auch viele Rezepte für Mocktails – ob in speziellen Rezeptbüchern oder online. Die Nachfrage ist da und sie wird bedient. Die steigenden Absatzzahlen von alkoholfreiem Bier sprechen für sich. Viele Leute wünschen sich zwar den Geschmack von Alkohol, wollen aber auf den Kater am nächsten Morgen lieber verzichten.

 

Wie süchtig kann Alkohol machen?

“Über längere Zeit kann Alkohol sich in den Lebensalltag einschleichen, zur Normalität und Gewohnheit werden”, sagt Prof. Dr. Stöver. “Viele Alltagshandlungen sind dann nicht mehr ohne Alkohol vorstellbar.” Generell unterscheidet man laut dem Experten zwischen verschiedenen Trinker-Typen: Es gibt zum Beispiel Gelegenheits-, Belohnungs-, Entlastungs-, Dauer- oder Quartalstrinker.

Doch was tun, wenn man es nicht schafft, einen Abend ohne Weinglas in der Hand zu überstehen? “Stattdessen sollten Punktnüchternheiten in den Alltag integriert werden, bewusst die Vielfalt von Geschmäckern und Aromen genutzt werden, um ein Fest für die Sinne ohne Alkohol zu feiern”, sagt der Suchtexperte. Betroffene sollten sich einer anderen Person anvertrauen und sich gegebenenfalls therapeutische Hilfe suchen. Eines ist jedoch klar: Die Trendbewegung Sober curious ist eine gute Möglichkeit, dem Alkohol abzuschwören, sich auf seinen Körper zu fokussieren und sich dabei dennoch hip zu fühlen.

Unser Experte: Prof. Dr. Heino Stöver

Quellen: 

Sober Curiosity – den Verzicht genießen, in: Zukunftsinstitut.de

Warrington, Ruby (2019): Sober curious – The Blissful Sleep, Greater Focus, Limitless Presence, and Deep Connection Awaiting Us All on the Other Side of Alcohol, New York: HarperCollins US

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